Streit um Sudetentag: Die tschechische Regierung reisst alte Wunden auf und belastet das Verhältnis zu DeutschlandErstmals findet das Treffen der Sudetendeutschen in Tschechien statt, der früheren Heimat der Vertriebenen. Die Rechtspopulisten in der Regierung Babis missbilligen dies und schüren alte Feindbilder.21.05.2026, 15.31 Uhr4 LeseminutenHunderttausende von Sudetendeutschen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei vertrieben. Aufnahme aus Marianske Lazne (Marienbad) aus dem Jahr 1946.ImagoWas als Zeichen der Versöhnung gedacht war, ist zu einer Belastung der Beziehungen zwischen Deutschland und Tschechien geworden. Erstmals soll an diesem Wochenende der seit 1950 immer zu Pfingsten abgehaltene Sudetendeutsche Tag auf tschechischem Boden stattfinden – in der einstigen Heimat der nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebenen Deutschen. Die Organisatoren des Festivals Meeting Brno, das sich seit zehn Jahren für den Dialog und die Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte einsetzt, hatten die üblicherweise in Bayern zusammenkommenden Sudetendeutschen nach Brno (Brünn) eingeladen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Unglücklich» sei das, sagte dazu der tschechische Ministerpräsident Andrej Babis. Sein Aussenminister Petr Macinka lud den bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder implizit von dem Treffen aus. Als Schirmherr will Söder beim Sudetentag sprechen, doch er werde «keine gute Zeit haben», meinte Macinka in einem Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» anlässlich seines Besuchs in Berlin vor zehn Tagen. Brno stehe in Flammen, behauptete er.Die Sudetendeutschen verzichten auf RückforderungenVergangene Woche verabschiedete das tschechische Parlament mit den Stimmen der Regierungsparteien sogar eine Resolution gegen die Veranstaltung. Die Organisatoren werden darin aufgefordert, das Treffen abzusagen. Die gesamte Opposition blieb der Sitzung aus Protest fern, und auch einige Vertreter des Regierungslagers fehlten. Nur 73 der insgesamt 200 Abgeordneten stimmten letztlich für die Vorlage. Eingebracht hatte sie die rechtsextreme Partei SPD von Parlamentspräsident Tomio Okamura. Dieser bezeichnete die Abhaltung des Kongresses auf tschechischem Boden als «Beleidigung für die Opfer des Nationalsozialismus und der deutschen Besatzung».Der Parlamentsbeschluss ist rechtlich nicht bindend. Man halte «selbstverständlich» am Pfingsttreffen fest, sagte denn auch Bernd Posselt, der Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft und langjährige Europaabgeordnete der CSU in Bayern. Er nannte die tschechische Resolution eine «Farce und Karikatur eines parlamentarischen Prozesses». Auch Söder wird in Brno nach wie vor erwartet. Es ist jedoch mit Protesten zu rechnen.Die Kontroverse ist vor allem der tschechischen Innenpolitik geschuldet. Als Babis im Februar mit Söder in München zusammentraf, nannte er den in Brno geplanten Anlass noch eine private Bürgerinitiative, mit der sich die Regierung nicht befasse. Er steht aber unter dem Druck seiner am rechten Rand politisierenden Koalitionspartner, der SPD und der Autofahrerpartei (Motoristen) von Petr Macinka. Beide haben Mühe, sich gegen Babis’ übermächtige Partei ANO zu behaupten. Das Schüren alter Feindbilder kommt da gelegen.So unterstellt etwa Okamura den Sudetendeutschen, nach wie vor die Nazi-Verbrechen zu relativieren und die Rückgabe des 1945 mit den sogenannten Benes-Dekreten entzogenen Eigentums zu fordern. Das bedrohe die tschechische Souveränität. Allerdings hatte die Sudetendeutsche Landsmannschaft schon 2015 die Passagen aus ihrer Satzung gestrichen, in denen sie die «Wiedergewinnung der Heimat» und die Restitution oder Entschädigung von konfisziertem früherem Eigentum verlangt hatte. Diese Abkehr vom Revanchismus erfolgte unter Posselt, der für seine Bemühungen um Versöhnung und Dialog auch in Tschechien Anerkennung geniesst.Kollektive Verantwortung für Nazi-VerbrechenDer nun aus Prag angezettelte Streit reisst alte Wunden auf. Jahrhundertelang lebten Deutschsprachige in Böhmen, Mähren und Schlesien unter der multiethnischen Habsburgermonarchie. Nach deren Zerfall im Ersten Weltkrieg bildeten sie im neuen Staat Tschechoslowakei mit mehr als drei Millionen Menschen die grösste Minderheit. Als Hitler-Deutschland sich 1938 zunächst das «Sudetenland» und 1939 auch den tschechischen Teil einverleibte, sympathisierten viele Sudetendeutsche mit den Nazis. Einige beteiligten sich am Holocaust und an weiteren grausamen Verbrechen des NS-Regimes in dem Gebiet.Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden dafür alle Deutschsprachigen kollektiv verantwortlich gemacht, ohne eine Prüfung individueller Schuld. Der aus dem Londoner Exil nach Prag zurückgekehrte Staatspräsident Edvard Benes erklärte im Mai 1945, es sei notwendig, die Deutschen in den tschechischen Ländern «völlig zu liquidieren», um einen homogenen Nationalstaat zu schaffen. Die nach ihm benannten Benes-Dekrete legalisierten die Ausbürgerung, gewaltsame Vertreibung und Enteignung von rund drei Millionen Deutschen sowie der im slowakischen Landesteil lebenden ungarischen Minderheit.Die «wilden» Vertreibungen unmittelbar nach Kriegsende waren geprägt von Rache, Willkür und Gewaltexzessen. Das bekannteste Beispiel ist der «Brünner Todesmarsch», bei dem die deutsche Bevölkerung der Stadt im Mai 1945 über 50 Kilometer bis zur österreichischen Grenze getrieben wurde. Von den 27 000 Menschen, die den Marsch in Brno antreten mussten, kamen 5000 ums Leben.Das Unrecht, das der deutschen Minderheit widerfahren ist, war in der Tschechoslowakei und später in Tschechien jahrzehntelang ein Tabuthema. Erst Präsident Vaclav Havel drückte 1990 anlässlich seines ersten Deutschlandbesuchs sein Bedauern über die damaligen Ereignisse aus – und sorgte damit in der Heimat für Empörung.Die Regierung schürt antideutsche RessentimentsIn den vergangenen Jahren bemühten sich beide Seiten aber intensiv um eine Aussöhnung – die Sudetendeutschen mit dem Verzicht auf Rückforderungen von enteignetem Land und die Tschechen etwa mit dem seit 2015 von Meeting Brno organisierten «Versöhnungsmarsch». Jedes Jahr gehen Vertriebene und ihre Nachkommen die Strecke des «Brünner Todesmarsches», allerdings in umgekehrte Richtung.Die Benes-Dekrete sehen jedoch viele Tschechen nach wie vor als Pfeiler der Nachkriegsordnung des Landes. Eine Minderheit hege noch tief verwurzelte antideutsche Ressentiments gegen die Deutschen – auch weil die Sudetendeutschen früher stets die Aufhebung der Verordnungen verlangten, sagt der Politikwissenschafter Jakub Eberle, der an der Prager Karls-Universität internationale Beziehungen lehrt und im Beirat des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums sitzt. Die radikalen Kräfte in der Regierung schürten diese nun, und Babis lasse sie gewähren. Das sei verantwortungslos, findet Eberle. Das gute Verhältnis zwischen Tschechien und Deutschland sei eine Erfolgsgeschichte der europäischen Integration.Passend zum Artikel