KommentarDie Klimaforschung leistet sich ein Eigentor – und will es nicht recht zugebenJahrelang nutzten Klimawissenschafter ein Szenario mit unplausibel hohen CO2-Emissionen. Jetzt schaffen sie es endlich ab. Dass nun die Kritiker des Klimaschutzes daraus übertriebene Schlüsse ziehen, hat sich die Forschung teilweise selbst zuzuschreiben.21.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenEine aufblasbare Weltkugel von Umweltaktivisten nach einer Demonstration vor dem Bundeshaus in Bern am 11. Mai 2026. Kritiker des Klimaschutzes fühlen sich jetzt durch die Aufgabe eines Emissionsszenarios bestätigt.Peter Klaunzer / KeystoneDiesen Ärger hätten sich die Klimaforscher ersparen können. Jahrelang verwendeten sie für ihre Prognosen ein übertrieben pessimistisches Szenario. Jetzt rangieren sie es aus – und Kritiker des Klimaschutzes frohlocken. Es sei doch alles nicht so schlimm wie gedacht, sagen sie.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jetzt wäre der letzte passende Zeitpunkt für die Forscher, um zurückzurudern. Sie könnten einräumen, dass sie schon viel früher hätten daran denken müssen, das Extremszenario einzumotten. Stattdessen flüchten sich viele Fachleute in fadenscheinige Rechtfertigungen.Aber der Reihe nach. Dieser Streit dreht sich um Klimavorhersagen. Forscher nutzen eine Software, um die Zukunft auf unserem Planeten zu berechnen – die sogenannten Klimamodelle. Und diese Modelle brauchen Futter: Man muss ihnen für die Berechnungen mitgeben, wie viele Treibhausgase im Laufe des 21. Jahrhunderts in der Luft sein werden.Für diesen Zweck haben Wissenschafter verschiedene Szenarien ersonnen – mal mit viel Klimaschutz, mal mit wenig Klimaschutz, mal ohne Klimaschutz.Kohle aus der Antarktis verbrennenDas extremste dieser Szenarien ohne Klimaschutz setzte aussergewöhnlich hohe CO2-Emissionen voraus. Sie waren so hoch, dass alle Kohleressourcen auf der Erde hätten abgebaut werden müssen, um sie zu verbrennen. Sogar mehr als das: Selbst Kohle aus der Antarktis, deren Abbau eigentlich viel zu teuer ist, hätte man in den Kraftwerken verfeuern müssen.Schon vor neun Jahren begannen Forscher das Szenario zu kritisieren. Problematisch fanden sie nicht nur die völlig unrealistischen Annahmen, sondern auch, wie es in der Praxis genutzt wurde.Die Autoren vieler Klimastudien bezeichneten es anfangs als ein «Business-as-usual-Szenario» – ein Szenario, in welchem die frühere industrielle Entwicklung weitergeht, ohne jeden Klimaschutz. Dabei ist das Szenario wesentlich extremer. Die irrtümliche Bezeichnung als Business-as-usual-Szenario geht wohl auf eine Kommunikationspanne zwischen verschiedenen Teilgebieten der Klimaforschung zurück.Als die Kritik an dem Emissionsszenario zunahm, reagierten viele Klimaforscher abwehrend. Bis die durchaus triftigen Argumente der Kritiker angehört und akzeptiert wurden, dauerte es mehrere Jahre.Dass die Selbstkorrektur der Wissenschaft in diesem Fall so lange brauchte, liegt auch an der Belagerungsmentalität mancher Klimaforscher. Viele Fachleute wollen die Kritik an dem pessimistischen Szenario bis heute nicht wahrhaben.Sie behaupten, dass es nur am Klimaschutz liege, dass man es jetzt abschaffen könne. Weil so viele erneuerbare Energiequellen entstanden seien und die Emissionen in vielen Ländern sänken, könne man auf das Extremszenario heute verzichten. Diese Argumentation ist zwar einfach, aber falsch. Das Szenario war schon vorher unplausibel. Der Erfolg des Klimaschutzes macht das nur noch deutlicher.Alles nur halb so schlimm?Auch viele Kritiker des Klimaschutzes stellen eine fragwürdige Behauptung auf: Die Abschaffung des Extremszenarios zeige, dass alles nur halb so schlimm sei mit dem Klimawandel. Doch diese Argumentation geht ebenfalls fehl.Um wie viel sich die Klimavorhersagen nun abmildern werden, ist noch unklar. Denn die neuen Rechnungen ohne das Extremszenario müssen erst noch gemacht werden. Aber riesig ist die Korrektur nicht, sie dürfte in der Grössenordnung von einem Grad Celsius liegen.Die Emissionen dürften zwar selbst im schlimmsten Fall nicht so stark steigen wie in dem kritisierten Szenario. Doch auch dann kann sich die Erdatmosphäre bis 2100 um drei Grad Celsius oder mehr erwärmen. Und viele Klimaforscher glauben inzwischen, dass gravierende Folgen des Klimawandels schon bei einem niedrigeren Temperaturniveau zu erwarten seien, als sie das früher angenommen hätten.Kurzum: Die Klimaforschung hat sich mit dem Kommunikationsdesaster um das Extremszenario ein Eigentor geleistet. Leider war dies wegen der starken Polarisierung der Klimadebatte und der starken Wagenburgmentalität vieler Wissenschafter zu erwarten – und leider gilt diese Erwartung auch für die Zukunft.Passend zum Artikel
Das vermeidbare Eigentor: Forscher ziehen Extremszenario zurück
Jahrelang nutzten Klimawissenschafter ein Szenario mit unplausibel hohen CO2-Emissionen. Jetzt schaffen sie es endlich ab. Dass nun die Kritiker des Klimaschutzes daraus übertriebene Schlüsse ziehen, hat sich die Forschung teilweise selbst zuzuschreiben.












