40-Stunden-Woche, flexible Arbeitszeiten, Fairtrade-Schoggi: wenn der Zivildienst zum Hochschulpraktikum wirdImmer mehr junge Männer gehen in den Zivildienst. Dort kann man Events planen, Social-Media-Kanäle betreuen und die Öffentlichkeitsarbeit von gemeinnützigen Organisationen übernehmen. Ist das noch Ersatzdienst oder bereits ein Berufseinstieg?21.05.2026, 05.31 Uhr7 LeseminutenSo kennt man den Zivildienst: Ein junger Mann hilft einem Schüler bei seinen Aufgaben.Christian Beutler / Keystone«Du willst dich für eine fairere Welt einsetzen?», fragt die Stiftung Max Havelaar auf ihrer Website.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Stellenangebot wirkt verlockend. Wertvolle Arbeitserfahrung bei der «Analyse» und der «Recherche» im Bereich Nachhaltigkeit und Entwicklungspolitik sammeln – eine «abwechslungsreiche und sinnstiftende Tätigkeit in einem dynamischen und marktwirtschaftlichen Umfeld». Die Welt retten, unter möglichst komfortablen Bedingungen: mit Büro an zentraler Lage, «abschliessbarem Veloraum und Duschen», dazu «40-Stunden-Woche, flexible Arbeitszeiten» und «Fairtrade-Kaffee, -Tee, -Schoggi und -Früchte im Büro».Der Job bei Max Havelaar klingt wie ein karriereförderndes Hochschulpraktikum. Entsprechend hoch sind die geforderten Qualifikationen: «Mind. 6 Semester Studium (abgeschlossener Bachelor); gute Englischkenntnisse; Interesse an Entwicklungszusammenarbeit; exakte Arbeitsweise»; «Spanischkenntnisse von Vorteil». Das Überraschende dabei: Bei der Max-Havelaar-Stelle handelt es sich um einen Zivildiensteinsatz.Der Zivildienst – buchstäblich ein «Schoggi-Job»?Keine Lust auf Wehrdienst?Am 14. Juni stimmt die Schweizer Bevölkerung über die Reform des Zivildienstgesetzes ab. Bundesrat und Parlament wollen mit neuen Massnahmen dafür sorgen, dass weniger junge Männer vom Militär in den Zivildienst wechseln. Unabhängig von den bereits geleisteten Militärdiensttagen sollen im Zivildienst künftig in jedem Fall mindestens 150 Diensttage erbracht werden. Das soll verhindern, dass Soldaten nach absolvierter Rekrutenschule das Militär verlassen. Da es der Armee an Ärzten fehlt, sollen zudem Zivildiensteinsätze, die ein Medizinstudium erfordern, verboten werden.Der emotionale Kern der Debatte: Wie attraktiv darf der zivile Ersatzdienst sein? Legt man den Zivildienst als allgemeinen Bürgerdienst aus, dann scheint es sinnvoll, Zivis dort einzusetzen, wo sie ihre Talente und ihre akademische Ausbildung am besten einbringen können: ob im Pflegeheim, auf dem Bauernhof oder im Büro. Wer das Militär priorisieren will, sieht die Sache wohl anders. Mit flexiblen Arbeitszeiten und Arbeitserfahrung bei begehrten Stellen kann auch die attraktivste Rekrutenschule nur schwer konkurrieren.Gesetz und Verfassung sehen keine Wahlfreiheit zwischen Militär und Zivildienst vor. Wer sich der Armee verweigert, tut dies aus Gewissensgründen – zumindest in der Theorie. Faktisch sind manche Einsatzbetriebe aber bemerkenswert ehrlich, wenn es um die Anwerbung von Zivis geht: «Du hast keine Lust auf den Wehrdienst und denkst darüber nach, dich für den Zivildienst bei Remar zu engagieren?», fragt ein Betrieb. «Das freut uns sehr!»Die Zulassungen zum Zivildienst vervierfachten sich, als 2009 die Gewissensprüfung abgeschafft wurde. Seither gilt der sogenannte «Tatbeweis»: Zivis beweisen ihren Gewissenskonflikt, indem sie die anderthalbfache Anzahl Diensttage leisten. Letztes Jahr entschieden sich 7200 Männer für den zivilen Ersatzdienst – so viele wie noch nie. Etwa ein Drittel der Übertritte fand nach der Rekrutenschule statt. Mittlerweile steht einer Armee mit 146 000 Soldaten ein Zivildienst mit 60 000 Dienstpflichtigen gegenüber.Dabei gab in einer Studie von 2024 nur ein Drittel der Zivis an, den Militärdienst kategorisch abzulehnen. Zu den wichtigsten Motiven für den Wechsel in den Zivildienst gehörten die als höher wahrgenommene Sinnhaftigkeit der eigenen Tätigkeit sowie die grössere Flexibilität bei den Einsätzen. Zudem sahen 72 Prozent der Zivis im Ersatzdienst einen Mehrwert für ihre berufliche Laufbahn. Beim Militär sahen bloss 33 Prozent der Armeeangehörigen einen solchen Vorteil.Auf den ersten Blick mag dies erstaunen. In der Öffentlichkeit dominiert das Bild des Zivis, der in der Pflege, im Naturschutz oder in der Schule mit anpackt – dort, wo dringend Personal für strenge Arbeiten gesucht wird. Auf der Website des Referendumskomitees finden sich Bilder von Zivis, die Seniorinnen mit Rollator helfen oder im Wald chrampfen.Zivis sind vor allem fürs Übernehmen von eher unbeliebten Arbeiten bekannt, etwa in der Landwirtschaftspflege.Christian Beutler / KeystoneWer Einsicht in das interne Stellenportal des Zivildiensts hat oder sich unter ehemaligen Zivis umhört, merkt schnell: Das ist zumindest nicht die ganze Wahrheit. Es gibt auch die etwas anderen Zivi-Einsätze – jene, die im Bürostuhl statt mit Rollstuhl stattfinden, sich an Hochqualifizierte richten und oft wie Praktika aussehen, wenngleich in Teilen über die Sozialversicherungen bezahlt.Kommunikation und KurzfilmeKarrieremässig attraktiv wirkt nicht nur die Max-Havelaar-Stelle, sondern auch die beiden Ausschreibungen der Stiftung Biovision in den Bereichen politische Kommunikation sowie Kommunikation und Entwicklungszusammenarbeit. Zu den Aufgaben des Zivis gehört es dort, die Online-Kanäle von Biovision mit Inhalten zu bespielen, Medienarbeit zu betreiben, Info-Blätter aufzubereiten, Grossanlässe zu planen und bei der «Strategieentwicklung» der Stiftung mitzuhelfen.Bei der Stiftung Swisspeace sollen Zivis die Website und das Facebook-Profil betreuen sowie am Newsletter redaktionell mitarbeiten – 40 Stunden «gleitende Arbeitszeit» pro Woche. Beim Hilfswerk der evangelischen Kirchen der Schweiz (Heks) sind Stellen für «Campaigning» ausgeschrieben: Die Zivis sollen die Flüchtlingskampagne und die nationale ökumenische Kampagne mitgestalten. Auch Pro Velo und Birdlife Schweiz bieten Einsätze mit Teilfokus auf Social Media oder Öffentlichkeitsarbeit an.Viele weitere Vereine, Behörden, Bibliotheken, Universitäten und Museen suchen Zivis fürs Büro: Statt Kommunikationsarbeit und Projektplanung stehen hier Administration oder Archivarbeit auf dem Plan. Das hört sich trockener an, als es teilweise ist: So kann man als Zivi für die Winterthurer Kurzfilmtage Filme überprüfen, beim Historischen Lexikon der Schweiz mitarbeiten, die Buchbestände von Klöstern erschliessen oder Rechercheaufgaben für das Zentrum Dürrenmatt übernehmen.Daneben gibt es in Spitälern Ausschreibungen, die zwar nur zum Teil im Büro stattfinden, aber eher für Festanstellungen gedacht scheinen. So vergibt das Inselspital Bern etwa eine Zivi-Stelle mit der Bezeichnung «Wissenschaftlicher Mitarbeiter Sportorthopädie». Die Aufgabenbeschreibung lautet: Betreuung von Patienten, Durchführen von einfachen Operationen, Mitarbeit bei Studien. Andere Spitäler suchen «Assistenzärzte» als Zivis. Dazu kommen Stellen bei Ämtern und Gesundheitsbetrieben für die Forschung, insbesondere in den Bereichen Medizin und Umweltwissenschaften.Diese Einsätze sind nicht für jedermann gedacht. Biovision setzt ein «abgeschlossenes Studium an einer Universität oder Fachhochschule und erste Berufserfahrungen» voraus. Andere Zivi-Betriebe wünschen ein Studium in Sozialwissenschaften, Sprachwissenschaften, Ethnologie, Physik, Geschichte, Kunstgeschichte, Architektur oder Jura.Mehr als 100 Bewerbungen«Ich war sehr erstaunt, dass es überhaupt so spannende Zivildiensteinsätze gibt», sagt Martin Meyer, angesprochen auf die Stellenausschreibungen in der Öffentlichkeitsarbeit. Meyer leitet das operative Geschäft des Personalvermittlers Adecco Schweiz. Er sagt: «Wenn ich so einen Zivildiensteinsatz machen kann, hilft das später in der Karriere enorm.»Bei den Bürostellen von Biovision oder Swisspeace sieht Meyer einen klaren «Praktikumscharakter» – vor allem für Akademiker, die später eine Karriere in der Verwaltung oder in der Kommunikation anstreben. «Nicht jeder hat das Glück, so einen Job zu bekommen», sagt Meyer. «Auf die Stellen bei Biovision kämen sicher mehr als 100 Bewerbungen, wenn das normale Inserate wären.» Dazu komme, dass der Zivildienst durch den Erwerbsersatz zum Teil besser bezahlt werde als ein Praktikum.«Die Belastung einer zivildienstleistenden Person» muss laut Gesetz insgesamt jener eines Soldaten in seinen Ausbildungsdiensten entsprechen. Der Ersatzdienst soll ausserdem dort geleistet werden, wo Ressourcen fehlen. Und er darf den Arbeitsmarkt nicht verzerren, muss also wettbewerbsneutral sein. Es stellt sich die Frage: Werden diese Bedingungen bei hochattraktiven Bürostellen erfüllt?Gewisse Einsätze könnten auch Diskussionen über religiöse und politische Neutralität provozieren. Die Betriebe selbst müssen zwar nicht neutral sein – ein katholisches Altersheim darf Zivis für die Betreuung einsetzen. In den Einsätzen dürfen Zivis aber kein weltanschauliches Gedankengut verbreiten oder die politische Meinungsbildung beeinflussen. Ob das in der Öffentlichkeitsarbeit von Organisationen, die zu Abstimmungen Stellung beziehen, gegeben ist, müsste im Einzelfall anhand des Pflichtenhefts geklärt werden.Wer Zivildienst leistet, muss bei der Arbeit religiös und politisch neutral sein – auch in einem katholischen Altersheim.Christian Beutler / Keystone«Seien Sie politisch», befiehlt Biovision den Lesern in einem Beitrag auf der Website. «Setzen Sie sich für Initiativen ein, die Bodenschutz berücksichtigen.» Und bei Max Havelaar steht: «Konzernverantwortung: Fairtrade Max Havelaar unterstützt die neue Initiative», darunter ein anonym verfasster Text. Das Heks engagierte sich in seiner Kampagnenarbeit derweil für einen Schweizer Beitritt zum Uno-Migrationspakt.Die Frage nach dem SinnPatrick Hässig, der früher erst Militär- und später Zivildienst leistete und heute für die GLP im Nationalrat sitzt, sagt: «Im Einzelfall kann man beim Zivildienst gewisse Einsätze hinterfragen.» Die Frage nach dem Sinn stelle sich beim Militär aber genauso: «Wir haben für die aktuellen Herausforderungen zum Beispiel viel zu wenige Drohnen- oder Cybersoldaten, dafür Büroordonnanzen, Diensthundeführer und Trainsoldaten mit Pferden.»Entscheidend ist für Hässig: «Das System als Ganzes funktioniert.» Armee und Zivildienst sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Solange die Armee einen Überbestand habe und der Tatbeweis durch die anderthalbfache Dienstpflicht erbracht werde, sehe er auch bei Büroeinsätzen keine grundsätzlichen Probleme. Müsste die Anzahl Zivis reduziert werden, würde er den Dienst im Unterricht, in der Pflege und in der Landwirtschaft priorisieren.Anders sieht das der SVP-Nationalrat Mauro Tuena, der sich für die Reform des Zivildiensts einsetzt. «Das ist an Unglaublichkeit gar nicht zu überbieten», sagt er, als er mit diversen Zivi-Stellen im PR-Bereich konfrontiert wird. «Der Zivildienst ist ein Ersatzdienst, kein Plausch.» Die Belastung müsse jener im Militär entsprechen. «Doch jetzt bläht man ihn faktisch zu einer staatlichen Stellenvermittlung für attraktive Jobs auf.»Laut Tuena handelt es sich um einen Missbrauch des Zivildiensts, wenn Zivis auf Kosten der Allgemeinheit die Öffentlichkeitsarbeit von «linken Organisationen» übernehmen. Der Zivildienst solle nur dort zum Einsatz kommen, wo die Ressourcen wirklich fehlten. Bei den Stellen von Swisspeace, Biovision oder Heks sei das «sicher nicht» der Fall – «man würde genug Leute finden, die das machen wollen».HandlungsbedarfWie viele Zivis in der Öffentlichkeitsarbeit oder Forschung tätig sind, lässt sich nicht genau beziffern. Das Bundesamt für Zivildienst nennt nur für die Arbeitsfelder Zahlen: So wurden letztes Jahr 50 Prozent der Diensttage im Sozialwesen, 18 Prozent in der Schule und 15 Prozent im Gesundheitswesen geleistet. Die restlichen Diensttage verteilten sich auf Umweltschutz, Landwirtschaft, Kulturgütererhaltung und Entwicklungsarbeit. In welche Kategorie ein bestimmter Einsatz fällt, ist öffentlich nicht einsehbar.Das evangelische Hilfswerk Heks sagt auf Anfrage: Im Sinne der Chancengleichheit für alle Geschlechter setze die Organisation seit einigen Jahren «Praktikantinnen und Praktikanten» statt Zivis für die Kampagnenarbeit ein. Max Havelaar schreibt, die Stiftung mache keine Kampagnenarbeit und äussere sich nur punktuell zu politischen Fragestellungen; Zivis setze die Stiftung zu anderen Zwecken als Praktikanten ein. Die Stiftungen Biovision und Swisspeace antworteten im geforderten Zeitrahmen nicht.Christoph Flückiger, Kommunikationschef beim Bundesamt für Zivildienst (Zivi), sagt: Ob Zivi-Einsätze gesetzlichen Vorgaben wie Wettbewerbsneutralität oder weltanschaulicher Neutralität entsprächen, werde bei der Anerkennung von Einsatzbetrieben kontrolliert. Beim Heks sei im Pflichtenheft verankert, dass die Zivis keine religiösen Ansichten verbreiten. «Mit wiederkehrenden, unangekündigten Inspektionen vor Ort prüfen wir, dass der Vollzug gesetzeskonform durchgeführt wird.»Die Zahl der anerkannten Einsatzbetriebe sank im vergangenen Jahr von 4361 auf 4264, zum Teil, weil das Bundesamt Anerkennungen widerrief. Seit 2019 werden neue Betriebe zudem nur anerkannt, wenn sie Einsätze in den Bereichen Pflege oder Umweltschutz anbieten. Flückiger bestätigt denn auch: «Das Bundesamt für Zivildienst hat Handlungsbedarf im Bereich der Arbeitsmarktneutralität erkannt und arbeitet an Lösungen.» Künftig könnten gewisse Tätigkeiten als Zivi-Aufgaben verschwinden.Passend zum Artikel
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