Ein von Motten zerfressener Teppich gibt unserer Autorin zu denken. Wie können wir kaputte Dinge wiederbeleben? Die Mode liefert Antworten.Neulich musste ich einen alten Teppich wegwerfen, einen kurdischen namens Bidjar mit einer Art Fischmuster, benannt nach der iranischen Stadt. Ich war etwas verzweifelt, aber das Ding war so zerfressen, dass noch Generationen von Käfern und Motten von diesem Festmahl schwärmen werden.Kurz vor der Entsorgung aber fragte ich mich: Kann man nicht etwas machen damit? Im Sinne einer DIY-Ästhetik, fürs Upcycling-Feeling? Kann der Teppich nicht Teil eines Kunstwerks werden oder eine Art Robe, ein tragbares Relikt aus einer anderen Zeit? Also legte ich ihn mir über die Schultern. Doch für einen Mantel oder Umhang war er zu schwer, sowohl gewichtstechnisch als auch olfaktorisch, zudem warf mir der Spiegel das Bild einer morbid abgewrackten Person zurück. Ich verwarf meine Idee. Sie war absolut nicht praktikabel.Porzellan, Wachs, PaillettenDas ist der nur sehr kleine Unterschied zwischen mir und Glenn Martens. Martens, seit gut einem Jahr Kreativdirektor von Maison Margiela, hätte meinen Teppich in Porzellan oder Wachs getaucht und der Oberfläche zarte Brüche zugefügt, er hätte Hunderte von goldigen Pailletten oder Goldsternen in Handarbeit in die zerfressenen Stellen nähen lassen, den Teppich schliesslich um ein Model herum drapiert und dieses mit einer Maske blind durch eine Containerlandschaft walken lassen.Er hätte daraus eine Show gemacht. Beziehungsweise: Er hat die Show kürzlich gemacht, die Kollektion Fall/Winter 2026/2027 für Maison Margiela, meisterhafte Schneiderkunst in Form von surrealer, gotischer Schönheit. Maison Margiela Vergangenheit wird zur Gegenwart: Artisanal-Show von Maison Margiela, Herbst 2026. Die Show war tatsächlich atemberaubend, die Masken der Models – das Markenzeichen von Margiela, Anonymität als Kernprinzip – diesmal ins Extrem geführt, die Köpfe der Models hinter mehrschichtigen Maskenkunstwerken, in Strumpfbändern, hinter Spitzen und Leder und abgegossenen Latex-Formen. Mehr denn je hoffte man, dass sie atmen konnten, zudem nicht stolperten, sie wirkten mehr wie Roboter oder wie auferstanden aus dem Totenreich, ihr Walk auf der Werft in Schanghai eine Art Zombie-Show.Von Aufbau und AbbauVergangenheit wurde zur Gegenwart. Die Materialien der Kleider gebrochen, überlagert, rezykliert, zerfleddert, verzerrt, dekonstruiert, aus Organza, Samt, mit Wachs übergossen oder mit Gold überzogen. Als würde die Kollektion auf den Tag warten, an dem Kleopatra, Dante, Isadora, Jeanne, Michelangelo, Napoleon, Shakespeare und Victoria auf die Erde zurückkehren; oder an dem Marie Antoinette, während das Volk einströmt, den Wandteppich in Versailles von der Wand reisst und ruft: «Ihr nehmt mir meinen Stil, meinen Gatten, meinen Status, aber niemals meine Savonnerie.» Der Begriff «Savonnerie» bezeichnet in Europa geknüpfte Textilien, die gleichnamige Herstellungsstätte war im 17. und 18. Jahrhundert eine königliche Manufaktur zur Herstellung von Knüpfteppichen.Nicht nur meinen kleinen Teppich hätte ich also gerne wiederbelebt. Immer wieder fallen mir nutzlos gewordene, kaputte Dinge in die Hände, bei denen ich mich frage, was sich damit machen liesse. CDs und Kassetten? Schiaparelli hat sie schon in Mode umgesetzt. Ein antiker Tintentrockner, alte Computerkabel, hinfällige Schlüssel, alte Spitzen, Skirenn-Trikots vom Buben? Einiges davon hat das Zürcher Projekt «Just junk creations» umkreiert, exzentrisch und jung: Schlüssel wurden zu Schmuckstücken, Turnschuhe zu Taschen. Das Top ist mit Aufnahmebändern bestickt und der Jupe mit CD-Fragmenten: Schiaparelli, Herbst/Winter 2026. PD Das Upcycling-Modelabel Rework macht aus alten Kleidern neue Unikate. Dorothea Knorr vom Label Adore näht aus mehreren Hemden klassisch wirkende Streifenhemden zusammen, aus liegen gelassenen Badetüchern werden ausgefallene Frotteepullover. Und Rachelle Nkou von Inside macht umwerfende Upcycling-Couture-Stücke aus Ausgemustertem – circular economy at its best!Eine Architektur ist erst fertig, wenn sie sich gut abgebaut hat. So ist’s auch mit Kleidern. Und Teppichen. Ich hoffe, Glenn würde mir beipflichten.Renata Burckhardt ist Bühnenautorin, Kolumnistin und Dozentin in den Bereichen Kunst, Literatur und Theater, u. a. an der FHNW in Basel. Zudem leitet sie Schreibworkshops an diversen Theater- und Literaturinstitutionen. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
Vergängliche Mode: Wir können den Zerfall von Dingen nicht aufhalten. Aber zelebrieren?
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