Je länger der Krieg dauert, desto mehr strebt Selenski nach völliger Kontrolle. Doch zum Putin wird er nichtDer ukrainische Präsident Wolodimir Selenski hat die schlimmste innenpolitische Krise seiner Amtszeit hinter sich gebracht. Seinem Ansehen hat sie vorübergehend geschadet, seiner Position nicht. Im Gegenteil.Andrea Jeska, Kiew26.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Last des Präsidentenamtes hat sich tief in Wolodimir Selenskis Gesicht eingegraben.Sitara Celina RajhNun also ist wieder Ruhe eingekehrt auf den Strassen der ukrainischen Hauptstadt Kiew und in anderen Städten. Die Kartonschilder der Demonstranten, auf denen sie eine Woche lang den Rücktritt des Oberbefehlshabers der Armee, Olexander Sirski, und die Wiedereinsetzung des Verteidigungsministers Michailo Fedorow forderten, liegen zerknüllt und aufgeweicht in Abfallcontainern und Rinnsteinen. Sirski ist Geschichte, Fedorow als Verteidigungsminister ebenfalls, und das Land kann sich nun wieder dem Geschehen an der Front zuwenden. So unschön die Einzelheiten dessen waren, was als grösste innenpolitische Krise seit Beginn des Krieges bezeichnet wird, so unversehrt ist Präsident Selenski dem Kampf der Lager entkommen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Von aussen, und vor allem in den Augen der Demonstranten, sah es eine Weile so aus, als seien die Entlassungen und Neuernennungen erratisch, als entgleite Selenski die Kontrolle. Doch das Gegenteil dürfte der Fall sein: Selenski hat die Dinge, auch dank den Demonstranten, wieder im Griff. Nicht nur ist er den bei traditionellen Militärs umstrittenen und angefeindeten Verteidigungsminister los, sondern auch gleich noch den bei der Bevölkerung und vielen Soldaten unbeliebten Oberbefehlshaber. Gewonnen haben somit beide Seiten. Das Volk fühlt sich erhört, der Präsident hat zwei neue Hoffnungsträger eingestellt und die Moral wieder gestärkt.Held unter HeldenUnd während die letzten Demonstranten noch ihre Schilder hochhielten, verkündete Selenski, Gespräche mit den USA über einen weiteren Friedensplan führen zu wollen. Damit setzte er einen Schlusspunkt unter die Krise und brachte sich in den Lichterschein, in dem er am liebsten steht. Denn was Selenski wirklich kann, ist, als Held unter Helden für die Befreiung seines Landes vom russischen Terror zu werben.Die Forderung der Menschen auf den Strassen: Sirski raus, Fedorow zurück!Mykhaylo Palinchak / Sopa / Lightrocket / GettyNatürlich wird das Echo der Krise noch eine Weile nachhallen. Dass die Neubesetzung wichtiger Positionen das Risiko mangelnder Kontinuität und administrativer Instabilität birgt, wie einige Analysten befürchten, ist kaum zu verneinen. Auch nicht, dass – wie die junge Generation beklagt – der Präsident seine Entscheidungen recht einsam trifft, wenig Erklärungen dafür abgibt.Doch noch immer ist Selenski das Gesicht des Krieges und Symbol der Auflehnung gegen alle, die die Ukraine schon vielfach für verloren erklärten. Nicht nur für seine Partner in der westlichen Welt, sondern auch für seine Landsleute. Zwar sind seine Beliebtheitswerte seit Kriegsbeginn gesunken, doch wäre morgen Wahl, würden ihn laut einer Umfrage noch immer 32 Prozent der Ukrainer wählen.Dazu trägt bei, dass dank den spektakulären Drohnenangriffen auf Moskau und andere russische Regionen, der Vernichtung von Kriegsschiffen und wichtiger Infrastruktur – die das Militär und Medien Tiktok-tauglich vermarkten – das Gefühl militärischer Überlegenheit entstanden ist. Und auch, dass Selenski immer wieder Mut beweist. Zum Beispiel, weil er regelmässig an die Front reist. Oder weil er im Dezember 2025 in Kupjansk ein Video von sich vor dem Ortsschild drehen liess, nachdem Russland behauptet hatte, die Stadt eingenommen zu haben.Dass es Selenski immer wieder gelingt, Krisen und Kritiker abzuschütteln und seinen Marathon für Frieden fortzusetzen, verdankt er einerseits einem System, das ihm viel Macht einräumt, und anderseits der Fähigkeit, potenzielle Gefahren zu spüren.Dieses Gespür hat er in der Vergangenheit mehrfach bewiesen: Als er im Februar 2024 den meinungsstarken und auf der Beliebtheitsskala von Politikern an erster Stelle stehenden Oberbefehlshaber Waleri Saluschni entliess. Oder sich seines Leiters des Präsidialamtes, Andri Jermak, entledigte, der für die Ukraine wichtige aussenpolitische Verhandlungen geführt hatte und zeitweise als wichtigster Mann im Staat galt. Jermak trat 2025 wegen Korruptionsverdacht zurück.Der Leiter des Präsidialamtes, Andri Jermak, galt zeitweise als wichtigster Mann im Staat.Julia Kochetova/ Bloomberg / GettyOder als er 2025 zwei unabhängige Antikorruptionsbehörden der Generalstaatsanwaltschaft unterstellen wollte. Nach heftigen Protesten nahm er den Gesetzesentwurf zurück. Auch nachdem Donald Trump und J. D. Vance ihn vor der Weltöffentlichkeit mit Vorwürfen der Undankbarkeit gedemütigt und er sich empört gewehrt hatte, gelang es ihm, die Wogen wieder zu glätten. Selenski sei stets bereit, seinen Kurs anzupassen, wenn er Risiken darin erkenne, sagt Stanislaw Schelichowski, Politologe und Mitglied der ukrainischen Akademie für Geopolitik und Geostrategie. «Diese Flexibilität ist einer seiner wichtigsten Vorteile, damit hat er auch die jüngste Situation stabilisiert.»Selenski, der Mann aus dem Showbiz, wurde zu Selenski, dem Kriegspräsidenten und Strippenzieher; es ist auch die Geschichte einer Evolution, die nicht immer gradlinig verlief. Er sei, so berichtet ein Insider aus dem Verteidigungsministerium, derjenige, der auch über militärische Belange, Strategien und Angriffsziele entscheide. Er tue sich schwer mit jedem, der einen Schatten auf seinen Glorienschein werfen könnte. Er erwarte bedingungslose Loyalität. Die Opposition bezichtigt ihn oft der Schaffung einer «Machtvertikale». Sie beklagt ihren geringen Einfluss sowie die Schwächung des Parlaments. Hinzu kommen Grabenkämpfe innerhalb des Systems: Die Oligarchen, die Reaktionäre, die Korruption, die Medien, es sind nicht wenige Felder, die der Präsident neben dem Krieg beackern muss.Machtapparat umgebautAusser durch die Tatsache, dass Selenski die besten Kontakte auf dem internationalen Parkett hat, wird er auch durch den Umbau des Machtapparats gestärkt. Aus einem parlamentarischen System sei ein System geworden, in dem sich das Parlament den Wünschen des Präsidenten unterordne, beklagt ein ukrainischer Politikjournalist gegenüber der «NZZ am Sonntag». Auch der Politologe Schelichowski räumt ein, dass sich die Entscheidungsfindung in der Ukraine erheblich verändert habe. Selenski stütze sich zwar auf das Präsidialamt, die Regierung, das Militärkommando, den Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat und das Parlament. Doch diese seien nicht an internen Personalentscheidungen der Ukraine beteiligt.«Das moderne ukrainische Machtsystem funktioniert weitgehend als Zusammenspiel mehrerer Kompetenzzentren. Doch die zentralen politischen Entscheidungen konzentrieren sich tatsächlich um den Präsidenten – das sind die Realitäten des Krieges. Auch alle innenpolitischen Entscheidungen werden im Lichte der europäischen Integration und der Zusammenarbeit mit westlichen Partnern gefällt. Dass manche davon im Eilverfahren getroffen werden, führt zur Zentralisierung der Macht.»Der Druck, dem Selenski ausgesetzt ist, die Verantwortung, die ständigen Reisen und das Werben um Unterstützung haben sich längst in sein Gesicht gegraben, ihn über seine Jahre altern lassen. Er sei erschöpft, sagt der anonyme Insider. Aber je länger der Krieg daure, desto mehr strebe er nach völliger Kontrolle. «Man könnte sagen, er hat sich zu einem Autokraten entwickelt.» Andererseits sei er emotional und leide mit jenen, die ihre Liebsten verloren hätten, teile den Schmerz über die russische Gewalt und Zerstörung. «Zu einem Diktator wird er also niemals werden.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel