Nach 25 Jahren hat die hessische Polizei einen der bekanntesten Cold Cases in Deutschland aufgeklärt. Es handelt sich um den Mord an einer Jugendlichen, die im Juli 2001 am Mainufer an einen Schirmständer gebunden in Frankfurt-Nied tot aufgefunden worden war. Ihre Identität blieb jahrzehntelang unbekannt, weshalb der Fall bei der Polizei und auch in der Öffentlichkeit unter dem Namen „Mädchen aus dem Main“ geführt wurde.Wie die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Montag mitteilte, soll es sich bei dem mutmaßlichen Täter um den Vater des Mädchens handeln. Das Hessische Landeskriminalamt hat den 67 Jahre alten deutschen Staatsangehörigen festgenommen. Er sei dringend verdächtig, vor fast 25 Jahren seine damals 16 Jahre alte Tochter getötet und deren Leichnam in den Main geworfen zu haben. Der Beschuldigte befindet sich inzwischen in Untersuchungshaft.Auf die Spur gekommen waren die Ermittler dem Beschuldigten durch Hinweise aus der Bevölkerung, die einem Fahndungsaufruf der internationalen Kampagne „Identify Me“ gefolgt waren. Der Vater soll seine Tochter demnach zwischen dem 28. und 31. Juli 2001 in der damaligen Familienwohnung in Offenbach „durch eine Vielzahl brutaler Schläge getötet haben“, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Sodann soll er die Leiche in ein Bettlaken eingewickelt, verschnürt und sie an einen Sonnenschirmständer befestigt und in den Main geworfen haben.Ungewöhnlich war der Fall unter anderem deshalb, da das Mädchen damals nicht als vermisst gemeldet worden war. Es gab keine Anzeige. Keine Angehörigen, die sich bei der Polizei gemeldet hätten. Niemanden, den die Polizei mit der Jugendlichen in Verbindung bringen konnte. Zu dem weiteren familiären oder sozialen Umfeld, machten Polizei und Staatsanwaltschaft zunächst keine weiteren Angaben.Opfer wurde jahrelang misshandeltEin Spaziergänger hatte die Leiche am 31. Juli 2001 nachmittags am Mainufer in Nied gefunden. Der Körper war „wie ein Bündel zusammengeschnürt“ und mit einen Bettbezug mit Leopardenmuster umhüllt gewesen, so beschrieb es damals die Polizei. Mindestens zwölf Stunden trieb die Leiche im Wasser, das zu diesem Zeitpunkt wegen der anhaltenden Hitze ungewöhnlich niedrig war. Schätzungen zufolge war die Leiche zwischen der Griesheimer Staustufe und der Wörthspitze in Frankfurt ins Wasser geworfen worden. Die Polizei vermutete, dass die Leiche ursprünglich sinken sollte. Doch der Schirmständer war nicht schwer genug.Jahrzehntelang hatte die Polizei den Fall immer wieder aufgerollt. Weil sich die Identität der Toten nicht ermitteln ließ, wandten sich die Ermittler mit einer Gesichtsrekonstruktion an die Öffentlichkeit. Auch das Alter konnte nur geschätzt werden. Demnach war das Mädchen zwischen 13 und 16 Jahre alt. Bei einer Körpergröße von 1,57 Meter wog sie gerade einmal 38,5 Kilogramm.Was sich damals auch herausstellte: Das Opfer muss jahrelang misshandelt worden sein. Der Körper wies unbehandelte Knochenbrüche an beiden Oberarmen auf, dazu waren Narben an Stirn, Rumpf und Beinen zu finden sowie zahlreiche Brandverletzungen am ganzen Körper, wie von Zigaretten. Verletzungen, die dem Mädchen laut Polizei möglicherweise von frühester Kindheit an zugefügt worden sind. Das linke Ohr war deformiert. Wie es damals hieß, möglicherweise die Folge von dauerhaften Schlägen. Gestorben sei das Mädchen schließlich an massiven Schlägen oder Tritten gegen Bauch und Brust.In diesen Bettbezug mit braunem Leopardenmuster war die Leiche eingewickelt.HLKAAufwendige Untersuchungen zur HerkunftUm die Herkunft des Mädchens herauszufinden, wurde eine Isotopenanalyse in Auftrag gegeben. Sie ergab, dass das Mädchen ursprünglich vermutlich aus Afghanistan, Pakistan oder Nordindien stammte und sehr früh nach Deutschland gekommen sein muss – voraussichtlich zwischen dem vierten Lebensmonat und dem fünften Lebensjahr. Die letzten zwei Jahre vor ihrem Tod soll die Jugendliche in Deutschland verbracht haben. Laut den Analyseergebnissen hat sie womöglich in einem städtischen Gebiet gelebt.Doch das war nicht die einzige Spur, die die Ermittler damals hatten. Sie gingen auch den Fundstücken nach, die an der Leiche gefunden worden sind. So handelte es sich bei dem Stoff, mit dem das Bündel an den Schirmständer geknotet worden war, um sogenannte Nalas, eine Art Gürtel, die im pakistanischen und afghanischen Raum getragen werden. Die Beamten erstellten Fahndungsplakate, die sie in Afghanistan, Pakistan und Nordindien in Kirchen und Jugendzentren verteilten – erst nur auf Deutsch und Arabisch, dann auch in Farsi, Urdu, Dari und Paschtu.Auch erstellten die Beamten eine Liste mit jungen Frauen aus diesen Ländern, die im besagten Zeitraum in Deutschland gelebt haben, zumindest der offiziellen Registrierung nach. Es waren mehr als tausend. Die Tote war zumindest nach den damaligen Erkenntnissen damals nicht dabei. Eine der Theorien, denen die Ermittler damals nachgingen, war unter anderem die, dass das Mädchen in einem Diplomatenhaushalt als Dienstbotin gelebt und gearbeitet hat. Das, so argumentierten sie damals, würde erklären, warum sie „unter dem Radar“ in Deutschland leben konnte. Ohne die Schule zu besuchen. Ohne soziales Umfeld. Doch auch diese Spur führte ins Nichts.Das LKA rekonstruierte abermals das Gesicht des Mädchens. Sie wurde Teil der BKA-Kampagne „Identify me“.HLKADanach ruhte der Fall jahrelang – bis ihn das Hessische Landeskriminalamt (LKA) gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Frankfurt abermals aufgriff und in seiner „Cold Case Unit“ noch einmal von Grund auf aufrollte. Die Hoffnung: dass irgendjemand auch nach so langer Zeit nun doch Angaben zu dem Mädchen machen kann.Abermals ließen die Ermittler mit moderneren Methoden, als es vor 20 Jahren noch möglich gewesen war, das Gesicht des Mädchens per Computer rekonstruieren. Es entstand ein präziseres Bild, wie die Unbekannte zu Lebzeiten wohl ausgesehen hat. Mit diesem Foto wandte sich das LKA im Oktober 2024 abermals an die Öffentlichkeit.Und nicht nur das: Der Fall wurde auch in das Programm „Identify Me“ von Europol aufgenommen, die in Deutschland über das Bundeskriminalamt organisiert wird, und das es sich zum Ziel gesetzt hat, Frauen und Mädchen, die offenbar Opfer einer Gewalttat geworden sind, aber nicht identifiziert werden konnten, mit großer medialer Verbreitung in die Öffentlichkeit zu bringen. Abermals wurden die Umstände ihres Todes beschrieben, wieder wurden die Fundstücke gezeigt, die damals am Tatort gefunden worden waren. Der Schirmständer, das Tuch mit Leopardenmuster, die Nalas. Diesmal gingen die entscheidenden Hinweise ein.Dieses Stück Stoff, eine Nala, benutzte der Täter, um die Leiche an den Schirmständer zu knoten. Die Polizei fand heraus, dass es sich um eine Art Gürtel handelte, die in Pakistan und Afghanistan verwendet werden.Begraben wurde die unbekannte Tote schließlich auf einem Friedhof in Frankfurt. Da es keine Angehörigen gab, sollte sie ein anonymes Grab bekommen. Doch die Ermittler von damals, so hieß es, hätten Geld zusammengelegt, um das Mädchen „richtig“ beerdigen zu lassen. Auf dem Grabstein steht: „Unbekanntes Mädchen“.Die Fahndungskampagne „Identify Me“ startete im Mai 2023 mit dem Ziel, 22 tote Frauen zu identifizieren, darunter sechs Frauen, die in Deutschland aufgefunden wurden. Bislang gingen zu den 22 Fällen rund 1.800 Hinweise aus der Öffentlichkeit ein. Zuletzt wurde die Kampagne um weitere 25 ungeklärte Fälle ausgeweitet.
Cold Case aus Frankfurt: Mord an Mädchen aus dem Main aufgeklärt
Jahrzehntelang galt der Fall des „Mädchens aus dem Main“ als unlösbar. Nun hat die Polizei einen der mysteriösesten Mordfälle Deutschlands aufgeklärt.











