Ich, ich, ich – auf Linkedin tummeln sich die Selbstdarsteller. So gelingt der gepflegte Auftritt ohne PrahlereiEine Influencerin, eine HSG-Professorin und ein Personalexperte erklären, weshalb wir so grosse Mühe haben, uns richtig zu verkaufen, es aber unbedingt tun sollten.20.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZ🚀 Ich freue mich, ein neues Kapitel in einer Zeit voller Transformation, Innovation und technologischer Möglichkeiten aufzuschlagen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Solche Posts fluten die Startseite jedes Linkedin-Mitglieds. Sie sind generisch, nichtssagend, austauschbar. Wie dieser Post werden sie oft eins zu eins aus Chat-GPT übernommen. Und alle regen sich darüber auf.Trotzdem haben über 5 Millionen Menschen in der Schweiz ein Profil bei der Karriereplattform. Fast 80 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung benutzen Linkedin. Eine Alternative gibt es nicht.Linkedin und die Berufsleute in der Schweiz – das ist eine Hassliebe. In den Znünipausen und an den Apéros lästern Arbeitskollegen über die unerträgliche Prahlerei auf der Plattform. Seit künstliche Intelligenz in der breiten Masse angekommen ist, gibt es noch viel mehr Posts, in denen die Nutzer der Selbstinszenierung frönen.Matthias Mölleneyobs / iafob«Linkedin ist die Bühne der Leistungsgesellschaft», sagt Matthias Mölleney, selbständiger Personalexperte und ehemaliger HR-Chef bei der Swissair. Da gehe es nun einmal um Selbstdarstellung. Es genüge aber, wenn man sich einfach ein bisschen mehr profiliere als andere.Mölleney, die HSG-Professorin Heike Bruch und die Influencerin Selma Kuyas geben Tipps für die digitale Präsenz auf Linkedin.1. Auf sich aufmerksam machenEin guter Post ist inspirierend, lehrreich oder ordnet einen Sachverhalt ein. Das Publikum mag es, wenn andere ihre Meinung zu einem Thema offenbaren. Heike Bruch ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre und Leadership an der Universität St. Gallen (HSG). Sie sagt: «Aus der Charisma-Forschung wissen wir, dass sich Menschen zu Personen hingezogen fühlen, die sie als begeisternd, gross denkend und visionär wahrnehmen.» Die Beiträge dieser Personen seien authentisch, und Authentizität könne keine KI leisten.Wer glaubwürdig auftreten will, muss seine Posts also zwingend selbst verfassen – und dabei möglichst auf viele Emojis verzichten. Sparsam eingesetzt, lockern sie einen Text auf, bei übermässigem Gebrauch wirken sie aber gekünstelt.Den meisten Menschen fällt es schwer, sich öffentlich zu exponieren. Selma Kuyas ist Linkedin-Influencerin, führt eine eigene Beratungsfirma und bietet Workshops für Angestellte, Chefs und Firmen an. «Bevor es KI gab, haben sich in der Schweiz etwa 96 Prozent der Berufstätigen nicht getraut, überhaupt Beiträge auf Linkedin zu veröffentlichen», sagt sie. Oft auch aus Sorge, sich nicht gut genug ausdrücken zu können.Selma KuyasPDDeshalb ist Kuyas davon überzeugt, dass KI insgesamt eine positive Entwicklung ist. «KI hat vielen Menschen die Angst genommen, überhaupt etwas zu schreiben», sagt sie. Trotzdem müssten die Teilnehmer in ihren Schulungen und Unternehmens-Workshops zuerst lernen, Beiträge ohne die Unterstützung von KI zu verfassen.Linkedin hat das Problem der KI-Posts nämlich erkannt. Weniger hochwertige Inhalte und nahezu identische Beiträge erzielen weniger Reichweite. «Wir verstehen KI als Werkzeug, etwa um erste Entwürfe zu erstellen oder Schreibblockaden zu überwinden oder den letzten Feinschliff zu erzielen», schreibt die Plattform auf Anfrage.Laut einer Auswertung von Originality.ai, einer Plattform zur Erkennung von KI-Inhalten, veröffentlichen aber auch einflussreiche Linkedin-Mitglieder immer mehr reine KI-Posts. Die Plattform hat 3368 längere Linkedin-Posts von 99 reichweitenstarken Nutzern aus dem Jahr 2025 analysiert. Knapp 54 Prozent davon stuften die Software als KI-generierte Inhalte ein. Solche KI-Detektoren liefern allerdings eher Indizien als eindeutig überprüfbare Resultate. Was aber sicher ist: Die Beiträge wurden seit dem Start von Chat-GPT im Jahr 2022 auch deutlich länger.Mölleney ist überzeugt, dass reine KI-Posts nicht nachhaltig sind. «Es zeigt sich immer deutlicher, dass die Menschen doch (noch) erstaunlich gut zwischen KI-generierten und selbstgeschriebenen Texten unterscheiden können», sagt er. KI-Texte würden also automatisch weniger gut gelesen.2. Nicht alles gehört auf LinkedinAuf Linkedin finden sich vermehrt private Beiträge. Der Arbeitskollege postet ein Bild von sich beim Wandern, der Chef berichtet vom Strand in den Ferien. Das Phänomen lässt sich seit der Corona-Pandemie beobachten. Seither hat sich das Home-Office etabliert, Beruf und Privatleben haben sich stärker vermischt. Trotzdem wirken solche Beiträge auf Linkedin oft deplatziert. Mölleney sagt: «Solche privaten Posts haben meist keinen Mehrwert für das Netzwerk und gehören daher nicht auf Linkedin.»Seit Elon Musk Twitter im Jahr 2022 übernahm, wanderten viele Nutzer aus Protest auf alternative Plattformen wie Linkedin ab. Seither finden auf der Karriereplattform auch vermehrt politische Debatten statt. Mit den Kriegen in der Ukraine und in Iran sowie den US-Zöllen hat sich diese Entwicklung noch beschleunigt. Denn dadurch wurde die Politik auch im Berufsalltag präsenter: Die Banker müssen sich fragen, was sie nun mit ihren russischen und iranischen Kunden machen. Die Manager in der Uhrenindustrie müssen sich alle paar Monate mit neuen Zoll-Szenarien auseinandersetzen.Heike BruchNZZWeil auf Linkedin jeder Nutzer mit seinem Klarnamen auftritt, verlaufen politische Debatten weitaus gesitteter als auf anderen sozialen Netzwerken. Bruch ist dennoch skeptisch: «Ich erlebe die politischen Beiträge auf Linkedin in Ausnahmefällen als sehr wertvoll und wichtig. In den meisten Fällen jedoch eher als hitzig und wenig konstruktiv.» Nutzern rät sie daher, politisch aufgeladene Diskussionen auf Linkedin zu meiden. Nicht jeder politische Post altere gut.Wer sich über private, politische oder angeberische Posts nervt, kann diese auf Linkedin mit einem Klick verbergen. «Anstatt sich über Inhalte aufzuregen, sollten die Nutzer den Algorithmus besser erziehen», sagt Kuyas.3. Der richtige RhythmusIm Jahr 2025 ist die Anzahl der verfassten Beiträge auf Linkedin im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent gestiegen. Auch im deutschsprachigen Raum posten die Nutzer mehr.Obwohl Beiträge dank KI schneller verfasst werden können, rät Kuyas Fach- und Führungskräften, nicht mehr zu posten als zuvor. Einen bis maximal zwei Posts pro Monat zu veröffentlichen, sei bereits genug. Es geht darum, als aktive Fachperson wahrgenommen zu werden. Mitglieder von Geschäftsleitungen müssen hingegen sichtbarer sein. Ein Beitrag pro Woche gilt als ideal. Für die Publikation ist der Morgen die beste Tageszeit, weil dann die Besucherzahlen auf der Plattform am höchsten sind und der Beitrag vom Algorithmus eher weiterverbreitet wird.Selbständige, die Kunden über Linkedin akquirieren, sollten mindestens einen, maximal drei Posts pro Woche absetzen. Bei mehr als drei Posts wöchentlich besteht die Gefahr, dass sich diese gegenseitig die Reichweite abjagen.Für Selbständige kann sich eine Linkedin-Premium-Version lohnen, für normale Angestellte nicht unbedingt. «Sinnvoll ist es vor allem für Nutzer, die die Lernplattform Linkedin Learning nutzen oder andere Mitglieder direkt anschreiben wollen, mit denen sie noch nicht vernetzt sind», sagt Kuyas.Ein Abonnement für Linkedin Premium Career (für Stellensuchende) kostet etwa 35 Franken pro Monat, Linkedin Premium Business (für die Erweiterung des Netzwerks) etwa 55 Franken. Das sind stolze Preise. «Wer nur neugierig ist und sehen will, wer das eigene Profil besucht, sollte sich überlegen, ob er dafür Geld ausgeben will», sagt Kuyas.4. Der erste Eindruck zähltDas Profil ist der digitale CV und damit das Herzstück eines Linkedin-Auftritts. Es muss vollständig und aussagekräftig sein. Denn viele Firmen suchen auf Linkedin aktiv nach Kandidaten für offene Stellen. Active Search oder Active Sourcing nennt sich diese Tätigkeit im HR-Jargon.«Die meisten Konzerne der Dienstleistungsbranche, wie zum Beispiel Beratungen, Versicherungen und Banken, suchen auf Linkedin nach potenziellen Mitarbeitern», sagt Mölleney. Umso grösser der Mangel an Arbeitskräften in einem Bereich ist, desto grösser sind die Chancen, dass man sich gar nicht erst nach Jobs umschauen muss, sondern via Linkedin angeschrieben wird.Personalabteilungen erwarten, dass neben den früheren Arbeitgebern auch die Aufgaben, Projekte und Erfolge pro Stelle im Profil aufgelistet sind. Der Info-Text dient als kurze Vorstellung der eigenen Person, der fachlichen und sozialen Kernkompetenzen. Und natürlich dürfen auch ein Foto und ein Hintergrundbild nicht fehlen.5. Kontakte bewusst nutzenEinen neuen Job zu suchen, ist eine Stresssituation. Früher oder später geraten die meisten Jobsuchenden in den Panikmodus. Dann schreiben sie massenweise Personen auf Linkedin an. Auch solche, die sie zuvor noch nie gesehen haben. Die Erfolgsbilanz der Empfehlungen fällt dann meist mässig aus.Ein gut gepflegtes Netzwerk ist eine Rückversicherung für schlechte Zeiten und findet nicht nur online, sondern auch offline statt. «Viele realisieren erst, wenn sie keinen Job mehr haben, dass sie mehr für ihr Netzwerk hätten tun müssen», sagt Kuyas. Ab und zu mit einem früheren Arbeitskollegen ein Feierabendbier zu trinken oder mit einem Geschäftspartner essen zu gehen, zahlt sich aus.6. Wann Linkedin nicht hilftBruch empfiehlt Stellensuchenden, sich direkt beim Unternehmen zu bewerben und nicht ausschliesslich über einen Klick auf Linkedin. Der Kanal scheine seit etwa einem Jahr bei einigen Personalabteilungen eher negativ besetzt zu sein, sagt sie.Die One-Click-Bewerbungen auf Linkedin haben dazu geführt, dass für eine Stelle bis zu 200 Bewerbungen pro Tag bei einem Unternehmen eingehen. Die Rekrutierer können dann nicht mehr alle Bewerbungen händisch prüfen und müssen oft KI einsetzen. Linkedin sei so gesehen sogar ein Katalysator für mehr KI in den Personalabteilungen, sagt Bruch.Was viele Stellensuchende zudem nicht wissen: Das, was Linkedin der Firma bei einer One-Click-Bewerbung schickt, ist unübersichtlich und schlecht formatiert. Linkedin erstellt aus dem Profil ein PDF, auf dem oftmals auch Informationen fehlen. Diese PDF sind den meisten Personalfachleuten ein Graus. Und das ist keine gute Voraussetzung, um einen Job zu ergattern.Passend zum Artikel
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