KommentarDas Schweigen von Selenski: Sein selbstherrliches Führungssystem begünstigt KorruptionSein nächstes Umfeld ist in einen Korruptionsskandal verwickelt. Wolodimir Selenski tut so, als habe das mit ihm nichts zu tun – und wirkt dabei nicht überzeugend. Den Krieg benutzt der ukrainische Präsident als Schutzschild, um Kritik abzuwehren.20.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer ukrainische Präsident Wolodimir Selenski (rechts) und sein früherer Stabschef Andri Jermak bei einem Treffen mit dem spanischen König Felipe. Madrid, 18. November 2025.Violeta Santos Moura / ReutersÜber die ukrainische Korruption zu schreiben, scheint westlichen Medien eher schwerzufallen. Zumindest wird in dieses Thema nicht übermässig viel Energie gesteckt. Denn was ist ein bisschen Korruption angesichts des heroischen Kampfs der ukrainischen Soldaten? Und schwächt eine Berichterstattung darüber tendenziell nicht die klare Rollenverteilung in diesem Krieg: Opfer Ukraine, Täter Russland? Die Thematisierung wird schnell als Ablenkungsmanöver interpretiert: Zum einen sei die russische Korruption um ein Vielfaches schlimmer, zum anderen zeige sich in der ukrainischen Korruptionsbekämpfung ja gerade der funktionierende Rechtsstaat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Präsident Selenski selbst instrumentalisiert den Krieg, um die Empörung im Land angesichts der Korruption zu dämpfen. Als im vergangenen Jahr die sogenannte Midas-Affäre publik wurde, in die sein engstes privates und politisches Umfeld verwickelt ist, äusserte sich Selenski dazu nicht wirklich, stattdessen gab er wohlmeinende Appelle von sich: «Wenn wir unsere Einigkeit verlieren, riskieren wir, alles zu verlieren: uns selbst, die Ukraine, unsere Zukunft.» Man kann das auch so interpretieren: Haltet euch mit Kritik zurück, das schwächt die Moral im Krieg.Selenskis BodyguardSelenski kommt damit bis anhin durch, ohne überzeugend zu wirken. Mittlerweile wird auch Andri Jermak, Selenskis ehemaliger Stabschef, offiziell verdächtigt, illegal Gelder abgezweigt und in ein Neun-Millionen-Dollar-Datschenprojekt namens «Dynastie» investiert zu haben. Jermak war über fünf Jahre Selenskis engster Mitarbeiter, der den Präsidenten wie ein Bodyguard begleitete. Er regelte, wer mit Selenski sprechen konnte – und wer nicht. Er führte internationale Delegationen durchs Land und leitete Verhandlungen für die Ukraine. Er war der Gatekeeper zur Macht und damit selbst einer der mächtigsten Politiker im Land.Weil sich die beiden so nahe standen, lässt sich die Affäre nicht einfach abschütteln. Neben Jermak spielen auch weitere Personen aus Selenskis nächstem Umfeld eine entscheidende Rolle in der Korruptionsaffäre. Namentlich Timur Minditsch – der Geschäftsmann und Selenski-Freund flüchtete nach Israel. Herman Haluschtschenko – der frühere Justizminister versuchte über Polen zu flüchten. Olexi Tschernischow – ehemaliger Vizeministerpräsident, Selenskis Frau ist die Patentante seiner Kinder.Sie alle sollen in eine Bestechungsaffäre rund um den Atomenergie-Monopolisten Enerhoatom verwickelt sein: Eine Clique um Minditsch soll Bestechungsgelder in der Höhe von über 100 Millionen Dollar angenommen haben. Im Rahmen des Datschen-Projekts «Dynastie» waren vier Villen geplant für vier Personen: mutmasslich für Minditsch, Tschernischow, Jermak. Die ukrainischen Medien spekulieren, ob es sich bei der vierten Person um Selenski handelt.Suche nach Rat bei der AstrologinVieles ist noch unklar, Jermak beteuert seine vollkommene Unschuld. Als die Anschuldigungen 2025 publik wurden, kündigte er an, er gehe an die Front. Er sei ein ehrlicher und anständiger Mann. Allerdings rückte er bis heute nicht ein, stattdessen bereitet der talentierte Anwalt seine juristische Verteidigung vor und poliert sein Image, indem er sich für den «Schutz der Opfer russischer Aggression» einsetzt. Neben dem Vorwurf der Bestechung steht auch der Verdacht im Raum, dass Jermak heikle Informationen preisgegeben haben könnte. So soll der frühere Stabschef eine Astrologin für Personalfragen konsultiert haben. Entsprechende Telefongespräche sollen belegen, wie Jermak Geburtsdaten übermittelte, um über mögliche Kandidaten Auskünfte zu erhalten.2019 war Selenski mit seiner Bewegung «Diener des Volkes» angetreten, um die Korruption in der Ukraine zu bekämpfen. Mittlerweile steht seine einstige engste Führungsclique unter Verdacht, sich in der alten Manier der ukrainischen Politik selbst bereichert zu haben. Im Schutz des Krieges versucht Selenski so zu tun, als habe all das mit ihm nichts zu tun. Dabei verlässt er sich auf die Fülle seiner Macht: Als Präsident ist er immun gegen Strafverfolgung, und Wahlen soll es erst nach einem Ende des Krieges wieder geben.Kein Interesse an rechtsstaatlichen ReformenDaria Kalenjuk, eine ukrainische Antikorruptionsspezialistin, bilanziert in der NZZ: «Selenski hat kein Interesse an rechtsstaatlichen Reformen. Er will keine robusten Institutionen schaffen, sondern setzt weiterhin auf einen hierarchischen Führungsstil, bei dem ein kleiner Kreis alle wichtigen Entscheidungen trifft.» Dass er das Parlament nur als dekoratives Element versteht, zeigte er als Präsident schon von Anfang an. Genau dieses selbstherrliche Führungssystem begünstigt Korruption, umso mehr in Kriegszeiten.Seine natürlichen Reflexe hat Selenski im vergangenen Jahr gezeigt. Als die ersten Vorwürfe gegen Jermak publik wurden und sich Verfahren gegen Minditsch und Tschernischow anbahnten, versuchte der Präsident die unabhängigen Antikorruptionsbehörden Nabu und SAP unter seine Kontrolle zu bringen. Selenski knickte erst unter dem Druck der Medien, der protestierenden ukrainischen Zivilgesellschaft und der EU ein.Kein zuverlässiger politischer PartnerAll das zeigt: Selenski macht in der Korruptionsbekämpfung gerade so viel, wie er muss, um vom Volk und von den europäischen Partnern getragen zu werden. Darin mag man einen geschickten Politiker erkennen, aber eher weniger einen zuverlässigen politischen Partner.Krieg ist ein Treiber für Korruption. Man kann in ihr ein Übel sehen, das es angesichts der grösseren Ziele hinzunehmen gilt. Das scheint gemessen an seinem Handeln die Selenski-Sichtweise zu sein. Man kann in ihr aber auch den Gipfel des Zynismus sehen. Denn im existenziellen Kampf eines Landes und unter der Mobilisierung aller Kräfte wirkt Korruption umso frivoler. Und auf Dauer demoralisierend. In der Ukraine verteidigt nicht der Präsident den Rechtsstaat, die Ukrainer tun es selbst.Passend zum Artikel