Als sie jung und die Popmusik noch etwas Besonderes war, hieß es in den so genannten liner notes auf den Schallplattencoverrückseiten oft: „A star like her is not made overnight“. Es bedurfte nämlich durchaus noch der Erklärung, wie ein Star wurde, was er war, welche Ausbildung er vielleicht genoss, wie er sein Talent ausbildete, wer ihm dabei half und welche Bedingungen und Strukturen der Unterhaltungsindustrie (Manager, Produzenten und Plattenfirmen) dabei eine Rolle spielten.Cher war schon im Geschäft und beinahe auch ein Star, da war sie noch minderjährig. Es ist die alte Ike-und-Tina-Turner-Geschichte: Älterer Ehemann wird auf sie aufmerksam, bringt sie irgendwo unter - in diesem Fall bei Phil-Spector-Produktionen für den Hintergrundgesang -, tut sich dann mit ihr zum professionellen Sangesduo zusammen und kann es irgendwann nicht mehr verhindern, wie sich das Talent löst und selbständig macht, was Cher indes viel früher tat als Tina Turner; nämlich in dem Jahr, in dem ihr gemeinsames Debüt „Look At Us“ mit dem gewaltigen Hit „I Got You Babe“ erschien, 1965, brachte sie auch ihre erste eigene Platte mit Titeln heraus, die damals schon Popstandards waren oder es, nicht zuletzt dank ihrer Interpretation, bald wurden: „All I Really Wanna Do“ wies sie, gespickt mit viel Dylan, auf Anhieb als Schallplattenkünstlerin aus, deren Schönheit, weniger deren Stimme, das ideale Vehikel für prominente Fremdkompositionen war.In England tat dies zur selben Zeit und mit ebenfalls beachtlichem Output ihre Jahrgangsgenossin Marianne Faithfull. In den ersten fünfzehn Jahren nahm Cher, wenn sie nicht gerade fürs „Vogue“-Titelblatt posierte oder sich mit prominenten Musikern (David Geffen, Gregg Allman, Gene Simmons) vergnügte, anderthalb Dutzend Studioalben auf.Nicht eigentlich „schön“ zu nennenDas war aber erst die Straße zu ihrem eigentlichen, globalen Ruhm, den Hitparadenerfolge wie „Bang, Bang (My Baby Shot Me Down)“, „You Better Sit Down Kids“, „Gypsys, Tramps & Thieves“ und das auf ihre Cherokee-Wurzeln anspielende „Half-Breed“ ihr pflasterten. Die Interpretation dieses imponierenden Popkatalogs geriet ihr nie zu speziell, sondern auf eine Weise harmlos, die indes nichts mit Biederkeit zu tun hatte. Cher war, trotz ihrer damals modisch beflissenen Garderobe, auf ihre anschlussfähige Art von allem etwas und besang ihre Existenz zwischen Tingeltangel, Hippiemilieu und Liebesdramen mit manchmal etwas klischeehaftem Pathos in ihrem kehlig-belegt vibrierenden, dabei nicht eigentlich „schön“ zu nennenden Mezzosopran.Man ist daran gewöhnt, in Madonna die Königin der Selbstneuerfindungen oder der Häutungen zu sehen. Tatsächlich war Cher dies in höherem Maße und ohne diesen angestrengten Ehrgeiz. Zwei Filmpleiten mit Sonny Bono nötigten das Paar auf eine jahrelange Ochsentour durch die Klubs, das in den früheren Siebzigern mit seinem enorm viel gesehenen Fernsehcomeback „Sonny and Cher Comedy Hour“ nicht nur finanziell wieder auf die Beine kam, sondern nun auch jenen künstlerischen Respekt einheimste, der ihren früheren Darbietungen weitgehend versagt blieb.Selbst durch die Achtziger kam sie gut durch, nicht nur musikalisch mit ihrem nun für das ganz große Publikum zugeschnittenen Breitwandpop („If I Could Turn Back Time“, „Just Like Jesse James“ und „Walking in Memphis“); auch als Filmschauspielerin triumphierte sie: in „Silkwood“, „Die Hexen von Eastwick“ und, spektakulär mit dem Hauptrollen-Oscar prämiert, „Mondsüchtig“. Der unerwartete Welterfolg mit dem Lied „Believe“ (1998) machte sie obendrein zu einer Art Dance- und Elektro-Göttin, die schlau genug war, ihrer Stimme fortan mit technischen Höhenkorrekturen aufzuhelfen, nun vollends eine selbstsichere, gelassene Gesamtentertainerin, die sich bei aller Mondänität eine gewisse Bodenständigkeit bewahrt hat und deren Energie sogar noch ausreichte, um eigentlich längst toten Gassenhauern Leben einzuhauchen wie mit dem „Shoop Shoop Song (It's in His Kiss)“.Sie gibt alles und verkauft dabei ihren HinternIhren Abschied hat sie schon mehrmals eingereicht, das erste Mal vor mehr als 20 Jahren. Der Rezensent war im Frühjahr 2004 bei einem ihrer Farewell-Konzerte dabei, als sie in dem mit geradezu grotesk aufwendiger Bühnenshow bestückten Zirkus die abgeklärte Zeremonienmeisterin und, auf ihre letztlich seltsam reservierte Art, buchstäblich alles gab. Sie wusste und weiß, wie sie das Publikum kriegt, ließ sich schon mal, gut sichtbar, in Kleidung ohne Unterwäsche blicken: „Ich verkaufe meinen Hintern im übertragenen Sinne. Es ist ein Weg, die Menschen in die Konzerte zu locken.“Nun, da ihr Geburtstag sich schon wieder rundet, kann man jedenfalls sagen: Cher wurde auch nicht über Nacht 80. Als Erstes stellt sich dabei die Frage, wie lange es wohl noch dauert, bis ihr das Alter endlich einmal anzusehen ist. Auf den neuesten Bildern wirkt sie, als gäbe es kein Gestern und kein Vorgestern mit dem unvermeidlichen Lebensballast, wenigstens an Falten und Pfunden. Überall, wo Glanz ist, so jüngst bei der Grammy-Verleihung und bei der Gala am Metropolitan Museum, taucht sie auf; und wenn ein Ort keinen Glanz hat, kommt sie auch und verleiht ihm welchen.Seit Jahrzehnten zerbricht man sich nun schon den Kopf darüber, wie es einer Künstlerin gelingt, sich dermaßen lange nicht nur oben, sondern dabei auch noch so über die Maßen gut zu halten. All die Rekorde, die sie, quantitativ wie qualitativ, nicht nur mit ihren Alben und Songs, sondern auch sonst erzielt hat, sind Wikipedia-Wissen und trotzdem der Rede wert; hier nur den einen: Als einzige Sängerin hatte sie in jedem Berufsjahrzehnt einen Nummer-1-Song, bisher in sieben. Aber die Antwort darauf, was sie so dastehen lässt, beständiger als Erz, und zwar so mühelos, wie ihre Kunst scheint, liegt eben in dieser Kunst, die sie ja, mit Haut und Haar, schließlich selbst ist.Dass das alles nicht mit rein natürlichen Dingen zugeht, ist bekannt und sollte kein Problem sein. Gerade mit ihrer Offenheit für jede Art von künstlicher Nachhilfe beweist sie einen Sinn für die vielleicht entscheidende Lebenstatsache. Aber bei Cherilyn Sarkasian LaPierre kommt noch etwas hinzu: Disziplin, Härte, die Weigerung, sich gehen zu lassen, eine Haltung, die zuallererst auf sich hält, das Bewusstsein, dass Stillstand Rückschritt ist und ein kreatives Leben nicht etwa in der Konservierung, sondern am besten in der „Gestaltung, Umgestaltung, des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung“ („Faust II“) gelingt – macht, alles zusammen: eine Schönheit, die (auch) von innen kommt.
Die Zeremonienmeisterin: Popsängerin Cher wird 80
Noch minderjährig war sie die bessere Hälfte des erfolgreichsten Pop-Ehepaars aller Zeiten, gewann später einen Oscar und wurde schließlich zur Popgöttin. Nun wird Cher, jung wie eh und je, achtzig.










