PfadnavigationHomePolitikDeutschlandDeutsches Bildungssystem„Fatale Tradition der sozialen Selektion“Stand: 05:55 UhrLesedauer: 5 MinutenLaut einer Unicef-Studie geht es Kindern in Deutschland in vielen Bereichen schlechter als in zahlreichen anderen wohlhabenden Ländern. Besonders kritisch sei das Bildungsniveau. Deutschland landet demnach nur auf Platz 25 von 37.„Bankrotterklärung“ und „Weckruf“: Die schwache Bildungsleistung Deutschlands in einer Unicef-Studie rüttelt die Politik auf. Die Grünen sprechen von einer „frühen Sortierung der Kinder entlang sozialer Herkunft“. Die AfD lenkt den Blick auf die Migration.Das schlechte Abschneiden Deutschlands bei einer neuen Studie des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) hat eine Kontroverse über die Sozial- und Bildungspolitik hierzulande ausgelöst. Die Oppositionsparteien erhoben schwere Vorwürfe gegen die Regierung und forderten einen Kurswechsel – allerdings in unterschiedliche Richtungen.Die Studie des Unicef-Forschungsinstituts Innocenti zum Kindeswohl wird seit dem Jahr 2000 regelmäßig vorgenommen und vergleicht die Situation von Kindern in wohlhabenden Ländern der Welt. In diesem Jahr belegt Deutschland nur Platz 25 von insgesamt 37 bewerteten Ländern. Die Niederlande, Dänemark und Frankreich stehen auf den ersten drei Plätzen. Aber auch in einigen Ländern mit deutlich geringerer Wirtschaftskraft als der Bundesrepublik wachsen Kinder demnach insgesamt unter besseren Bedingungen auf, so in Rumänien (Platz neun), Ungarn (Platz zehn) und der Slowakei (Platz 19).„Alarmierend“ sei Deutschlands Abschneiden im Bereich Bildung, heißt es in der Erhebung: Nur 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen demnach die Mindestkompetenz in Lesen und Mathematik. Damit liege Deutschland auf Platz 34 von 41 Ländern mit vergleichbaren Bildungsdaten. Länder wie Irland, das den ersten Platz bei den Lese- und Mathe-Kompetenzen belege, oder auch Slowenien und Südkorea zeigten, dass bessere Ergebnisse möglich seien, auch bei teils deutlich schlechterer wirtschaftlicher Ausgangslage.Lesen Sie auchIn Deutschland sei zudem der Abstand zwischen Jugendlichen aus wirtschaftlich benachteiligten und wohlhabenden Familien besonders groß: Unter den Jugendlichen aus benachteiligten Familien erreichten nur 46 Prozent die grundlegenden Kompetenzen. In privilegierten Familien seien es dagegen 90 Prozent.Die CDU-Bildungspolitikerin Anne König sprach von einem „Weckruf“. „Zu viele Kinder erreichen die Mindeststandards in Lesen, Schreiben und Rechnen nicht. Deshalb müssen diese Basiskompetenzen wieder in den Mittelpunkt der Schule rücken, weitestgehend ohne digitale Ablenkung und mit mehr Konzentration auf Stift, Papier, Übung und Verstehen“, sagte König WELT. „Mit verpflichtenden Sprachstandstests für alle Vierjährigen und gezielter Frühförderung wollen wir Kinder aus benachteiligten Familien früher erreichen, bevor Rückstände zu groß werden.“ Zugleich müsse ehrlicher über die Folgen von zu viel Bildschirmzeit und Social Media gesprochen werden, weil Konzentration, Sprache und Lesefähigkeit darunter leiden könnten. „Wenn die soziale Kluft so stark ausgeprägt ist, zeigt das strukturelle Schwächen unseres Bildungssystems“, sagte die SPD-Bildungs- und Familienpolitikerin Jasmina Hostert. Entscheidend sei es, beste Bildungschancen von der Kita an sicherzustellen, gerade für Kinder aus benachteiligten Familien. „Dazu gehört auch, Kinderarmut wirksam zu bekämpfen und gezielt dort zu investieren, wo die Herausforderungen am größten sind.“ Zugleich brauche es eine konsequente Stärkung der Kinderrechte, damit alle Kinder in Deutschland die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten erhalten.Lesen Sie auchGrünen-Fraktionsvize Misbah Khan wertete die Studienergebnisse bei der Bildungskompetenz als „Bankrotterklärung“ für Deutschland als eine der weltweit größten Volkswirtschaften: „Der eigentliche Skandal ist doch, dass der Unicef-Bericht aufzeigt, was wir schon seit der ersten Pisa-Studie wissen: In Deutschland entscheidet nicht Talent, sondern die Herkunft eines Kindes so stark über den Bildungserfolg wie in kaum einem anderen vergleichbaren Land.“ Deutschland scheitere am politischen Willen, Chancen gerechter zu verteilen, sagte Khan WELT. „Ein Land, das zulässt, dass Kinderarmut so massiv über Chancen entscheidet, verspielt Zukunft, Talente und gesellschaftlichen Zusammenhalt.“ Wer heute bei Kindern spare, zahle morgen den Preis – mit weniger Chancen, schlechterer Gesundheit und einer Gesellschaft, die immer weiter auseinanderdriftet. Kinderarmut müsse entschlossen bekämpft werden, Schulen gerade in benachteiligten Lagen bräuchten eine verlässliche Ausstattung, und in Lehrkräfte müsse gezielt dort investiert werden, wo die Herausforderungen am größten seien. Der „frühen Sortierung von Kindern entlang ihrer sozialen Herkunft“ müsse ein Ende gesetzt werden.Linke-Fraktionsvize Nicole Gohlke sagte WELT: „Die Ergebnisse dieser Unicef-Studie sind ein erneutes Armutszeugnis und die direkte Quittung für jahrzehntelange politische Versäumnisse.“ Es sei ein unhaltbarer Zustand, dass in einem der reichsten Länder der Erde der Bildungserfolg derart eklatant vom Geldbeutel der Eltern abhänge. „Wenn fast 90 Prozent der privilegierten, aber nicht einmal die Hälfte der benachteiligten Kinder die Mindeststandards in Lesen und Mathematik erreichen, haben wir kein Leistungsproblem der Jugend, sondern ein massives Gerechtigkeitsproblem im System“, so Gohlke. „Auch die aktuelle Bundesregierung setzt diese fatale Tradition der Unterfinanzierung und sozialen Selektion fort, statt radikal umzusteuern.“Die Linke-Politikerin forderte eine Abkehr von der frühen Aufteilung der Kinder nach der vierten Klasse hin zu einer Schule für alle, die längeres gemeinsames Lernen ermögliche. Schulen in sozialen Brennpunkten müssten mit stärkeren Investitionen überproportional gefördert, marode Gebäude saniert und multiprofessionelle Teams aus Lehrkräften, Sozialarbeitern und Psychologen massiv ausgebaut werden. „Bildungsgerechtigkeit darf keine leere Phrase bleiben, sie erfordert strukturelle Reformen und massive Investitionen.“Der AfD-Familienpolitiker Martin Reichardt machte auch die Folgen der Migration für die Lage verantwortlich. „Derzeit haben rund 1,9 Millionen Schüler keine deutsche Staatsbürgerschaft. In vielen Regionen hat inzwischen nahezu die Hälfte der Schüler einen Migrationshintergrund.“ Zudem stamme ein Teil der Schüler aus bildungsfernen Milieus. „Deshalb braucht es dringend auch eine Wende in der Asyl- und Migrationspolitik, um unser Bildungssystem langfristig wieder zu stabilisieren.“ Für Schüler mit unzureichenden Deutschkenntnissen brauche es gesonderte Förderklassen, bevor erfolgreicher Regelunterricht möglich sei. „Die bisherige Praxis einer gemeinsamen Beschulung unabhängig von Sprachkenntnissen hat sich als Irrweg zulasten der Schüler erwiesen.“Claudia Kade ist Politik-Chefin bei WELT.
Deutsches Bildungssystem: „Fatale Tradition der sozialen Selektion“ - WELT
„Bankrotterklärung“ und „Weckruf“: Die schwache Bildungsleistung Deutschlands in einer Unicef-Studie rüttelt die Politik auf. Die Grünen sprechen von einer „frühen Sortierung der Kinder entlang sozialer Herkunft“. Die AfD lenkt den Blick auf die Migration.







