Herr Fechner, verdienen Sie als Bundestagsabgeordneter zu viel?Wir verdienen sehr viel, andererseits haben wir auch einen heftigen Rhythmus. Wir sind 21 Wochen im Jahr weg von der Familie in Berlin und ich komme im Schnitt auf 90 Stunden Arbeitszeit pro Woche. Unsere Bezahlung ist so hoch wie das Gehalt eines Bürgermeisters einer 60.000-Einwohner-Stadt.Die Koalition verzichtet nun wohl darauf, dass die Abgeordneten knapp 500 Euro mehr verdienen. Sie waren einer der Ersten, der sich dafür ausgesprochen hat. Wieso?In einer Zeit, in der wir heftige Spardiskussionen führen und in der viele Bürger, Gemeinden und Unternehmen vor großen Herausforderungen stehen, passt es nicht ins Bild, dass wir nach 600 Euro im Jahr 2025 weitere 500 Euro Gehaltserhöhung erhalten. Ich habe einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die Diäten-Erhöhung aussetzt, weil das das falsche Signal wäre.In der Wirtschaft kann man weitaus mehr Geld verdienen. Ist die Unabhängigkeit von Politikern nicht auch ein Wert?Es stimmt, dass in Ländern, in denen Abgeordnete schlecht bezahlt werden, das Risiko für Bestechung und Korruption steigt. Deutschlands Politiker werden im europäischen Vergleich aber sehr gut vergütet, da können wir uns nicht beschweren. Und viele Spitzenmanager halte ich für völlig überbezahlt.Die Linken-Chefs deckeln ihr Gehalt auf 2850 Euro. Haben Sie auch schon mal darüber nachgedacht?Ich glaube das den Linken nicht so ganz. Angesichts der Verantwortung, die ein Abgeordneter hat, würde ich 3000 Euro Gehalt auch für zu wenig erachten. Wie man als Bundestagsabgeordneter nebenbei Millionen verdienen kann, ist mir ein Rätsel.SPD-Politiker Johannes Fechner sieht hohe Nebeneinkünfte von Abgeordneten kritisch.Ich persönlich habe mir bei der letzten Diäten-Erhöhung einen Deckel gesetzt und die zusätzlichen 600 Euro an Vereine in meinem Wahlkreis gespendet. Eine Gehaltserhöhung nur wenige Wochen nach Beginn der Wahlperiode fand ich nicht angemessen.Von Wolfgang Kubicki stammt der Satz, er würde in Berlin zum Trinker oder Hurenbock werden. Sie sind seit 13 Jahren im Bundestag. Was macht das Abgeordneten-Dasein mit Ihnen und Ihren Kollegen?Man kann den Job auch ernst nehmen, dann besteht die Gefahr, die Wolfgang Kubicki für sich gesehen hat, nicht. Das Leben als Abgeordneter bedeutet aber schon viel Stress und erhebliche Belastungen.Empfänge, Partys, Dienstreisen: Besteht die Gefahr als Bundestagsabgeordneter, dass man abhebt?Die Gefahr besteht schon und es kommt vor, dass Kollegen die Bodenhaftung verlieren. Deswegen ist die Zeit im Wahlkreis so wichtig, um die Alltagssorgen der Menschen zu verstehen. Mir persönlich nutzt, dass ich regelmäßig mit der Parlamentsmannschaft Fußball spiele und ich in Sitzungswochen auf einem Campingplatz zelte.Seit 2019 zelten Sie in Sitzungswochen, statt in einer Wohnung zu schlafen. Ist das PR oder hilft Ihnen das Campen, normal zu bleiben?Kein PR-Gag, Campen macht Spaß! Wir waren früher mit meinen Eltern und heute mit meiner Familie regelmäßig zelten und ich mache es einfach gerne. Ich kann auf dem Zeltplatz entspannen und bin raus aus der Berliner Blase. Johannes Fechner (SPD) übernachtet in Sitzungswochen in Berlin gern im Zelt. © Veronika Kanzler/Stuttgarter Nachrichten Was erzählen Ihnen die Menschen auf dem Campingplatz – war die Diäten-Erhöhung auch schon Thema?Politik ist immer wieder Thema, etwa morgens in der Duschschlange. Da wurde die anstehende Diätenerhöhung zurecht kritisiert. Mir wurde da nicht geglaubt, dass es Bestrebungen gibt, die Erhöhung auszusetzen.Neben der Diät stehen Parlamentariern monatlich 5350 Euro Aufwandspauschale, 1000 Euro für Sachleistungen, eine Bahncard erster Klasse und der Fahrdienst des Bundestags in Berlin zu. Hinzu kommt eine großzügige Altersversorgung. Bräuchte es weitergehende Reformen als nur die Aussetzung der Diäten?Ich fände es richtig, wenn auch Abgeordnete in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen würden. Auch bei der Kostenpauschale gibt es erste Ideen für Reformen, da sind wir aber erst am Anfang der Debatte. Mit dem neuen Wahlrecht haben wir es zudem geschafft, den Bundestag zu verkleinern und sparen damit 600 Millionen Euro pro Wahlperiode ein.Im letzten Bundestag hatten etwa die Hälfte der Abgeordneten noch Nebenverdienste, die teils in die Millionen gehen. Sind Ihre Kollegen nicht ausgelastet?Wie man als Bundestagsabgeordneter nebenbei Millionen verdienen kann, ist mir ein Rätsel. Ich betreue als Anwalt noch monatlich zwei, drei Mandate, um den Kontakt zur Berufswelt zu halten und unabhängig zu sein. Dass man einige wenige Stunden im Monat neben dem Mandat arbeitet, ist ok. Wer aber nebenher Millionen verdient, muss doch zwangsläufig seine Aufgaben als Politiker vernachlässigen.