Es war eine jener Szenen, die das angespannte Verhältnis zwischen kanzlerischer Selbstvergewisserung und empirischer Realität in Berlin offenlegen: In der aktuellen Regierungspressekonferenz sah sich Regierungssprecher Stefan Kornelius mit der schlichten Frage konfrontiert, auf welcher Datengrundlage Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) seine Aussage stütze, nur wenige Länder böten jungen Menschen so gute Zukunftschancen wie Deutschland.

Merz hatte diesen Satz am vergangenen Freitag auf dem Katholikentag in Würzburg gesprochen. Fast zeitgleich hatte das UN-Kinderhilfswerk UNICEF eine Studie mit dem Titel „Ungleiche Chancen – Kinder und wirtschaftliche Ungleichheit“ veröffentlicht. Dieser Bericht brachte den Bundeskanzler und seinen Sprecher auf der Regierungspressekonferenz in eine erklärungsbedürftige Lage.

Denn die Befunde des in Florenz ansässigen UNICEF-Forschungsinstituts Innocenti zeichnen ein Bild, das mit der Merz-Erzählung wenig gemein hat. Unter 37 untersuchten Industrieländern landet die Bundesrepublik beim kindlichen Wohlbefinden lediglich auf Platz 25. Die Spitzenplätze belegen die Niederlande, Dänemark und Frankreich; selbst Länder mit deutlich geringerer Wirtschaftskraft – Portugal, Litauen, Rumänien, Ungarn – rangieren teils klar vor Deutschland. Die Kinderarmutsquote stagniert hierzulande seit Jahren bei 15 Prozent, die Einkommensungleichheit ist von einem Verhältnis 1:4,3 (2012) auf 1:5,0 gestiegen.