Was ist das schönste Spiel im Leben eines Fußballspielers? Für den einen ist es das Halbfinale der U15-Stadtmeisterschaften, für den anderen der letzte Auftritt nach einer langen Karriere. Für die meisten, die es dorthin schaffen, sind es aber wohl die großen Partien: Pokalfinals oder Abstiegsduelle. Und dann ist da noch das Spiel aller Spiele: das Finale der Weltmeisterschaft. Es gibt kein größeres Duell.Oder? Der Argentinier Emiliano Martínez war 2022 dabei. Seine Mannschaft gewann das Finale und den WM-Pokal, weil er den französischen Stürmer Randal Kolo Muani am Siegtor hinderte. Martínez ist auch dabei, wenn Aston Villa das erste Mal seit vielen, vielen Jahren wieder einen Pokal gewinnen will. Wie fühlt es sich für ihn an vor so einem Finale, für ihn, der den Everest unter den Fußballbergen bestiegen hat?„Ich tue das, um meine Familie aus der Armut zu retten“: Martínez vor dem EndspielReutersMartínez rückt das Mikrofon zurecht. Er erinnert sich an ein Finale der Copa América mit den Argentiniern. Gegen Brasilien spielten sie damals, 2021. Sein erstes Endspiel sei das gewesen. Vom WM-Finale spricht er nicht. „Ich spiele hier für mein Team und für meine Familie.“ „Wissen Sie“, sagt Martínez: „Im Fußball sind viele Menschen unterwegs, sie kommen und gehen.“Er aber habe nie vergessen, wieso er eines Tages in einer Stadt am argentinischen Meer mit diesem Spiel angefangen hat, warum er ausgezogen ist, um als Fußballprofi Geld zu verdienen. Martínez’ Augen sind rot. „Ich tue das, um meine Familie aus der Armut zu retten. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich sie verließ, um nach England zu gehen.“ Wer diese Sätze hört, versteht, wieso die Bilder von Martínez im WM-Finale um die Welt gingen. Bilder, die zeigen, wie er den Franzosen Angst einjagen will, wie er alles gibt für den Sieg, nicht immer sportlich-fair.„Ich tue das für meine Familie“: Martínez im WM-Finale.EPAUnd wer diese Sätze hört, weiß auch, dass es verdammt schwierig wird für den SC Freiburg, den Ball an diesem Torhüter vorbeizuschießen. Auch, weil Martínez, der Weltmeister, ganz genau weiß, was den Sportklub aus Südbaden stark macht: die Standards. „Ich habe mich daran gewöhnt, dass mich zwei Verteidiger blocken. Wenn ich ehrlich bin: Ich liebe das. Ich will den Strafraum beim Finale beherrschen“, sagt er. Die Augen sind nun wieder klar.Neben Martínez sitzt der König des EuropapokalsNeben ihm fährt sich einer durchs braune Haar, den sie in England den „König des Europapokals“ nennen. In den vergangenen zwölf Jahren saß Unai Emery, geboren im Baskenland, fünfmal auf der Trainerbank des Europa-League-Finales. Viermal gewann er den Wettbewerb, dreimal mit Sevilla, einmal mit Villareal. Mit Arsenal und Mesut Özil scheiterte Emery einmal.Blickt man auf die Spielfilme dieser einzelnen Finals, scheint es, als hätte der Regisseur nicht auf dem Platz gestanden, sondern daneben: Immer wenn der Gegner sich in Sicherheit wähnte, überraschten Emerys Teams ihn zum genau richtigen Zeitpunkt. Aber der König des Europapokals? Das sei er lange nicht, sagt er selbst.Wer aber soll es sonst sein? Eure Hoheit Emery hat aus Villa, einem Abstiegskandidaten bei seiner Amtsübernahme, ein englisches Spitzenteam gemacht. In den vergangenen drei Jahren kam das Team aus Birmingham jedes Mal weit in einem internationalen Wettbewerb, einmal in der Conference League, einmal in der Champions League. Emery ist sicher: „Wir haben natürlich Erfahrung auf diesem Level.“„Das ist ein besonderer Moment“: Schuster vor seinem größten Spiel als Trainer.dpaWeder für Martínez noch für Emery wird dieses Finale das größte Spiel ihrer Karriere. Für Christian Günter, Maximilian Eggestein und Julian Schuster schon. Die Freiburger erzählen vor dem Duell mit Villa nicht von früheren Endspielen. Günter spricht darüber, wie er seine Tochter vor dem Kindergarten im Schwarzwald verabschiedet hat. Er sagt: „Wir werden alles dafür tun, um uns diesen Traum irgendwo zu erfüllen.“ Und Trainer Schuster sagt: „Das ist ein besonderer Moment. Wir wollen die Vitrine daheim füllen.“Sie sprechen dann auch noch über ihre Stärken, die Standards. Und über die von Villa, das Offensivspiel. Martínez und Emery, der argentinische Weltmeister und seine baskische Majestät, sind schon wieder weg. Sie trainieren im Beşiktaş-Stadion, ein paar Meter unter dem Meeresspiegel. Vor dem Stadion singen Fans in Lilablau vom letzten großen Sieg ihres Klubs, dem Triumph im Landesmeisterpokal 1982 gegen den FC Bayern München. Sie warten seit 44 Jahren. Sollte ihre Mannschaft gewinnen, sollte die Warterei ein Ende haben, wird es für die meisten von ihnen ganz sicher das größte Spiel ihres Lebens.