ErklärtMut zur Lücke: Weshalb ein teures Zahnimplantat nicht unbedingt sein mussAndere Zähne könnten in den freien Raum kippen oder in die Lücke wachsen, der Knochen baut sich womöglich stark ab: Es gibt viele Argumente für ein Implantat. Warum es trotzdem ohne geht, erklärt eine Spezialistin für Rekonstruktive Zahnmedizin.Eva Mell09.07.2025, 05.30 Uhr4 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZLeserfrage: Mir wurde vor einem Jahr nach jahrelangen Problemen ein Backenzahn gezogen. Mich stört die Lücke weder optisch noch beim Kauen. Aber meine Zahnärztin drängt darauf, ein sündhaft teures Implantat einzusetzen. Ist das wirklich nötig?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nicola U. Zitzmann ist Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Rekonstruktive Zahnmedizin, sie muss es wissen: Ist ein Implantat aus zahnmedizinischer Sicht wirklich nötig, wenn eine Lücke besteht? Sie überlegt nicht lange und sagt: «Nein, das kann man pauschal nicht sagen.»Wohl & Sein antwortetIn der Rubrik «Wohl & Sein antwortet» greifen wir Fragen aus der Leserschaft rund um Gesundheit und Ernährung auf. Schreiben Sie uns an [email protected].Aber es gibt doch häufig genannte Risiken: Der Zahn im Gegenkiefer wächst womöglich in die Lücke hinein, der hinten stehende Zahn könnte in die Lücke kippen, der Kieferknochen bildet sich zurück. Ja, das könne alles passieren, sagt Nicola Zitzmann, die die Klinik für Rekonstruktive Zahnmedizin des Universitären Zentrums für Zahnmedizin Basel leitet. Sie bleibt aber dabei: Wer glücklich mit der Zahnlücke sei, solle sie behalten. Um ihr Urteil zu verstehen, betrachten wir die möglichen Konsequenzen einmal genauer.Der Zahn im Gegenkiefer wächst in die Lücke hinein: In den meisten Fällen sind die Backenzähne auf zwei gegenüberliegenden Zähnen abgestützt. Bei Zahnverlust hat der Zahn im Gegenkiefer deshalb noch Kontakt zu seinem anderen Gegenzahn und kann deshalb nicht weiter herauswachsen. Nur selten ist das anders. Der Zahnarzt muss hier den Einzelfall genau betrachten. Und wenn er tatsächlich herauswächst? «In der Regel wachsen Zahnfleisch und Knochen mit», sagt Nicola Zitzmann – und das sei auch der Idealfall, denn so bleibe der länger werdende Zahn stabil.Dass ein Zahn in die Lücke wächst, passiert seltener und ist weniger gravierend, als man lange dachte. Das hat eine Studie aus dem Jahr 2000 ergeben. Die Wissenschafter haben 53 Personen untersucht, die seit mehr als zehn Jahren Zahnlücken hatten. Das Resultat: Nur knapp ein Viertel der Zähne im Gegenkiefer sind zwei Millimeter oder mehr in die Lücke hineingewachsen. Knapp ein Fünftel der begutachteten Zähne sind völlig stabil geblieben und nicht in die Lücke gewachsen.Aber selbst wenn sich ein Zahn in die Lücke hinein verlängert, ist das für die Zahnmedizinerin Nicola Zitzmann kein zwingender Grund für ein Implantat. «Allerdings darf der länger gewordene Zahn in der Kaubewegung nicht zum Hindernis werden», sagt sie. Ästhetisch könne es die Person natürlich beeinträchtigen, wenn sie breit lache und man die Lücke oder den länger gewordenen Zahn sehe.Der hinten stehende Zahn kippt in die Lücke: Hat ein Zahn keinen Nachbarn mehr, so kann er sich neigen und sich in die Lücke bewegen oder kippen. Die Kaufläche liegt dann schräg. «Das kann passieren, muss aber nicht sein», sagt Nicola Zitzmann. Das hat auch die bereits erwähnte Studie aus dem Jahr 2000 gezeigt. Kaum ein Zahn zeigte eine starke Kippung von mindestens 15 Grad in die Lücke hinein.Für Menschen, die ihre Zahnlücke früher oder später schliessen wollen, kann ein gekippter Zahn allerdings zum Problem werden, vor allem, wenn sie sich für eine Brücke entscheiden. Denn die muss an den Zähnen neben der Lücke befestigt werden. Und das geht an einem stark geneigten Zahn nicht mehr gut. Wer hingegen mit der Zahnlücke leben will, hat laut Zitzmann keine allzu grossen Einschränkungen zu befürchten. Kauen lässt es sich auch mit einer schrägen Kaufläche. Das Zähneputzen ist weiterhin möglich, aber etwas aufwendiger.Der Knochen bildet sich zurück: Laut der aktuellen Leitlinie zum Implantationszeitpunkt baut sich der Knochen im Bereich der Zahnlücke in den ersten drei bis sechs Monaten am stärksten zurück. Trotzdem heisst es in derselben Leitlinie, die Spätimplantation (nach frühestens vier bis sechs Monaten) weise exzellente Überlebensraten des Implantats auf. Denn die Wunde ist zu diesem Zeitpunkt vollständig abgeheilt und der Knochenumbau weit fortgeschritten. «Wie stark sich der Knochen abbaut, hängt von ganz verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel von der Stelle, an der der Zahn sass, und von Vorschädigungen oder Infektionen in dem Bereich», erklärt Nicola Zitzmann.Newsletter «Wohl & Sein»Vertiefen Sie Ihr Wissen über Ernährung, Gesundheit und Psychologie mit unserem Newsletter «Wohl & Sein», der jeden Donnerstag in Ihrem Posteingang landet.Jetzt kostenlos anmeldenVorm Einsetzen eines Spätimplantats kann es also nötig sein, den Knochen neu aufzubauen. Das geschieht etwa per Knochentransplantation oder mithilfe von Ersatzmaterialien. Und was, wenn man mit der Lücke lebt und sich der Knochen abbaut – hat das Nachteile? «Nein», sagt Nicola Zitzmann, «nicht einmal optische. Denn bei einer einzelnen Zahnlücke fällt die Wange im Allgemeinen nicht ein.»Die Zahnmedizinerin erlebt immer wieder Patienten, die unsicher sind, ob ihre Zahnlücke verschlossen werden soll. Ihnen empfiehlt sie eine Konsultation rund zwei Monate nach der Zahnentfernung. «Dann weiss man in der Regel, ob einen die Lücke beim Essen oder optisch stört, der Zahnarzt oder die Zahnärztin kann das Risiko für eine Kippung oder das Herauswachsen des Gegenzahnes abschätzen und eine Empfehlung abgeben, ob ein Implantat oder eine Brücke besser geeignet ist», sagt Zitzmann.Passend zum Artikel
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Andere Zähne könnten in den freien Raum kippen oder in die Lücke wachsen, der Knochen baut sich womöglich stark ab: Es gibt viele Argumente für ein Implantat. Warum es trotzdem ohne geht, erklärt eine Spezialistin für Rekonstruktive Zahnmedizin.






