Cold Case nach 25 Jahren aufgeklärt: Das «Mädchen aus dem Main» hat endlich einen NamenIn Frankfurt wird 2001 die Leiche eines Mädchens gefunden. Niemand vermisst sie, jahrzehntelang bleibt ihre Identität ungeklärt. Bis ein einzelner Hinweis aus der Bevölkerung 25 Jahre später zur Verhaftung ihres Vaters führt.Hannah Jauch20.05.2026, 14.30 Uhr4 LeseminutenSo könnte das «Mädchen aus dem Main» ausgesehen haben. Jahrelang versuchten die Ermittler, auch mithilfe dieser Rekonstruktion, die Identität der jungen Frau zu klären.Polizei HessenAm Dienstag, 31. Juli 2001, gegen 15 Uhr, war ein Radfahrer in Frankfurt entlang des Mainufers unterwegs. Die Hitze lag schwer über dem Fluss, der Wasserstand war ungewöhnlich niedrig. In einer Flussbiegung sah er etwas im Wasser treiben. Der Radfahrer rief die Polizei. Wenig später bargen die Einsatzkräfte ein Bündel.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Sie starb aufgrund von Schlägen und Tritten gegen Bauch und Brust.Der Rechtsmediziner fand dreissig Narben auf der Haut des Mädchens, die ihr wahrscheinlich durch Messerschnitte zugefügt worden waren, mehrere Brandverletzungen durch Zigaretten sowie acht Riss- und Quetschwunden am Kopf. Ein sogenanntes Blumenkohlohr deutete auf frühere massive Gewalteinwirkung hin. Ältere Knochenbrüche an Fingern, Händen und Armen waren nie medizinisch behandelt worden.Das unbekannte «Mädchen aus dem Main» war offenbar seit früher Kindheit misshandelt worden.Die Suche nach der IdentitätEin bis drei Tage vor dem 31. Juli 2001 wurde das Opfer schliesslich zu Tode geprügelt. Analysen des Gebisses ergaben, dass die Tote etwa 16 Jahre alt war. Für die Ermittler hatte die Identifizierung des Mädchens oberste Priorität.Doch weder DNA noch Fingerabdrücke führten zu einem Treffer. Fremd-DNA und Fasern konnten nicht gesichert werden. Keine Vermisstenanzeige passte. Beamte suchten kilometerlang Uferabschnitte auf Hinweise ab, Leichenspürhunde versuchten, die Fährte der Toten auf 105 durchsuchten Binnenschiffen aufzunehmen – vergeblich.Den wichtigsten Hinweis auf die Herkunft des Mädchens lieferten die Schnüre des Bündels. Die Gürtel, sogenannte Nalas, gibt es in Afghanistan, Pakistan und Nordindien.Fahndungsplakate wurden übersetzt – in Paschtu, Urdu und Pandschabi – und in möglichen Herkunftsländern verbreitet. Die eingerichtete Sonderkommission namens Leopard überprüfte tausend Mädchen passenden Alters und passender Ethnie. Auch das: vergeblich.2001, 2009 und erneut 2024 wurde der Fall in der Fernsehsendung «Aktenzeichen XY … ungelöst» rekonstruiert. Immer wieder bat die Polizei in Presse, Rundfunk und Fernsehen die Bevölkerung um Hilfe. Trotz 10 000 Euro Belohnungssumme kamen keine entscheidenden Hinweise.Spurlos verschwunden?Es wurde eine Isotopenanalyse durchgeführt, die chemische Elemente untersucht, um festzustellen, in welcher Umgebung ein Mensch lebte. Sie zeigte: Das Mädchen war offenbar schon als Kleinkind nach Deutschland gekommen. Wie konnte ein Mädchen in Deutschland leben, ohne jemals registriert worden zu sein? Ohne zur Schule zu gehen, ohne Arztbesuche, ohne jemanden, der sie vermisste?Die Ermittler gingen davon aus, dass das Mädchen in einem «abgeschlossenen Milieu» lebte, in einem stark abgeschotteten Umfeld, das Kontakte zur Aussenwelt weitgehend vermied. Vermutlich hatte das misshandelte Mädchen schon lange vor seinem Tod nicht mehr am öffentlichen Leben teilgenommen. Gerade deshalb galt die Identität des Mädchens als Schlüssel zur Aufklärung des Falls. Fast 25 Jahre lang blieb sie jedoch verborgen.Internationale Kampagne: Hoffnung auf Hinweise zu Cold CasesDann endlich der Durchbruch: Vergangene Woche wurde ein Tatverdächtiger festgenommen. Der Mann ist ein 67-jähriger Deutscher aus Heidelberg, der in Pakistan geboren wurde. Inzwischen sitzt er in Untersuchungshaft.Nach Angaben der Behörden soll er der Vater der Toten sein. Er steht unter Verdacht, seine Tochter jahrelang misshandelt und sie 2001 in der damaligen Familienwohnung in Offenbach zu Tode geprügelt zu haben, wie das Bundeskriminalamt in einer Mitteilung schreibt.Viele Fragen bleiben jedoch offen. Ob sich der Verdächtige zu den Vorwürfen geäussert hat, ist ebenso unbekannt wie ein mögliches Tatmotiv. Auch zu weiteren Familienmitgliedern machten die Ermittler bislang keine Angaben. Welcher konkrete Hinweis die Polizei schliesslich auf die Spur des Mannes geführt hat, wurde nicht öffentlich gemacht. Nur, dass er aus der Bevölkerung kam.Im Herbst 2024 war das «Mädchen aus dem Main» Teil der internationalen Interpol-Kampagne Identify Me, die zum Teil jahrzehntealte Mordfälle, sogenannte Cold Cases, im Fokus hat. Im Internet wurden Gesichtsrekonstruktionen von 46 getöteten und bislang nicht identifizierten Frauen aus sechs europäischen Ländern veröffentlicht, in der Hoffnung, dass sie jemand wiedererkennt. Seit Beginn der Kampagne konnten fünf Opfer identifiziert werden. 41 Frauen sind bis heute namenlos.2001 wusste auch niemand, wer das «Mädchen aus dem Main» war. Nach ihrem Tod wurde sie anonym auf einem Friedhof beerdigt. Die Ermittler hatten privat Geld für ihren Grabstein gesammelt. Darauf stand lediglich: «Unbekanntes Mädchen – gefunden am 31. Juli 2001 im Main».Fast 25 Jahre später kann ihrer letzten Ruhestätte ihr Name hinzugefügt werden: Diana S.Passend zum Artikel
25 Jahre ungelöst: Ein Hinweis klärt das Rätsel um das «Mädchen aus dem Main»
In Frankfurt wird 2001 die Leiche eines Mädchens gefunden. Niemand vermisst sie, jahrzehntelang bleibt ihre Identität ungeklärt. Bis ein einzelner Hinweis aus der Bevölkerung 25 Jahre später zur Verhaftung ihres Vaters führt.










