Der FC Arsenal hat es gegnerischen Fans und dem zum Krawall geneigten Teil der englischen Presse lange Zeit leicht gemacht, sich über den Verein lustig zu machen. Seit dem Ende der Ära von Arsène Wenger, der von 1996 bis 2018 Trainer der „Gunners“ gewesen war, wurden die stets hohen Ambitionen zumeist nur von der Schmach des Scheiterns übertroffen.Als sie sich im Jahr 2023 die Tabellenführung auf der Zielgeraden der Saison geradezu spektakulär von Manchester City entreißen ließen, wurden sie im Volksmund zu chronischen „Bottlers“ erklärt: einer Ansammlung von Spielern, die im entscheidenden Moment doch nur wieder über ihre eigenen, flattrigen Nerven stolpern.Eine streng ergebnisorientierte MeistermannschaftAuch dieses Jahr sah es zwischenzeitlich schon wieder danach aus, als ihr Vorsprung bedrohlich schwand. Doch die Nerven hielten. Während Arsenal seine beiden zurückliegenden Ligaspiele jeweils 1:0 gewann – glanzlos, aber effizient –, stolperte dieses Mal City. Am Dienstagabend spielte die Mannschaft von Pep Guardiola beim AFC Bournemouth nur unentschieden und kürte Arsenal damit zum ersten Mal seit 22 Jahren zum englischen Meister.Dass Arsenals Profis das entscheidende Spiel um den Titel im Trainingszentrum in Colney entspannt vor dem Fernseher verfolgen konnten, hat eine gewisse Symbolkraft. Arsenal hat die Meisterschaft nicht gewonnen, weil City es vermasselt hat; City hat es vermasselt, weil Arsenal selbst dann nicht den Glauben verlor, als sie das direkte Aufeinandertreffen im April verloren. Tatsächlich sind sie seitdem nicht mehr als Verlierer vom Platz gegangen, wodurch der Druck eher auf City lastete.Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Arsenal die Meisterschaft eben nicht mit dem schönsten Fußball der Premier League gewonnen hat. Stattdessen gingen sie streng ergebnisorientiert zu Werke. Einen erheblichen Anteil ihrer Tore haben sie nach Standardsituationen erzielt – wie am Montag, als der deutsche Nationalspieler Kai Havertz nach einer Ecke per Kopfball das entscheidende Tor gegen den schon als Absteiger feststehenden FC Burnley schoss. Wahrlich keine Show für die Fans, aber weitere drei Punkte auf dem Konto. Mit 26 Gegentoren stellt Arsenal nicht zufällig die beste Abwehr der Liga.Der Triumph ist eine besondere Genugtuung für Arsenals oft kritisierten Trainer Mikel Arteta. Der 44 Jahre alte Spanier hat den Klub im Dezember 2019 übernommen, doch mit Ausnahme eines Pokalsiegs ganz zu Anfang wurde seine Arbeit im Norden Londons nicht mit Titeln belohnt. Bis jetzt. Endlich hat er bewiesen, dass er als Trainer in der Lage ist, nicht nur in die Nähe der Spitze zu klettern, sondern sie auch zu erklimmen.Der kollektive mentale KollapsDie Meisterschaft bedeutet den Fans mehr als jeder andere Titel; wobei ein möglicher Sieg im Champions-League-Finale gegen Paris Saint-Germain Ende Mai nicht nur finanziell mehr als ein Bonus wäre. Dass Arsenal in seiner Entwicklung überhaupt an einem Punkt steht, an dem sie die zwei wohl am schwierigsten zu gewinnenden Titel des Fußballs für sich beanspruchen könnten, ist das Ergebnis von Artetas Wirken. Und eine Belohnung für die Geduld, die der Verein mit ihm auch dann hatte, wenn es schlecht lief.An mehreren Stellen in dieser Geschichte schien es durchaus realistisch, dass Arsenal das Projekt mit seinem früheren Kapitän Arteta beenden könnte. In der Saison 2020/21 lief es so holprig, dass die Mannschaft in der Tabelle zwischenzeitlich bis auf den 15. Rang abrutschte. Im Jahr danach vergeudeten sie kurz vor dem Ziel die Gelegenheit, sich für die Champions League zu qualifizieren. 2023 folgte dann der kollektive mentale Kollaps, als sie je nach Zählweise neun Punkte Vorsprung vor City vergaben und am Ende nur Zweiter wurden.Der Spott war riesig, doch die amerikanischen Eigentümer hielten an Arteta fest. Selbst, als er sich öffentlich mit hochbezahlten Starspielern wie Mesut Özil und Pierre-Emerick Aubameyang überwarf und sie schließlich aussortierte. Rückblickend sind auch diese hierarchischen Brüche zu Bausteinen des heutigen Erfolgs geworden.Verpflichtungen mit KonzeptDenn statt auf einzelne Stars setzt Arteta auf personelle Tiefe und spielerische Kohärenz in einem Kader, dessen Konstruktion stets einer Idee folgt. Das Profil: technisch begabt, läuferisch engagiert, taktisch vielseitig. Junge Spieler wie Bukayo Saka (24) und der erst 16 Jahre alte Max Dowman wurden und werden über Jahre hinweg systematisch aufgebaut.Natürlich hat Arsenal auch viel Geld investiert – allein vor dieser Saison fast 300 Millionen Euro –, aber Verpflichtungen wie die von Martín Zubimendi (auf Anhieb 55 Saison-Einsätze) und Viktor Gyökeres (53 Einsätze) waren nicht in erster Linie vom Wunsch nach großen Namen getrieben, sondern von der Absicht, den Kader um Spieler zu ergänzen, die fußballerisch und charakterlich zum großen Ganzen passen.Wie zur Verdeutlichung dieser Philosophie der Einheit machten am Dienstagabend Videos die Runde, in denen zu sehen war, wie Arsenals Sportdirektor Andrea Berta bei der Party in Colney völlig losgelöst mit dem Team feierte. Mit oder ohne Champions League: Der Triumph der Geduld ist ihnen nicht zu nehmen. Vermasselt haben es dieses Mal die anderen.