Cyril Ramaphosa ist ein Entfesselungskünstler. Doch nun droht ihm die Absetzung als Präsident Südafrikas. Ein PorträtEr war Gewerkschaftsführer, Mandela-Vertrauter, Wirtschaftsboss: Cyril Ramaphosa hat sich immer wieder neu erfunden. Jetzt droht ihn ein alter Skandal zu fällen.21.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenCyril Ramaphosa hat viele Verwandlungen erlebt. Nun droht ihm das Aus.Kim Ludenbrock / EPASein Biograf hat ihn als Chamäleon bezeichnet. «Er hat die Fähigkeit, sich allen so zu präsentieren, wie er will», sagte der Autor Anthony Butler 2018 der BBC. Butler hat ein Buch geschrieben mit dem Titel «Cyril Ramaphosa. Der Weg zur präsidialen Macht». Zum Zeitpunkt des BBC-Interviews hatte Cyril Ramaphosa, mit 65 Jahren, den Weg gerade vollendet: Er wurde zum Präsidenten Südafrikas gewählt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als Ramaphosa Präsident wurde, hatte er tatsächlich schon viele Gewänder übergestreift: Er war als Gewerkschaftsführer im Blaumann unterwegs gewesen, als Aktivist der Anti-Apartheid-Partei African National Congress (ANC) im bunten Parteihemd, als Geschäftsmann im mattschwarzen Massanzug. Präsident schien die letzte Rolle des Chamäleons zu sein. Ramaphosa hatte sein halbes Leben darauf hingearbeitet.Gerade scheint es, als habe es das Chamäleon Ramaphosa zu weit getrieben mit der Anpassung. Anfang Mai hat das südafrikanische Verfassungsgericht entschieden, das Parlament müsse den sogenannten «Phala Phala»-Skandal neu aufarbeiten. Es geht um mindestens 580 000 Dollar, die Einbrecher 2020 von der Wildfarm Ramaphosas nördlich von Johannesburg gestohlen hatten. Das Geld war in Sofakissen versteckt. Ramaphosa hat die Herkunft des Geldes nie überzeugend erklärt. Nun hat der Gerichtsentscheid ein Impeachment-Verfahren gegen ihn in Gang gesetzt.Ramaphosa war 2018 eigentlich als Präsident angetreten, der die Korruption an der Staatsspitze beenden sollte. Der ANC war längst von der Anti-Apartheid-Bewegung zu einer selbstherrlichen Quasi-Staatspartei geworden. Stattdessen stürzt Ramaphosa nun womöglich derselben Praktiken wegen wie jene, die er beenden sollte. Es wird sich in den nächsten Monaten zeigen.Er hielt Mandelas MikrofonSollte Cyril Ramaphosa, inzwischen 73, tatsächlich abgesetzt werden, wäre dies der Sturz eines Mannes, der Südafrika seit mehr als 40 Jahren prägt – und der häufig in Wendepunkten der nationalen Geschichte besonders sichtbar war.Ramaphosa wuchs in Soweto auf, der grössten Township Südafrikas, in einer Zeit, in der die Rassengesetze in Südafrika verschärft wurden. Ramaphosa war ein fleissiger und ehrgeiziger Schüler. Als Jurastudent wurde er in den 1970er Jahren zum Anti-Apartheid-Aktivisten. Er landete zweimal im Gefängnis, verbrachte Monate in Einzelhaft.In den 1980er Jahren, dem letzten vollen Jahrzehnt der Apartheid, wurde er zu einer Figur, die man nicht mehr übersehen konnte. Er leitete die National Union of Mineworkers, formte die Gewerkschaft zur grössten des Landes, mit über 300 000 Mitgliedern. Er organisierte 1987 einen der grössten Streiks in der Geschichte des Landes. Er stritt mit weissen Minenbesitzern über bessere Löhne und Arbeitsbedingungen für die schwarzen Arbeiter.Ramaphosas Verhandlungstalent liess ihn auch im ANC rasch aufsteigen. Als Nelson Mandela im Februar 1990 nach 27 Jahren im Gefängnis freigelassen wurde und zu einer jubelnden Menge sprach, stand Ramaphosa neben ihm und hielt das Mikrofon. Ein Jahr später wurde Ramaphosa zum Generalsekretär der Partei gewählt.Ramaphosa und Mandela handelten zusammen das Ende der weissen Vorherrschaft aus. Als Mandela 1994, schon 75-jährig, Präsident wurde, schien der mehr als dreissig Jahre jüngere Ramaphosa als logischer Nachfolger bereitzustehen.Telekommunikation, Minen – und McDonald’sDoch Ramaphosa wurde zur Seite gedrängt. Viele im ANC sahen in ihm einen Angepassten, einen, der während der Apartheid weder im Gefängnis noch im Exil gelebt hatte, sich stattdessen im Dialog mit den weissen Machthabern um Reformen bemüht hatte. An Ramaphosas Stelle wurde Thabo Mbeki der Nachfolger Mandelas.Ramaphosa erfand sich neu, als Geschäftsmann. Bewies da so viel Talent wie in der Politik. Innerhalb weniger Jahre errichtete er ein Imperium, tauchte in fast jedem wichtigen Bereich der grössten Volkswirtschaft Afrikas auf: Telekommunikation, Bergbau, Medien, Getränke, als Besitzer der südafrikanischen Franchise von McDonald’s. Innerhalb von zwei Jahrzehnten häufte er ein Vermögen von fast einer halben Milliarde Dollar an – er wurde zu einem der reichsten Afrikaner.Und in den Augen einiger Weggefährten zu einem, der sich so sehr an sein neues Umfeld anpasste, dass er nichts mehr gemeinsam hatte mit dem einstigen Gewerkschaftsführer, sondern sich in einen Oligarchen verwandelte.Vom Gewerkschafter zum Oligarchen?Jene, die Ramaphosa Verrat vorwarfen, sahen sich bestätigt, als Minenarbeiter 2012 im Ort Marikana streikten. Ramaphosa, einer der Chefs der Minenfirma, bezeichnete den mehrwöchigen Streik als «hinterhältig kriminell», er rief dazu auf, ihn zu beenden. Es folgte das schlimmste Massaker der Post-Apartheid-Geschichte Südafrikas. Die Polizei erschoss 34 Minenarbeiter, verletzte 78 weitere.Ramaphosa, dem keine strafrechtliche Schuld nachgewiesen wurde, suchte nach Möglichkeiten, seinen Ruf zu reparieren. Er rettete sich zurück in die Politik. Nur vier Monate nach dem Massaker wurde er zum Vizepräsidenten des ANC gewählt, 2014 dann zum Vizepräsidenten des Landes.Ramaphosas Glück war, dass Südafrika seit 2009 von einem Präsidenten regiert wurde, dessen Ruf noch deutlich ramponierter war als jener von Ramaphosa. Jacob Zuma liess unter anderem seine Privatresidenz mit bis zu 20 Millionen Euro an Steuergeldern umbauen, er schanzte befreundeten Geschäftsleuten Ministerposten zu, soll Hunderte von Bestechungszahlungen eingestrichen haben.Ramaphosa präsentierte sich als saubere Alternative zu Zuma. 2017 wurde er zum Parteivorsitzenden gewählt. Ein Jahr später drängte er Zuma zum Rücktritt. Mit drei Jahrzehnten Verspätung hatte der einst designierte Nachfolger von Mandela sein Ziel erreicht. Er war Präsident.Economy fliegen, mit der Bevölkerung schwatzenViele sahen in Ramaphosa den Retter, der Südafrika von Misswirtschaft und Korruption befreien würde. Andere fragten sich, wie einer, der sich während Jahren als Vizepräsident mit dem System Zuma arrangiert hatte, ein glaubwürdiger Reformer sein konnte.Ramaphosa schaffte es ein weiteres Mal, die meisten zu überzeugen. Er flog Economy, demonstrierte Volksnähe, indem er beim morgendlichen Joggen mit Landsleuten schwatzte. Das Chamäleon passte sich noch einmal an.Doch als 2022 der «Phala Phala»-Skandal öffentlich wurde, fragten sich viele wieder, ob der Präsident halt nicht doch ein Mann eines Systems sei, das viele leid waren: einer Regierung, die noch immer von Korruption zerfressen ist, und einer Partei, die Südafrikas Politik so lange dominiert hat, dass sie niemandem mehr Rechenschaft schuldig zu sein glaubt.Ramaphosa sagte, die mindestens 580 000 Dollar, die Diebe ihm zwei Jahre zuvor gestohlen hatten, stammten aus dem Verkauf von Büffeln an einen sudanesischen Geschäftsmann, der in bar bezahlt habe. Kritiker fragten, weshalb der Präsident versucht hatte, den Vorfall zu vertuschen. Und ein Bericht von Rechtsexperten zweifelte an, dass der Verkauf je stattgefunden habe.Ein Anti-Korruptions-Präsident, der Hunderttausende von Dollar in einem Sofa hortet und nicht schlüssig erklären kann, woher diese stammen? Viele Südafrikaner fühlten sich an Jacob Zuma erinnert.Ramaphosa rettet sich in die KoalitionBei der Wahl 2024 erzielte der ANC das schlechteste Wahlresultat seiner Geschichte. Das hatte damit zu tun, dass Millionen von Südafrikanern genug hatten von Kriminalität, Arbeitslosigkeit und ständigen Stromausfällen. Aber auch damit, dass sie ihrem Präsidenten nicht mehr glaubten, dass er einen Neubeginn verkörperte.Ramaphosa rettete sich ein weiteres Mal: in eine Koalition mit der Democratic Alliance, der zweitgrössten Partei des Landes. Er blieb Präsident.Doch möglich, dass dies sein letzter Entfesselungsakt war. Anfang Mai urteilte das Verfassungsgericht, ein Parlamentsentscheid von 2022, der ein Amtsenthebungsverfahren gegen Ramaphosa verhindert hatte, sei ungültig gewesen. Ein Komitee müsse die Vorwürfe gegen Ramaphosa neu prüfen.In einer Fernsehansprache nach dem Gerichtsentscheid sagte Ramaphosa, er werde nicht zurücktreten. «Es gibt noch viel zu tun. Ich stehe weiterhin im Dienst Südafrikas.» Die meisten Südafrikaner nehmen ihm ab, dass er nicht verschwinden wird. Selbst wenn er als Präsident abgesetzt wird. Weil Ramaphosa seit vierzig Jahren immer neue Wege gefunden hat, eine zentrale Rolle im Land zu spielen.Passend zum Artikel
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