Wie viele Treibhausgase wird die Menschheit künftig ausstossen? Klimaforscher schaffen ein Szenario ab und lösen damit einen Streit ausEin Szenario mit extrem hohen CO2-Emissionen gilt in Fachkreisen schon lange als unplausibel. Jetzt wird es zu den Akten gelegt. Die Sorgen um das Klima erledigen sich damit aber nicht.21.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie Verbrennung von Kohle trägt erheblich zum Klimawandel bei.Andreas Rentz / GettyIn seinem sozialen Netzwerk Truth Social teilt Donald Trump immer wieder kräftig gegen Klimaforscher aus. So auch neulich wieder. Sie hätten endlich eingestanden, dass die Grundlage ihres Alarms überhaupt nicht stimme. «Falsch! Falsch! Falsch!», schreibt Trump triumphierend.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Damit erreicht eine Fachdebatte unter Klimaexperten die breite Öffentlichkeit und ihren vorläufigen Höhepunkt. Worum sich die Auseinandersetzung ursprünglich dreht, geht im Geschrei unter: nämlich um die Frage, wie viele Treibhausgase die Menschheit in Zukunft ausstossen wird. Der Zusammenhang zwischen solchen Szenarien und den Klimavorhersagen ist ziemlich wichtig – und eigentlich leicht zu verstehen.Szenarien beschreiben den menschlichen EinflussMit dem Klimawandel wird es auf dem Planeten wärmer – so viel ist den meisten Menschen klar. Die Durchschnittstemperatur ist gemäss Messungen seit vorindustriellen Zeiten um fast 1,5 Grad Celsius gestiegen.Um das Erdklima im Computer nachzubilden, benutzen Forscher Simulationssoftware: die sogenannten Klimamodelle. Mit diesen berechnen sie, wie warm es auf der Erde werden wird. Für die Modellsimulationen treffen sie eine Reihe unterschiedlicher Annahmen. Diese Annahmen nennen die Forscher «Szenarien».Vereinfacht gesagt beschreiben die Szenarien, wie stark die Menschheit künftig Einfluss auf das Klima nimmt. Vor allem durch den Ausstoss von Treibhausgasen wie CO2, das durch die Verbrennung fossiler Treibstoffe wie Kohle, Öl und Gas entsteht.Zwar kann niemand die Geschichte vorhersagen, auch Wissenschafter nicht. Doch sie können verschiedene plausible Annahmen treffen, wie sich Wirtschaft und Industrie in Zukunft weiterentwickeln könnten. Anhand dieser Annahmen – eben der Szenarien – berechnen sie, wie stark sich das Klima verändern würde.Szenarien mit einem sehr niedrigen Ausstoss von Treibhausgasen führen bis 2100 zu einer schwachen Erwärmung von weniger als zwei Grad Celsius. In einem Szenario mit einem sehr hohen Ausstoss steigen die Temperaturen hingegen um mehr als drei Grad, vielleicht sogar um vier Grad oder mehr. Wie die Szenarien konstruiert werden, hat offensichtlich einen überragenden Einfluss darauf, wie die Fachleute die klimatische Zukunft des Planeten ausmalen.Jetzt haben Forscher um Detlef van Vuuren von der Universität Utrecht die Szenarien überarbeitet. Dabei haben sie dasjenige mit den höchsten Emissionen – im Fachjargon heisst es RCP8.5 – ausrangiert. Das erregt Aufsehen, auch weil die Studie als massgeblich für den nächsten Bericht des Uno-Klimarats IPCC gilt. So viel Aufsehen, dass sogar der amerikanische Präsident auf den Vorgang aufmerksam wird.Jetzt hat ein Kampf um die Deutungshoheit begonnenFachleute sind von der Revision der Szenarien nicht überrascht. Wegen der extrem hohen CO2-Emissionen stand RCP8.5 schon seit Jahren in der Kritik. Die CO2-Emissionen steigen in diesem Szenario bis zum Jahr 2100 auf über 100 Milliarden Tonnen pro Jahr – das ist irrwitzig viel.Eine Kohlemine in Rio Grande do Sul, Brasilien.Diego Vara / ReutersDas Hauptproblem mit RCP8.5 ist, dass in diesem Szenario ein exorbitant hoher Verbrauch an Kohle vorausgesetzt wird. Dieser soll sich bis zum Jahr 2100 ungefähr verfünffachen. Dafür müssten nicht nur alle Kohleressourcen auf der Erde verbrannt werden, sondern auch ein grosser Teil der Kohlereserven – das sind Ressourcen, deren Abbau noch nicht wirtschaftlich möglich ist. Dass dies nicht im Geringsten plausibel ist, rechneten Justin Ritchie und Hadi Dowlatabadi bereits im Jahr 2017 vor.In dem Szenario, das RCP8.5 künftig ablösen soll, steigen die Emissionen bis 2100 nur ungefähr auf die Hälfte des alten Werts.Trotz den übertrieben hohen Emissionen bezeichneten viele Klimaforscher RCP8.5 irrtümlich als ein sogenanntes Business-as-usual-Szenario – also als ein Szenario, das für die Fortsetzung des früheren Industriemodells stehen könnte. Sie haben es also nicht als das behandelt, was es tatsächlich war, nämlich ein unplausibles Extremszenario. Die Selbstkorrektur der Wissenschaft dauerte in diesem Fall ungewöhnlich lang.Die Abschaffung von RCP8.5 hat einen Streit um die Deutungshoheit ausgelöst. Einige Fachleute bestreiten, dass das Szenario von Anfang an unplausibel gewesen sei, so auch Detlef van Vuuren, der Hauptautor der neuen Studie. Er erklärt die Elimination von RCP8.5 mit den sinkenden Kosten der erneuerbaren Energiequellen und der Klimapolitik. Dadurch seien die Chancen auf einen Rückgang der Emissionen deutlich gestiegen, und darum könne man das Szenario jetzt zu den Akten legen.Anhand der Forschungsliteratur lässt sich allerdings belegen, dass die Kritik an der mangelnden Plausibilität des Szenarios schon vor neun Jahren einsetzte, als sich der Siegeszug der erneuerbaren Energiequellen noch nicht abzeichnete.Was bedeutet die Abschaffung des Extremszenarios nun konkret für die Klimavorhersagen? Die Klimaforscher Zeke Hausfather, Glen Peters und Piers Forster haben das bereits einmal ausgerechnet. Gemäss dem veralteten Szenario RCP8.5 würde sich die Erde bis 2100 um ungefähr 4,5 Grad Celsius erwärmen, gemäss dem neuen höchsten Szenario um ungefähr 3,2 Grad. Beide Angaben sind mit einer grossen Ungewissheit behaftet, weil jedes Klimamodell etwas andere Temperaturen ausspuckt.Diese Verringerung der Erwärmung bedeutet also nicht, dass sich die Sorgen über den Klimawandel plötzlich verflüchtigen würden, wie dies manche Kritiker suggerieren. Denn auch eine Erwärmung um 3,2 Grad liegt weit über dem Temperaturlimit von 2 Grad, auf das man sich international 2015 im Pariser Klimaabkommen geeinigt hat – somit wären im Extremfall immer noch grosse Schäden zu erwarten.Hinzu kommt: In den vergangenen Jahren hat sich nicht nur der Blick auf die Szenarien geändert, sondern auch der Blick auf die Empfindlichkeit des Klimasystems. Im letzten Bericht des Uno-Klimarats betonten die Autoren, ernste Folgen des Klimawandels träten womöglich früher ein, als sie dies zuvor gedacht hätten – also schon bei einem niedrigeren Temperaturniveau.«Selbst wenn die hohen Emissionen des RCP8.5-Szenarios nicht eintreten sollten, bleiben die in den früheren Klimasimulationen prognostizierten Schäden weiterhin sehr relevant», schreiben Hausfather, Peters und Forster. Dies ist allerdings eine spekulative Aussage, denn die Klimaberechnungen mit den neuen Szenarien müssen erst noch angefertigt werden.Passend zum Artikel