Wladimir Putin kommt geschwächt nach Peking – Xi Jinping wird davon profitierenKurz nach Donald Trump trifft auch der Kremlherr den chinesischen Parteichef. In Russland kämpft Putin mit den Folgen des Ukraine-Kriegs. In China hofft er auf Rückenwind und lukrative Erdöl- und Erdgasverkäufe.20.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenNach Trump kommt Putin: Der russische Präsident wird am Flughafen in Peking vom chinesischen Aussenminister Wang Yi empfangen.Vladimir Smirnov / Sputnik via APIn Peking reiht sich derzeit ein Staatsgast an den nächsten. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping ist der umworbene Gastgeber, der Mittelpunkt der Mächtigen dieser Welt. Nur wenige Tage nach dem pompösen Empfang von Donald Trump trifft Xi seinen «alten Freund» aus Russland, Wladimir Putin.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für Putin ist die Koinzidenz schmeichelhaft: Trotz der verfahrenen Kriegslage in der Ukraine kann er sein Land als ebenbürtige Grossmacht an der Seite Chinas präsentieren. Trumps Iran-Krieg hat ihm zudem in einer Hinsicht Rückenwind gegeben: Chinas Appetit auf russische Rohstoffe ist gestiegen, seit die Versorgung aus dem Nahen Osten eingebrochen ist. Trotz umfangreichen Erdöllagern muss sich das Reich der Mitte zur Frage der langfristigen Versorgungssicherheit Gedanken machen.Russland präsentiert sich als StabilitätsankerAngesichts der geopolitischen Lage in Nahost sei Russland ein verlässlicher Partner, betonte Putins aussenpolitischer Berater Juri Uschakow im Vorfeld der Reise. Projekte wie die Pipeline «Power of Siberia 2», die Gas aus der arktischen Jamal-Region nach China transportieren soll, stehen laut Medienberichten auf dem Besuchsprogramm. Nach dem bereits im vergangenen Jahr verabschiedeten bilateralen Memorandum zum Bau der Leitung würde eine Konkretisierung des Vorhabens einen Coup für Moskau darstellen.Die Verbindung nach China ist in den vergangenen vier Jahren politisch, wirtschaftlich und auch mit Blick auf den Krieg gegen die Ukraine überlebenswichtig geworden. Nach dem Rückzug vieler westlicher Firmen aus Russland hatten chinesische Unternehmen deren Positionen eingenommen. Aber Putin kommt nicht als glanzvoller Herrscher nach Peking. Die russische Wirtschaft schwächelt. Trotz dem unerwarteten Geldsegen in Milliardenhöhe durch die vorübergehende Lockerung der amerikanischen Sanktionen auf Erdölverkäufe steht der russische Fiskus unter Druck.Noch vor einem Jahr hatte Putin Xi zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs am 9. Mai auf dem Roten Platz in Moskau empfangen. Dieses Jahr war kein rundes Jubiläum. Die Feierlichkeiten zum wichtigsten Gedenktag Russlands waren vom Krieg in der Ukraine so überschattet wie noch nie seit 2022. Aus Angst vor ukrainischen Drohnenangriffen fiel die Militärparade viel bescheidener als in den Vorjahren aus und war von weitreichenden Sicherheitsmassnahmen begleitet.Der Krieg prägt zunehmend den AlltagDer Krieg dringt immer stärker in den Alltag der Russinnen und Russen ein. Am vergangenen Wochenende verbreiteten ukrainische Drohnenangriffe auf Ziele rund um die Hauptstadt Angst und Schrecken. Die Grossbrände der getroffenen Infrastruktur mit schwarzen Rauchwolken und schwarzem, öligem Niederschlag beeinträchtigen das Leben der betroffenen Bevölkerung ganz direkt. Das schürt Unmut. Ähnliches gilt für die grossflächige Abschaltung des mobilen Internets, die in den vergangenen Monaten auch die Metropolen Moskau und St. Petersburg erreichte.Zum Verdruss vieler Bürger trägt auch der schleppende Gang der Wirtschaft bei. Nachdem der Kreml zum Jahreswechsel die Steuern erhöht hatte, um den Krieg zu finanzieren, und Europa und die USA ihre Sanktionen 2025 verschärft hatten, ist die russische Wirtschaftsleistung im ersten Quartal dieses Jahres geschrumpft. Auch der hohe Leitzins der Notenbank, der die Teuerung bremsen soll, belastet die Wirtschaft schwer. Für 2026 prognostiziert das Wirtschaftsministerium nur noch ein Wachstum von 0,4 Prozent – bis vor kurzem hatte es noch optimistisch mit 1,3 Prozent gerechnet. Die Stimmung unter Unternehmern ist so schlecht wie seit Jahren nicht mehr.Das findet anekdotische Bestätigung – in Moskau und auch in Provinzstädten fallen leere Ladengeschäfte auf. Restaurants, selbst an guten Lagen, schliessen oder sind abends nur noch spärlich besucht. Die Bevölkerung ist mit ihren Ausgaben zurückhaltender, die Preise sind stark angestiegen. Manche Firmen haben angefangen, Personal zu entlassen.Russland könnte die Energieexporte erhöhenDeshalb kämen dem Kreml lukrative Rohstoffabkommen besonders gelegen. Nach Einschätzung von Tatiana Mitrova vom Center on Global Energy Policy der Columbia University dürfte Putins Besuch die energiepolitische Verflechtung beider Staaten vertiefen, etwa durch zusätzliche Gaslieferungen über den Pazifik. Allerdings setze die Infrastruktur einem raschen Hochfahren der Handelsvolumen Grenzen, meint sie.Eigentlich erfolgt der chinesische Import russischer Energieträger sowohl über den Seeweg als auch über Pipelines. Die Ostsibirien-Pazifik-Leitung (ESPO) ist die bedeutendste Erdölpipeline. Zudem gibt es die mengenmässig kleinere Atasu-Alashankou-Linie durch Kasachstan, wie Gabriel Collins, ein Experte an der Rice University in Texas, erklärt. Nach seiner Einschätzung könnte der Seetransport von Rohöl vom Ostseehafen Primorsk nach China sogar günstiger sein als der Transport über Pipelines. Im Gassektor wiederum ist die «Power of Siberia 1» mit einer Kapazität von 38 Milliarden Kubikmetern in Betrieb.Branchenkenner gehen davon aus, dass sich die Kapazität einzelner Leitungen vergleichsweise rasch erweitern liesse. Zudem hat sich China zu einem der wichtigsten Abnehmer von Flüssigerdgas aus der russischen Arktis entwickelt, einschliesslich Lieferungen aus der von amerikanischen Sanktionen betroffenen Anlage Arctic LNG 2.Wie stark die ukrainischen Drohnenangriffe Chinas Importe von russischen Energieträgern beeinträchtigen, lässt sich derzeit schwer abschätzen. Zwar verzeichnete Russland wegen der Betriebsstörungen gemäss Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) im April einen Rückgang der Exporte von Rohöl und Ölprodukten im Umfang von 480 000 Fass pro Tag gegenüber dem Vorjahresniveau. Doch die gestiegenen Weltmarktpreise für Öl liessen die Erlöse aus den Verkäufen dennoch um mehr als 6 Milliarden Dollar gegenüber dem Vorjahr zulegen.Die Nachrichtenagentur Reuters schrieb sogar, dass zeitweise bis zu 40 Prozent der russischen Erdölexportkapazität durch Angriffe beeinträchtigt worden seien. Betroffen waren unter anderem Ölterminals und Lageranlagen an der Ostsee, eine Raffinerie am Schwarzen Meer sowie die Druschba-Pipeline nach Ungarn. Ob und in welchem Ausmass dies jedoch die Lieferungen nach Peking tangiert, bleibt unklar, da die betroffenen Anlagen nicht unmittelbar mit dem chinesischen Absatzmarkt verbunden sind.Die Ukraine nimmt die russische Ölindustrie ins Visier: eine Anlage am Schwarzen Meer nach einem Drohnenangriff Anfang Mai.Boris Morozov / ImagoDer jüngste IEA-Bericht hebt ferner hervor, dass die russischen Lieferunterbrüche beim Rohöl am Schwarzen Meer und an der Ostsee von relativ kurzer Dauer waren. Die Ausfälle bei raffinierten Produkten waren bedeutender.Durch die Leitung «Power of Siberia 2» könnten zusätzliche 50 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr in Richtung China strömen. Das Projekt hat das Potenzial, den Markt durchzuschütteln – allerdings erst in rund einem Jahrzehnt. Die Pipeline wird sich über Tausende von Kilometern durch die sibirische Taiga und die Wüste der Mongolei erstrecken. Der Bau dürfte entsprechend kostspielig werden. Zudem konnten sich Russland und China bislang nicht auf einen Preis für das Gas einigen: Xi Jinping drängt auf den niedrigen Tarif, den der Kreml auch im Inland verrechnet.China profitiert vom Ukraine-KriegTrotz diesen Differenzen war die russisch-chinesische Beziehung noch nie so eng wie seit vier Jahren – politisch und wirtschaftlich. Auch wenn Peking behauptet, im Ukraine-Krieg neutral zu sein, ist es Russlands bedeutsamste Stütze. Chinas politischer Rückhalt für Putin ist dem Eigennutz geschuldet: Beide Mächte stehen in einer mehr oder weniger offensichtlichen Konfrontation mit dem Westen. Eine russische Demütigung im Ukraine-Krieg ist nicht in chinesischem Interesse.Passend zum Artikel
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