Wer eine diplomatische, trotzdem unvoreingenommene Meinung zu seinen Problemen sucht, kann sich anonym an die amerikanische Influencerin Emma Chamberlain wenden. Ihr Podcast „Anything goes“ gleicht einem dreißig- bis vierzigminütigen „Beratungsgespräch“, wie sie ihre Folgen selbst betitelt, in dem sich die Vierundzwanzigjährige um die Dilemmata ihrer Zuhörer kümmert: Wie lässt man Freundschaften los? Wie hört man auf, anderen gefallen zu wollen? Wie vertraut man seinem Bauchgefühl? Emma Chamberlain findet oft einfache Lösungen, verpackt sie in tröstende, verständnisvolle Worte und versieht sie mit dem beim Thema mentale Gesundheit unabdingbaren Feingefühl. Sie hinterfragt, reflektiert, bewertet. Sie nimmt sich Zeit, die beschriebenen Situationen ausführlich einzuordnen. Immer wertschätzend, nie verurteilend. So stillen die Folgen das Bedürfnis nach Gesellschaft, ohne dass man beim Zuhören die Energie aufwenden müsste, die ein eines Zwiegespräch zuweilen erfordert. In diesem imaginären Gespräch mit ihren Zuhörern wechselt Chamberlain mühelos von einer Frage zur nächsten, hält sich mal hier, mal dort länger auf und dreht sich auch manchmal im Kreis. Lachen, Pausen und Selbstkorrekturen werden nicht aus den Folgen herausgeschnitten und tragen zur inszenierten Authentizität bei. Ihre pseudopsychologischen Problemanalysen erscheinen immer donnerstags, auch auf ihrem Youtube-Kanal, mit dem sie 2017 berühmt wurde. Dann sitzt Emma mit dem Mikrofon in der Hand und ihrer Katze auf dem Schoß vor der Kamera und schafft eine Wohlfühlatmosphäre, in der sich viele Zuhörer öffnen. Zwar darf man keine Tipps erwarten, auf die man nicht selbst gekommen wäre, doch spiegelt sich in der offenen Art, in der sie über ihre Unsicherheiten spricht und Tiefpunkte als Wachstum versteht, ein souveräner Zugang zur eigenen Gefühlswelt. Mitunter hat es komödiantische Züge, wenn Emma von ihrem Alltag in San Francisco erzählt. Dann vergisst man für einen Moment, dass sie eigentlich Millionärin mit eigener Kaffeemarke ist, die entgegen den Erwartungen ein ziemlich gewöhnliches Leben führt. Von Starallüren keine Spur, dabei ist es Emma Chamberlain gelungen, sich im Laufe der Jahre von ihrer Influencer-Karriere zu lösen und sich unter die Hollywoodstars zu mischen. Mittlerweile sitzt die Amerikanerin in den ersten Reihen der Modeshows und posiert für High-Fashion-Marken. Sie lässt ihre Fans an der sonst so schwer zugänglichen, exklusiven und oft romantisierten Modeindustrie teilhaben, berichtet aber auch über ihre Vorbereitungen für die Fashion Week und den wochenlangen Stress, der hinter glamourösen Fotos allzu oft verschwindet. Auch der Hass in den sozialen Medien, der mit so viel Aufmerksamkeit wohl einhergeht, ist ein wiederkehrendes Thema. Eine selbsternannte FashionpolizistinModels wie Suki Waterhouse, die die Amerikanerin für die Vogue auf dem Teppich der Met Gala interviewte, kommen gerne in den Podcast. Dann wechselt Emma Chamberlain die Perspektive und wird zur Stellvertreterin einer jungen Generation. Statt Gerüchte interessiert sie banale Fragen, etwa ob Waterhouse früh oder spät aufstehe und ihren Kaffe mit oder ohne Milch trinke. So entsteht der Eindruck eines Gesprächs unter Freundinnen, in denen die Grenzen zwischen Interviewerin und Befragter schwinden. Manchmal überträgt sich Chamberlains nahbare Art auf ihre Gäste, so dass selbst die sonst so wortkarge Kendall Jenner aus dem Nähkästchen plaudert. Trotzdem scheut Chamberlain nicht davor zurück, die modischen Sünden ihrer Kolleginnen mit pedantischem Ton zu benennen. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die die selbsternannte Fashionpolizistin zum Kochen bringen und ein Outfit unacceptable machen. Gerade in diesen Folgen hört man ihr die Expertise an, weil Emma Chamberlain Texturen, Stoffe und Schnitte exakt benennt und beschreibt. Ihr Enthusiasmus zeugt von echtem Interesse, was sich bereits in ihren frühen Youtube-Videos über ihre Flohmarktausbeuten abzeichnete. Schon damals hatte Chamberlain keine Angst davor, zu ihrem androgynen Stil zu stehen und mit ihren eigenwilligen Outfits zu provozieren. Sie ist sich treu geblieben. Und wohl weil Menschen, die etwas mit Leidenschaft tun, meistens auch gut in dem sind, was sie tun, gehört der Podcast „Anything goes with Emma Chamberlain“ schon seit Jahren zu den erfolgreichsten der Vereinigten Staaten.