Der Lärm von explodierendem Dynamit und der Geruch von Tränengas hingen in den Straßen der bolivianischen Verwaltungshauptstadt La Paz. Dort eskalierten am Montag die Proteste von Gewerkschaften und Anhängern des früheren Präsidenten Evo Morales gegen die Regierung und deren Sparkurs. Als die Demonstranten versuchten, zum Regierungspalast vorzudringen, kam es zu heftigen Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften, die Wasserwerfer und Tränengas einsetzten. Die Demonstranten antworteten mit Steinen und Sprengkörpern aus Dynamit, setzten ein Polizeifahrzeug in Brand und plünderten ein Verwaltungsgebäude.Was Anfang Mai mit lokalen Streiks begann, hat sich zu einer landesweiten Protestbewegung ausgeweitet. Seit fast zwei Wochen liegt Bolivien praktisch lahm. Mehr als 30 Straßenblockaden unterbrechen die wichtigsten Verkehrsadern des Landes. Mehr als 5000 Lastwagen hängen auf den Fernstraßen fest, was zu ernsthaften Engpässen bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Treibstoff führt. In La Paz und anderen Großstädten leeren sich die Regale in den Supermärkten, die Lebensmittelpreise für Obst und Gemüse sind sprunghaft angestiegen.Die Situation ist so prekär, dass Argentinien auf Bitte Boliviens ein Militärflugzeug mit Nahrungsmitteln entsandt hat. Auch medizinische Güter wie Sauerstoff für Krankenhäuser erreichen ihre Ziele nicht mehr. Die Regierung macht die Proteste bereits für mindestens drei Todesfälle verantwortlich, darunter von Patienten, die aufgrund der Barrikaden kein Krankenhaus erreichen konnten.Ex-Präsident Morales setzt auf ChaosBolivien durchläuft die schwerste Wirtschaftskrise seit vier Jahrzehnten. Präsident Rodrigo Paz, der erst im November das Amt übernommen hat, beschreibt die Lage als Erbe eines „kaputten Staates“. Um die Staatsfinanzen zu stützen, hat die Regierung im Dezember einen schrittweisen Abbau der Subventionen für Benzin und Diesel eingeleitet. Die Folge sind nicht nur drastisch gestiegene Preise, sondern auch eine akute Knappheit an den Tankstellen, die Transportunternehmer zur Verzweiflung treibt. Die jährliche Inflationsrate kletterte im April auf 14 Prozent. Gleichzeitig herrscht ein chronischer Mangel an Devisen, was dringend benötigte Importe aus dem Ausland massiv erschwert. Neben dem harten Sparkurs bei den öffentlichen Ausgaben stoßen auch geplante Agrarreformen auf heftigen Widerstand. Die Gewerkschaften befinden sich in einem unbefristeten Generalstreik. Lehrer verlangen höhere Gehälter, Bergleute fordern Zugang zu neuen Abbaugebieten, und der größte Gewerkschaftsverband des Landes mobilisiert gegen die geplante Privatisierung von Staatsunternehmen.Ein zentraler Akteur im Hintergrund ist der ehemalige Präsident Evo Morales, der das Land von 2006 bis 2019 regierte. Morales unterstützt die Proteste offen und bezeichnet sie als legitime Reaktion auf wirtschaftliche Not und „politische Verfolgung“. Tausende seiner Anhänger marschierten sieben Tage lang über 180 Kilometer von Caracollo nach La Paz, um den Rücktritt von Präsident Paz zu fordern.Washington warnt vor DestabilisierungAuch hinter den Straßenblockaden stehen Anhänger des ehemaligen Präsidenten. Es ist zu vermuten, dass Morales die Proteste instrumentalisiert, um sich dem Zugriff der Justiz zu entziehen. Schon in der Vergangenheit hatte Morales wiederholt zu Protesten und Straßenblockaden aufgerufen. Gegen ihn liegt ein Haftbefehl wegen eines mutmaßlichen Falls von Menschenhandel aus dem Jahr 2016 vor. Ein Richter erklärte ihn Anfang des Monats für ungebührliches Verhalten vor Gericht schuldig, nachdem er nicht zu einer Anhörung erschienen war. Morales befindet sich weiterhin in seiner Hochburg in der Region Chapare, einer wichtigen Koka-Anbauregion nördlich der Stadt Cochabamba, wo er von bewaffneten Anhängern bewacht wird.„Wer versucht, die Demokratie zu zerstören, wird ins Gefängnis gehen“, warnte Präsident Paz in einer Fernsehansprache. Paz versucht, die Lage mit einer Mischung aus militärischer Härte, Verhandlungen und logistischen Notlösungen unter Kontrolle zu bringen. Die Regierung hat rund 3500 Sicherheitskräfte mobilisiert, um die Straßenblockaden aufzulösen. Am vergangenen Wochenende gelang das kurzzeitig, bevor die Demonstranten die Straßen erneut blockierten. Eine Luftbrücke soll die Versorgung von La Paz sichern, kann aber die blockierten Verkehrswege nicht ersetzen. Die internationale Gemeinschaft blickt mit Sorge auf das Land. Zehn Staaten der Region, darunter die Vereinigten Staaten, Argentinien und Chile, gaben eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie vor einer Destabilisierung der demokratischen Ordnung in Bolivien warnten.
Evo Morales mobilisiert: Proteste und Chaos in Bolivien
Proteste und Straßenblockaden führen in Bolivien zu Versorgungsengpässen. Eine zentrale Figur hinter der Protestwelle ist Ex-Präsident Evo Morales.










