ErklärtDie Bedeutung der Faszien wurde lange unterschätzt. Dabei ist das Bindegewebe entscheidend für Beweglichkeit und SchmerzempfindenFaszien können Schmerzen verursachen. Dagegen hilft gezielte Bewegung.Adrian Ritter20.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZLeserfrage: Was sind Faszien, welche Bedeutung haben sie für unsere Gesundheit, was kann man tun, wenn sie schmerzen? Und stimmt es, dass sie ein eigenes Gedächtnis haben?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der Medizin wurden die Faszien lange Zeit vor allem als Hindernis betrachtet: Das weisse Bindegewebe rund um unsere Organe und Muskeln muss bei Operationen in aufwendiger Handarbeit entfernt werden. Darüber hinaus fand es lange Zeit kaum Beachtung. Faszien galten als «Verpackung», die unserem Körper Struktur und Halt gibt. «Heute weiss man, dass Faszien noch ganz andere Funktionen haben», sagt Professor Robert Schleip, Leiter eines Forschungsverbundes zu Faszien an der Technischen Universität München.Wohl & Sein antwortetIn der Rubrik «Wohl & Sein antwortet» greifen wir Fragen aus der Leserschaft rund um Gesundheit und Ernährung auf. Schreiben Sie uns an [email protected].Inzwischen ist bekannt: Faszien übernehmen einen Teil der Kraftübertragung der Muskeln und bestimmen so mit, wie wir uns bewegen. Zudem enthält das Fasziengewebe mehr Nerven als jedes andere Gewebe. Es dient der Körperwahrnehmung und kann Schmerzimpulse ans Gehirn leiten. «Die Faszien sind ein wichtiges Sinnesorgan», sagt Schleip. Faszien reagierten sogar sensibler auf Reize als Nerven im Muskelgewebe und in der Haut.Verhärtetes GewebeFaszien leiten Schmerzen weiter, wenn das Fasziengewebe sich verhärtet (in der Fachsprache: fibrotisiert), entzündet und verdickt. Verantwortlich dafür ist häufig das Kollagen – die faserartigen Proteine, aus denen Faszien vor allem bestehen. Sie können wuchern und verkleben. Dies geschieht insbesondere, wenn wir uns zu wenig bewegen – oder es umgekehrt übertreiben beim Sport.«Manche Rückenschmerzen sind nicht wie früher vermutet der Muskulatur, sondern den Faszien zuzuschreiben», sagt Schleip. Studien zeigten, dass die Faszien bei Patientinnen und Patienten mit Rückenschmerzen verklebter seien als bei gleichaltrigen gesunden Menschen. «Auch den Muskelkater sollte man eher Faszienkater nennen», sagt Schleip. Er ist Mitautor einer Studie, gemäss der nicht primär Mikrorisse in den Muskeln, sondern Veränderungen in den Faszien zu den typischen Beschwerden nach körperlicher Betätigung führen.Netzwerk durch den KörperWeil sich das Fasziengewebe durch den ganzen Körper zieht und vernetzt ist, können Beschwerden auch anderswo spürbar sein als an ihrem Entstehungsort. Weil sie jedes Organ in unserem Körper umgeben, können sie gemäss Schleip sogar in den Organen Probleme erzeugen. So gebe es Hinweise, dass etwa gewisse Kopfschmerzen und Verdauungsprobleme mit faszialen Veränderungen zusammenhingen.Die gute Nachricht: Die Verhärtungen bilden sich oft wieder zurück. Denn das Gewebe erneuert sich und lässt sich durch Bewegung und geeignete manuelle Therapien wieder lösen. Das Motto lautet: das Fasziengewebe geschmeidig halten.Spezifische Übungen helfen, Verhärtungen in den Faszien zu verhindern oder zu lösen. Dazu gehören dehnende und hüpfende Bewegungen oder Übungen mit Rollen, die manchmal auch als «Faszienrollen» bezeichnet werden. Auch Körperübungen wie Yoga und Qi Gong seien empfehlenswert. «Wer gravierende körperliche Probleme hat, sollte diese allerdings erst ärztlich abklären lassen», sagt Schleip.Kein geschützter BerufWer therapeutische Hilfe sucht, sollte beachten: Einen geschützten Beruf im Sinne von «Faszientherapeutin» oder «Faszientrainer» gibt es nicht. Therapeutinnen und Therapeuten im Bereich der Physiotherapie zum Beispiel haben aber bisweilen Aus- und Weiterbildungen zu Faszienarbeit besucht.Auch in der Orthopädie sucht man inzwischen nach spezifischen Behandlungsmöglichkeiten für die Faszien. Um die Gleitfähigkeit der Faszien zu verbessern, injizieren Fachleute probeweise Hyaluronsäure in das Gewebe. Noch fehlt es gemäss Schleip allerdings an hochwertigen Studien zur Wirksamkeit dieser Therapie.Newsletter «Wohl & Sein»Vertiefen Sie Ihr Wissen über Ernährung, Gesundheit und Psychologie mit unserem Newsletter «Wohl & Sein». Jeden Donnerstag in Ihrem Posteingang.Zur AnmeldungAuf dem Markt gibt es allerhand weitere Angebote, die den Faszien dienen sollen – von Kollagenpulver und Gelatine bis zu Faszientees. Allerdings ist nicht nachgewiesen, dass solche Massnahmen wirksam sind, um Schmerzen zu lindern oder die Faszien ganz allgemein gesund zu halten. Was die Ernährung betrifft, hat sich gemäss Schleip vor allem eine antientzündliche Nahrung als vorteilhaft für die Faszien erwiesen.Was Schleip betont: «Alles, was unserer Gesundheit allgemein guttut, ist auch den Faszien förderlich. Neben einer gesunden Ernährung gehören dazu Bewegung und genügend Schlaf.»Sie haben auch eine Frage rund um Ernährung und Gesundheit? Schreiben Sie uns an [email protected].Passend zum Artikel