Das hat es in den bald 250 Jahren der Geschichte von Mozarts Oper „Don Giovanni“ gewiss noch nie gegeben: Während der ruchlose Verführer versucht, mit seiner Serenade „Deh, vieni alla finestra, o mio tresoro“ die Magd Zerlina in seine Arme zu locken, baut er aus Metallteilen ein Einzelbett auf. Und der hier singt, ist zudem gar nicht Don Giovanni, sondern sein Gegenspieler Don Ottavio, der den Part nur spielt, weil der eigentliche Star des Abends nicht antritt. Denn in dieser außergewöhnlichen Musik- und Sprechtheater-Fusion, in der nichts zueinanderpasst und doch alles geheimnisvoll harmoniert, ist zumindest eins sicher: Don Giovanni singt nicht.Was sich der Regisseur András Dömötör, der für seine Arbeit in Ungarn mit zahlreichen Preisen geehrt wurde, gemeinsam mit Evamaria Salcher ausgedacht hat, ist ein überaus anregendes, durchweg originelles Crossover, das unter dem Titel „Ciao Amore!“ im Staatstheater Wiesbaden zwei Werke aufeinander loslässt, die auch auf den zweiten Blick nichts miteinander zu tun haben: Mozarts Oper „Don Giovanni“ und Ingmar Bergmans Film „Szenen einer Ehe“. Immerhin geht es bei beiden um Liebe und Leidenschaft sowie deren wenig beglückende Begleiterscheinungen Hass, Langeweile, Betrug und Tod. Das Konzept hätte mit vielen anderen Opern von Mozart, Verdi oder Puccini ähnlich gut funktioniert, doch das ist bereits der einzige Einwand gegen das hochintelligente Projekt, dem auch nicht daran gelegen ist, durch die Spiegelung von Oper und Ehedrama weitreichende Erkenntnisse zu erzielen.Die Parallelisierung der beiden Stücke zeigt sich bereits in den Kostümen von Fruzsina Nagy, die alle handelnden Figuren quasi verdoppeln. Denn die Freunde der sich trennenden Bergman-Eheleute Marianne (Sandrine Zenner) und Johan (Adi Hrustemović) sind hier das sich dauerstreitende Regie-Paar Katarina (Tabea Buser) und Peter (Felix Strüven). Sie haben sich für ihre aktuelle „Don Giovanni“-Inszenierung einen, wie sie finden, genialen Gag ausgedacht: Die beiden zentralen Paare der Oper sollen genauso aussehen wie sie. Demgemäß tragen Donna Anna (Sophia Theodorides) und Don Ottavio (Sascha Zerrabi) die gleichen Kostüme wie Marianne und Johan, Zerlina (Aistė Benkauskaitė) und Masetto (Jonathan Macker) die gleichen wie Katarina und Peter. Alles ist gedoppelt, und in den kühl skandinavischen Räumen von Botond Devichs Schiebebühne sieht man oft die Figuren gleichzeitig: Während hier gerade noch gesungen wird, beginnt dort schon wieder die Diskussion der sich zerlegenden Partner.Auf der Handlungsebene verliebt sich Johan in die Zerlina-Sängerin, geht mit ihr ins Ausland, entliebt sich wieder, will zu Marianne zurückkehren, die aber inzwischen ihre Freiheit genießt und durch die schmerzliche Trennung gereift ist. Immer wieder werden die langen Paar-Gespräche, die ganz bergmanesk ohne humoristische Einfärbung gespielt werden, unterbrochen durch eher kurze Mozart-Einschübe, häufig kommentiert und angeleitet durch das Regie-Team, in dem vor allem die hochemotionale und exaltierte Katarina den Ton angibt. Sie ist außerdem mit dem Masetto-Sänger liiert, was zu heftigen Knutschanfällen und Eifersuchtsdramen führt. Und da der Superstar (stumm gespielt von Michael Birnbaum, der am Ende auch als Komtur mit Maske auftritt) den Don Giovanni nicht singt, müssen alle anderen ran, häufig auch der Regieassistent David (Jaeyoung Ha). Es geht permanent drunter und drüber, das Chaos ist perfekt.András Dömötörs Inszenierung auf der Bühne des Kleinen Hauses, begleitet von einem Quintett mit Musikern des Hessischen Staatsorchesters unter Leitung von Alejandro Jassán, nimmt Ingmar Bergman einerseits ganz ernst, lässt dabei aber die nordische Schwere an der flirrenden Leichtigkeit von Mozarts Musik zerschellen. Die drei Stunden Spieldauer vergehen wie im Flug, und obwohl alles ein wenig überambitioniert ist, wird man subtil unterhalten und verlässt das Theater in seltener Beschwingtheit.„Ciao Amore!“, Staatstheater Wiesbaden, Kleines Haus, weitere Aufführungen am 22. Mai, 11. und 25. Juni
Wiesbaden: "Ciao Amore!" nach Mozart und Bergman im Staatstheater
Die Crossover-Produktion „Ciao Amore!“ zwingt zusammen, was nicht zusammengehört. Im Staatstheater Wiesbaden wird daraus ein subtiles Vergnügen.






