Russland testet seine Atomstreitkräfte und sendet ein Signal an EuropaDas Militärmanöver ist umfassender angelegt als in den Vorjahren. Die Zurschaustellung der atomaren Abschreckung dient auch als Warnung davor, Russland zu unterschätzen.21.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenVor Wochenfrist testeten die russischen Raketenstreitkräfte die neue Interkontinentalrakete Sarmat.Russian Defence Ministry via EPADrei Tage lang prüfen Russlands Atomstreitkräfte ihre Gefechtsbereitschaft in einem grossangelegten Manöver. Grundsätzlich ist das eine Routineangelegenheit, die jüngst jährlich im Herbst wiederholt wurde. Diesmal sticht aber nicht nur der Frühjahrstermin ins Auge. Auch der Umfang und die geografische Ausdehnung der Übung unterscheiden sich von den Manövern der vergangenen Jahre. Die Übung diene auch der Abschreckung des Gegners in einem aggressiven Umfeld in Europa, hiess es im russischen Verteidigungsministerium. Bemerkenswert ist schliesslich, dass das Manöver während des Aufenthalts des Präsidenten Wladimir Putin in China begann.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch Weissrussland ist beteiligtBeteiligt sind neben den strategischen Raketentruppen, dem Kern der Atomstreitkräfte, auch Einheiten aus dem neu geschaffenen Leningrader Militärbezirk im Nordwesten Russlands sowie dem Zentralen Militärbezirk, der auch die Ural-Region umfasst. Die Langstrecken-Luftwaffe sowie die Nordmeer- und die Pazifikflotte mit insgesamt 78 Kriegsschiffen und 13 Unterseebooten, von denen aus Marschflugkörper abgeschossen werden können, kommen dazu.Laut dem Verteidigungsministerium sind 64 000 Militärangehörige im Einsatz. Geografisch reicht der Raum von der Westgrenze bis zum Raketentestgelände auf der Halbinsel Kamtschatka im fernen Osten Russlands. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte die Tatsache, dass auch die weissrussische Armee den Einsatz der auf ihrem Staatsgebiet stationierten russischen taktischen Atomwaffen übt.Im Nachgang zur Auflösung der Sowjetunion hatte Weissrussland – wie auch die Ukraine und Kasachstan – auf die im Land befindlichen Atomwaffen sowjetischer Herkunft verzichtet. Seit knapp drei Jahren aber sind auf weissrussischem Territorium russische atomare Gefechtsköpfe stationiert, seit vergangenem Jahr angeblich auch die neu entwickelte, atomar bestückbare Mittelstreckenrakete Oreschnik, die der Kreml als eine Art Wunderwaffe zelebriert.Russland wirft den Europäern Kriegstreiberei vorRussische Militärkommentatoren spielten die Bedeutung des Manövers zunächst herunter. Erst mit Verzögerung hoben sie hervor, dass es sich dieses Mal offensichtlich um eine umfassendere Übungsanlage handle. Die Beteiligung von Militärangehörigen der beiden Militärbezirke deutet auf ein komplexeres Manöver hin. Ins Bild passt auch, dass erst vor einer Woche der Kommandant der strategischen Raketentruppen vom erfolgreichen Test der neuen Interkontinentalrakete Sarmat berichtet hat. Von deren Indienststellung spricht Putin seit längerem.Manöver wie dieses entspringen nie der Tagespolitik, aber sie reagieren zweifellos auf das politische Umfeld. Russland ist mit dem Ukraine-Krieg in eine Sackgasse geraten. Das Erreichen der Kriegsziele ist in die Ferne gerückt, gleichzeitig treffen die Folgen des Krieges die russische Wirtschaft und Gesellschaft stärker als zuvor. Den Ukrainern gelang es in den vergangenen Monaten immer häufiger, weit im Hinterland für Russland schmerzhafte Angriffe durchzuführen. Die von manchen gehegte Hoffnung auf einen von den Amerikanern durchgedrückten, für Russland vorteilhaften Frieden hat sich ebenso wenig erfüllt.Russische Funktionäre und staatsnahe Kommentatoren machen dafür vor allem die Europäer verantwortlich. Ihnen unterstellen sie, die amerikanischen Vermittlungsbemühungen zu hintertreiben und die Ukrainer mit Waffentechnik zu versorgen, die nicht nur den Krieg verlängere, sondern auch Russland Schaden zufüge. In den europäischen Anstrengungen, die Streitkräfte aufzurüsten und zu modernisieren, sehen sie die Vorbereitung Europas auf einen Krieg mit Russland. Dafür, dass vielmehr Russlands Krieg gegen die Ukraine die Europäer wachgerüttelt haben könnte, fehlt ihnen die Vorstellungskraft.Putin überspielt SchwächeJüngst gingen das Verteidigungsministerium und der für provokative Stellungnahmen bekannte Auslandgeheimdienst SWR noch weiter. Ersteres veröffentlichte eine Liste mit Fabriken in europäischen Ländern, die angeblich der ukrainischen Drohnenproduktion zulieferten, und erklärte diese zu legitimen Angriffszielen. Der SWR behauptete, die baltischen Staaten hätten ihren Luftraum für ukrainische Drohnen geöffnet und seien damit explizit an den Angriffen auf Ziele in Russland beteiligt.Vor diesem Hintergrund lenkt das grossangelegte Manöver der Atomstreitkräfte vom Bild der Schwäche ab. Das richtet sich an die Adresse Amerikas und Chinas, vor allem aber dürfte es ein Fingerzeig an Europa sein. Es soll in Erinnerung rufen, dass mit Russland als Atommacht zu rechnen ist. Putin wird nicht müde zu betonen, dass es nicht möglich sei, Russland die strategische Niederlage zuzufügen, von der westliche Politiker zu Beginn des Ukraine-Krieges gesprochen hatten – eben weil Russland dank seinen Atomwaffen immer das letzte Wort hat. Das Manöver und die Warnungen russischer Funktionäre und Propagandisten dienen deshalb wohl auch dazu, die Europäer einzuschüchtern und die öffentliche Meinung in Europa zugunsten Russlands zu beeinflussen.Passend zum Artikel