Was ist Godzilla gegen Gallensteine? Was ist ein Alien-Facehugger gegen Arteriosklerose, ein Demogorgon gegen Demenz? Im Alter kämpfen die Menschen gegen die wahren Monster. Perfider, hartnäckiger und hässlicher als alles, was sich Hollywood ausdenken kann, sind diese Ungeheuer der letzten Meile. Es wurde höchste Zeit für eine Ü-70-Horrorserie, in der die Nekrosen blühen und die Gelenke beängstigend knacken. Und das alles nicht in der Krankenhausästhetik öffentlich-rechtlicher Sozialdramen, sondern in einer wuchtigen Technicolor-Retro-Optik: Willkommen bei „The Boroughs“, der ersten Staffel der neuesten Netflix-Monsterparty voller Sci-Fi-Grusel und Humor.Die Serie spielt in einem Luxusghetto für zahlungskräftige Alte, erbaut weitab des harten, schmutzigen Lebens in der Wüste von New Mexico, im Inneren der Sanduhr sozusagen. „Die beste Zeit ihres Lebens“ sollen die Bewohner laut Firmenmotto in The Boroughs verbringen. Und tatsächlich könnte man glauben, in einer idealen Kleinstadt gelandet zu sein, in der alles auf das Wohlergehen der zumeist noch ziemlich rüstigen Rentner ausgerichtet ist. Und doch besitzt The Boroughs die beunruhigende Atmosphäre einer Kulissenstadt. In ihrer Überperfektion erinnert sie an die künstlichen Orte in „The Truman Show“ oder der Gruselserie „Wayward Pines“.Angriff der lästigen ZeitfresserDie Unterhaltungen im Gerontoparadies drehen sich um Golf, um weidlich ausgekostete Liebschaften und Wehwehchen aller Art. Im Haupthaus wohnen die Demenzkranken. Man kann kaum anders, als die alienartigen Kreaturen, die sich in der Nacht von den Decken der Häuser auf die Senioren herabhangeln, als Metaphern zu lesen. Schließlich zapfen sie den Opfern den Lebenssaft ab, nehmen ihnen allmählich den Atem. Die lästigen Zeitfresser sind es, die sich lange in Schach halten lassen, aber irgendwann zuschnappen – so wie gleich zu Beginn der Pilotfolge, als sich das Biest eine Oma krallt.Hält sich fit: Alfre Woodard als Judy in „The Boroughs“NetflixDamit wird ein Haus in der Siedlung frei, in das nur wenig später Sam Cooper (Alfred Molina) einzieht, ein bärbeißiger Ingenieur im Ruhestand: „Ich war Ingenieur, jetzt bin ich Gefängnisinsasse.“ Seine Ehefrau war es, die in The Boroughs leben wollte, aber sie ist kurz zuvor gestorben. Also landet Sam allein in der Altersresidenz, schließlich stecken seine Ersparnisse in dem Projekt. Hingebracht oder abgegeben wird er von der Familie seiner Tochter (Jena Malone), die dabei – treffend beobachtet! – in der dritten Person über den Vater spricht, als stünde er nicht daneben: „Er repariert gerne alte Fernseher.“ Molina wiederum kann wunderbar den missmutigen Alten geben, der in seiner Trauer einen Hass auf diesen Ort und alles Lebendige kultiviert – bis es ihn wieder einfängt.Lacht sich einen Jüngeren an: Geena Davis als Renee in „The Boroughs“NetflixEs dauert nämlich nicht allzu lange, bis die aufgedrehten Nachbarn, die beschlossen haben, das Beste aus ihren goldenen Jahren zu machen, ein wärmendes Gefühl der Zugehörigkeit in Sam entfachen. Da sind der Golf-Lebemann Jack (Bill Pullman), die ehemalige Journalistin Judy (Alfre Woodard) mit ihrem dauerbekifften Ehemann Art (Clarke Peters), der an Krebs im Endstadium leidende Arzt-Dandy Wally (Denis O’Hare) und natürlich die kesse Renee (Geena Davis). In Renee sind alle ein wenig verliebt, aber sie lacht sich den jungen Security-Mitarbeiter Paz (Carlos Miranda) als Lover an. Doch kaum ahnt Sam, dass er mit dieser bunten Truppe – Arthritis hin oder her – einen munteren Lebensabend verbringen könnte, da schlägt das Monster wieder zu.Jetzt legt „The Boroughs“ erst richtig los, denn gemeinsam laufen die betagten Helden Sturm gegen die Ungeheuerlichkeit, dass ihnen etwas den kostbaren Atem nehmen möchte. Die Erfinder und Head-Autoren Jeffrey Addiss und Will Matthews (sie haben die erste und letzte Folge geschrieben) zeigen sich als hemmungslos parteiisch, denn ihr Buch enthält keine Spur von Fatalismus: Die Monster, die die Community heimsuchen, lassen sich tatsächlich aufspüren, jagen und bekämpfen. Dafür braucht es nur Zusammenhalt, Mut und selbst gebaute Retro-Waffen, bei denen Sams Vorliebe für alte Fernseher zum Tragen kommt (Spukgestalten und Braun’sche Röhren, das ist ein Match seit „Poltergeist“). Dass die Monster mächtige Verbündete haben, ahnen die Helden schnell. Aber wer glaubt schon verwirrten Alten, wenn sie von Eulen in der Wand faseln?Nicht einmal die Duffer Brothers, die maßgeblichen Produzenten von „The Boroughs“, verbergen, dass das alles stark – und sehr bewusst – an ihre epochale Serie „Stranger Things“ erinnert: von Sams Charakterentwicklung, die der von Polizeichef Jim Hopper gleicht, bis zu Verfolgungsjagden in dunklen Tunneln und den Superkräften einer Figur. Auch der Retrocharme ist derselbe, wenngleich „The Boroughs“ in der Gegenwart spielt, aber eben einer, in der die Zeit stehen geblieben scheint. Was Kate Bushs musikalische Power für die pubertierenden Kämpfer in „Stranger Things“ war, ist Bruce Springsteens „Thunder Road“ für die Generation Viagra: „We got one last chance to make it real“.Einen freihändigen Umgang mit Mystery-Elementen gibt es hier wie da. Man kommt allerdings diesmal ohne den immer dusseliger gewordenen Parallelwelt-Überbau von „Stranger Things“ aus (auch wenn es im Erklärfieber gegen Ende hin durchaus quatschig wird), denn im Hintergrund steht immer irgendwie die große Allegorie: der nicht nur moralisch problematische Kampf ums lange, vielleicht sogar ewige Leben. Erzählerisch ist der Abklatsch „The Boroughs“ damit sogar die rundere Serie.Was daran begeistert, ist aber sicher nicht der tiefere Sinn, sondern das perfekte Spiel der renommierten Darsteller, die pointierten Dialoge, die oft witzig sind, ohne flapsig zu werden, und die Regie von Augustine Frizzell, Kyle Patrick Alvarez und Ben Taylor. Sonnendurchflutete Bilder lassen sie mit düsteren Nachtszenen kollidieren, beides auf kosmischem Niveau; das macht schon ganz ohne übersinnliche Szenen deutlich, dass es hier um das große Ganze geht, um Werden und Vergehen. „The Boroughs“ mag der zarte Schmelz der Jugend fehlen, das Verführerische der Unschuld, aber der Aufruhr des Alters macht das zu erstaunlich großen Teilen wett.The Boroughs ist auf Netflix abrufbar.
Die Netflix-Serie "The Boroughs" ist furios
„Stranger Things“ im Altersheim: Die Duffer-Brüder begeistern mit einer Rentner-Adaption ihres größten Netflix-Hits. Die ist sogar smarter als die Vorlage. Wir bitten zur Gruselparty im Gerontoparadies.










