PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungKorruptionsskandalDer Verlierer ist Wolodymyr SelenskyjVeröffentlicht am 13.11.2025Lesedauer: 3 MinutenPräsident Wolodymyr Selenskyj Anfang November 2025Quelle: The Presidential Office Ukraine/Sven Simon/picture allianceDer Korruptionsskandal in der Ukraine grenzt an Landesverrat: 100 Millionen Euro sollen im Energiesektor veruntreut worden sein. Fragwürdig ist die Rolle des Präsidenten im Vorfeld der Aufdeckung.Es gehört zum Standardrepertoire der Ukraine-Kritiker, auf das anhaltende Korruptionsproblem im Land hinzuweisen. Deshalb ist der neue Skandal um Justizminister Herman Haluschtschenko ein gefundenes Fressen für all diejenigen, die schon immer kein gutes Haar an der Ukraine lassen wollten. 100 Millionen Euro sollen veruntreut worden sein, und das auch noch im arg gebeutelten Energiesektor des Landes.Was da vorgefallen ist, grenzt an Landesverrat. Weil die Ukraine sich solche Korruption nicht leisten kann, da alle verfügbaren Ressourcen eingesetzt werden müssen, um das Land zu verteidigen – und die Schäden der russischen Angriffe auf die Energieversorgung möglichst rasch zu beseitigen. Noch gravierender ist jedoch, dass solche Skandale das Vertrauen der westlichen Geldgeber erschüttern und Zweifel wecken, ob das viele Geld, dass wir in der Ukraine investieren, auch tatsächlich an den richtigen Orten landet.Lesen Sie auchAber: Korruption gibt es auch in westlichen Ländern. Und gerade in einer Notfallsituation wie in der Ukraine ist es klar, dass Schnelligkeit oft vor Sorgfalt geht – was Einfallstore für Korruption öffnet, die es in Friedenszeiten so nicht geben würde. Tatsächlich gibt es in der ganzen Angelegenheit nämlich auch einen Lichtblick: Die Ermittlungen und die ausgestellten Haftbefehle zeigen, dass die Institutionen so funktionieren, wie sie sollen, und dass die Täter eben nicht mehr unbehelligt davonkommen wie früher.Tatsächlich ist die Ukraine seit 2014 weit gekommen und hat zahlreiche Maßnahmen getroffen, um transparenter zu werden und effektiver gegen Veruntreuung vorzugehen. Die machtvolle und unabhängige Antikorruptionsbehörde wurde eingerichtet, um genau jene Art von Kriminalität zu bekämpfen, die nun erneut Schlagzeilen macht.Lesen Sie auchDer Verlierer dieses Skandals ist deshalb Präsident Wolodymyr Selenskyj. Weil der mutmaßliche Anführer des Korruptionsrings ein enger Geschäftspartner von ihm war und auch mehrere aktuelle oder ehemalige Minister involviert sein sollen. Aber auch, weil Selenskyj im vergangenen Sommer in einem handstreichartigen Verfahren versucht hatte, die Antikorruptionsbehörde unter politische Aufsicht zu stellen – offenbar um genau die Ermittlungen zu blockieren, deren Ergebnisse nun die Ukraine erschüttern.Der Gewinner hingegen ist die ukrainische Zivilgesellschaft. Die ließ sich im Sommer auch durch den Krieg nicht beirren – die ukrainischen Bürger gingen massenhaft auf die Straße, um die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörde zu bewahren. Selenskyj sah sich deshalb am Ende gezwungen, dem Druck seiner Bürger und der Europäer nachzugeben und die Eigenständigkeit der Behörde wieder herzustellen. Dass die Ukrainer trotz Krieg nicht bereit waren, die Reformuhr zurückdrehen zu lassen, zeigt, wie resilient die Zivilgesellschaft auch politisch ist. Und wie wichtig es den Ukrainern ist, ihren Weg in Richtung Europa und europäischer Werte fortzusetzen.Der Korruptionsskandal mag ein herber Schlag für die ukrainische Regierung und ihre Glaubwürdigkeit sein. Seine Aufdeckung hingegen ist ein Sieg für die ukrainische Zivilgesellschaft.