PfadnavigationHomePolitikAuslandDruck des PräsidentenKorruptionsskandal in der Ukraine – Energieministerin und Justizminister treten zurückVeröffentlicht am 12.11.2025Lesedauer: 4 MinutenAnti-Korruptionsermittler werfen dem Vertrauten von Präsident Wolodymyr Selenskyj, Timur Minditsch, Korruption im Energiesektor vor. Minditsch soll geflohen sein. Korrespondent Christoph Wanner ordnet die brisante Lage ein.Der Korruptionsskandal im ukrainischen Energiesektor spitzt sich zu: Zwei Minister treten auf Druck von Wolodymyr Selenskyj zurück. Gerichte verhängten U-Haft gegen erste Beschuldigte. Der Präsident sicherte den Ermittlern seine volle Unterstützung zu.In einem großen Korruptionsskandal in der Ukraine mit Spuren bis ins Umfeld von Präsident Wolodymyr Selenskyj haben Gerichte U-Haft gegen erste Beschuldigte verhängt. Ein Verdächtiger muss bis zum 8. Januar in Untersuchungshaft bleiben, falls er nicht eine Kaution von 95 Millionen Hrywnja (1,94 Millionen Euro) hinterlegt. Das berichtete der öffentliche Rundfunksender Suspilne aus dem Gerichtssaal in Kiew. Der Mann soll in das Verschleiern hoher Schmiergeldsummen aus dem staatlichen ukrainischen Atomkonzern Energoatom verwickelt sein. Auch eine Frau muss für 60 Tage in U-Haft; die mögliche Kaution wurde auf 25 Millionen Hrywnja festgesetzt. Sie soll ebenfalls an der inoffiziellen Buchhaltung für die Gruppe korrupter Politiker und Beamter mitgewirkt haben. Insgesamt ist bislang die Festnahme von fünf Personen bekannt. Lesen Sie auchAm Mittwoch waren im Zuge der Korruptionsermittlungen im Energiesektor bereits zwei Minister in der Ukraine zurückgetreten. Energieministerin Switlana Hryntschuk veröffentlichte ihr handgeschriebenes Rücktrittsgesuch bei Facebook. Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko zufolge ersuchte zudem Justizminister Herman Haluschtschenko seinen Rücktritt, nachdem er am Morgen durch Ministerpräsidentin Swyrydenko von seinen Aufgaben entbunden worden war. Hryntschuk und Haluschtschenko bestritten die erhobenen Vorwürfe. „Ich werde mich vor Gericht verteidigen“, kündigte Haluschtschenko an. Er hatte das Energieressort im Sommer abgegeben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuvor die Entlassung der beiden gefordert. Angesichts des Korruptionsskandals im Energiesektor erwarte er den Rücktritt von Hryntschuk und Haluschtschenko. „Ich bitte die Parlamentsabgeordneten diese Gesuche zu unterstützen“, sagte der Staatschef in einer Videobotschaft. Es sei eine Frage des Vertrauens, unterstrich er.Er selbst unterstütze die Anti-Korruptionsbehörden bei ihren Ermittlungen, betonte Selenskyj in seiner Ansprache. „Es wird eine Säuberung und einen Neustart bei der Leitung von Energoatom geben“, kündigte das Staatsoberhaupt an.Nach den Rücktritten von Energieministerin Hryntschuk und ihrem Vorgänger, Justizminister Haluschtschenko, wurde am Mittwoch auch ein Spitzenbeamter des staatlichen Energiebetreibers freigestellt. Die Regierung habe beschlossen, den Vizepräsidenten von Energoatom „mit sofortiger Wirkung“ zu suspendieren, teilte Regierungschefin Julia Swyrydenko mit. Swyrydenko erklärte, die Regierung habe Energoatom angewiesen, auch mehrere weitere Spitzenbeamte zu suspendieren. Zugleich wurden Rufe nach einem Rücktritt der Regierung laut. Energoatom ist der Betreiber der ukrainischen Atomkraftwerke. Zwei Verdächtige in dem Korruptionsskandal um den Atomkonzern werden zudem mit Sanktionen belegt. Selenskyj sagte weiter: Es sei „absolut nicht normal“, dass es im Energiesektor immer noch „irgendwelche Machenschaften“ gebe.Es könnte um umgerechnet 100 Millionen Dollar gehenDie Ukraine wird aktuell von einem millionenschweren Schmiergeldskandal erschüttert. Dabei soll es nicht nur um Zahlungen im Energiesektor, sondern auch im für die Verteidigung des Landes wichtigen Rüstungsbereich gegangen sein. Der Hauptverdächtige Tymur Minditsch, ein langjähriger Geschäftspartner von Selenskyj, hat sich dabei seiner Festnahme durch Flucht ins Ausland entzogen. Das Antikorruptionsbüro der Ukraine hatte am Montag Razzien im Energiesektor ausgeführt. Dem waren 15-monatige Ermittlungen vorausgegangen. Die Ermittler beschuldigen den Selenskyj-Vertrauten Minditsch der weitverzweigten Korruption. Dabei seien (umgerechnet) „etwa 100 Millionen Dollar“ (86 Millionen Euro) geflossen.Moskau weist explizit auf den Korruptionsskandal hinMoskau nutzte den Skandal umgehend für einen Seitenhieb gegen die westlichen Unterstützer der Ukraine. Man gehe davon aus, dass der Korruptionsskandal auch in den europäischen Hauptstädten und in den USA beachtet werde, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow russischen Agenturen zufolge. Das seien schließlich aktive Geldgeber Kiews. „Natürlich beginnen diese Länder tatsächlich besser und besser zu verstehen, dass ein bedeutender Teil des Geldes, das sie ihren Steuerzahlern abnehmen, vom Kiewer Regime geplündert wird“, behauptete er.Lesen Sie auchNach Angaben der Bundesregierung sind allerdings trotz umfangreicher Unterstützung für die Ukraine keine deutschen Gelder vom dortigen Korruptionsskandal betroffen. „Uns liegen keine Erkenntnisse vor, dass von den Vorfällen Unterstützungsmittel Deutschlands betroffen sind“, sagte ein Sprecher des Entwicklungsministeriums in Berlin. Auch Fälle von Korruptionsversuchen bei deutschen Unternehmen seien nicht bekannt.Deutschland und andere europäische Partner halten trotz des Skandals an der Unterstützung für Kiew fest. Das sagte Außenminister Johann Wadephul (CDU) vor Journalisten beim Außenministertreffen der G7-Länder wirtschaftsstarker Demokratien in Kanada. Man habe dem ukrainischen Außenminister Andrij Sybiha aber klargemacht, „dass es einen entschlossenen Kampf gegen Korruption in der Ukraine braucht, damit die Unterstützung im Westen auch glaubwürdig bleiben kann“, so Wadephul.dpa/Reuters/ll/krott/krö/dp