Zu wenig Punkte für die Verbündeten: Der Eurovision Song Contest löst in der Moldau einen Skandal ausDie Bedeutung des ESC geht in Osteuropa weit über das Musikalische hinaus. Wegen des schlechten Votums für Rumänien und die Ukraine muss der Chef des moldauischen Rundfunks zurücktreten.19.05.2026, 20.42 Uhr3 LeseminutenDara, die bulgarische Gewinnerin des diesjährigen ESC, wird bei ihrer Ankunft in Sofia frenetisch gefeiert. Der Musikwettbewerb geniesst besonders in Osteuropa grosse Popularität.Spasiyana Sergieva / ReutersLack-und-Leder-Ästhetik, Fesselspiele und ein Liedtitel aus der Sadomaso-Welt: «Choke Me» («Würge mich»), der rumänische Beitrag am diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC), sorgte bereits im Vorfeld des Gesangswettbewerbs für Diskussionen. Werden hier gefährliche Sexualpraktiken oder gar die Gewalt an Frauen verharmlost?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Sängerin Alexandra Capitanescu stritt dies natürlich ab. Das Würgen sei eine Metapher für Selbstzweifel und inneren Druck, die eine Person verspüren könne. Die gelösten Fesseln am Ende des Auftritts stünden für die Überwindung dieser Probleme, erklärte die junge Frau, die neben ihrer künstlerischen Karriere Physik studiert. Auch die Organisatoren sahen keinen Anlass für ein Eingreifen. Auf Forderungen nach einer Disqualifikation ging die Europäische Rundfunkunion nicht ein.Welle der EmpörungIn der Moldau ist Capitanescus Auftritt nun dennoch Gegenstand eines Skandals geworden. Am Montag trat deswegen sogar der Chef der staatlichen Rundfunkgesellschaft TRM, Vlad Turcanu, von seinem Posten zurück. Dabei geht es allerdings nicht um unzüchtige Anspielungen, sondern um die schlechte Bewertung des Auftritts.Am ESC gibt jedes Land zwei Wertungen ab. Ermittelt werden diese durch eine Zuschauerbefragung und eine Jury aus Experten. Während die moldauischen Zuschauer den Beitrag des grossen Nachbarn Rumänien zum besten Song des Wettbewerbs kürten, erhielt «Choke Me» von der Jury nur kümmerliche drei Punkte.Das Votum löste in den sozialen Netzwerken eine Welle der Empörung aus. Der Kulturminister des Kleinstaats, Cristian Jardan, forderte eine Erklärung vom Rundfunk. Die Bloggerin Margarita Druta, die im Namen der Moldau die Punktevergabe bekanntgab, sagte nach dem Wettbewerb, dass sie sich anfangs habe weigern wollen, den «skandalösen» Entscheid der Jury zu verlesen.Besonders die rumänischsprachigen Moldauer fühlen sich Rumänien eng verbunden. Rumänien ist der wichtigste aussenpolitische Partner des Kleinstaats und wird in vielerlei Hinsicht als Schutzmacht empfunden. Viele Moldauer haben die rumänische Staatsangehörigkeit.Eine Bühne für KleinstaatenDer ESC bezeichnet sich als apolitische Veranstaltung. Die Bedeutung des Wettbewerbs geht jedoch besonders im Osten Europas weit über das Musikalische hinaus. Gerade für Kleinstaaten, die auch mehr als drei Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Westen des Kontinents oftmals nur oberflächlich wahrgenommen werden, bietet der Anlass eine Möglichkeit, sich einem paneuropäischen Publikum zu präsentieren. In vielen Staaten auf dem Balkan und in Osteuropa ist das Interesse am ESC deshalb mit jenem an sportlichen Grossveranstaltungen zu vergleichen.Dabei spielt das Verhältnis zu anderen Staaten eine grosse Rolle. Oftmals beeinflusst die Qualität der bilateralen Beziehungen die Punktevergabe an ein bestimmtes Land. Zypern und Griechenland geben sich fast immer die Bestnote, auch in diesem Jahr wieder. Die beiden Erzfeinde Armenien und Aserbaidschan wiederum haben sich gegenseitig noch nie auch nur einen einzigen Punkt gegönnt.Geopolitischer RichtungsstreitIn der Moldau ist die Haltung gegenüber Rumänien ein Indikator im geopolitischen Richtungsstreit des Landes. Wer die europäische Integration und vielleicht sogar den Beitritt zur Nato befürwortet, spricht sich in der Regel auch für eine grosse Nähe zu Bukarest aus. Die prowestliche Präsidentin Maia Sandu brachte kürzlich sogar die Möglichkeit eines Anschlusses ins Spiel.Prorussische Kräfte wiederum betonen die kulturelle Eigenständigkeit der Moldau von Rumänien. Die Staatssprache etwa nennen sie Moldauisch, nicht Rumänisch. Die Entsprechung im deutschen Sprachraum wäre, wenn Österreich seine Landessprache als Österreichisch bezeichnete.Vor diesem Hintergrund tauchten Spekulationen auf, dass Moskau auf die Jury eingewirkt haben könnte. Schliesslich ging die Ukraine, der andere Nachbar der Moldau, bei der Punktevergabe sogar ganz leer aus. Mit seinem Rücktritt versuchte Rundfunkdirektor Turceanu die Wogen zu glätten. Dabei betonte er die brüderlichen Beziehungen zu Rumänien und versicherte, dass null Punkte für die Ukraine nicht der moldauischen Haltung gegenüber dem angegriffenen Land entsprächen.Auch Rumänien gab sich am Montag versöhnlich. Die grosse Unterstützung der moldauischen Bevölkerung für den rumänischen Beitrag sei wichtiger als das Votum der Jury, teilte die rumänische Botschaft in Chisinau mit.Ärger in PolenAuch in Polen sorgte die Punktevergabe am ESC für politische Diskussionen. Während Polen den Künstlern aus der Ukraine und Israel Bestnoten verlieh, erhielt die polnische Sängerin Alicja aus den beiden Ländern keinen einzigen Punkt. Der stellvertretende Vorsitzende der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), Tobiasz Bochenski, sprach von einem politischen Entscheid und forderte, das Verhältnis zu den beiden Staaten zu überdenken.Passend zum Artikel