Der Hamburger Senat zieht einen Schlussstrich unter eine seiner traditionsreichsten Kulturauszeichnungen: Die seit 1978 vergebene „Senator Biermann-Ratjen-Medaille“ soll nach dem Willen des Senats künftig nicht mehr verliehen werden. Das geht aus einem Schreiben von Kultursenator Carsten Brosda an Jana Lammers, eine Enkelin des Namensgebers, hervor. „Nach ausführlicher Beratung, auch unter Einbeziehung zahlreicher in den Jahrzehnten zuvor mit dieser Medaille ausgezeichneten Persönlichkeiten, hat sich der Senat der Freien und Hansestadt nun entschieden, diese nach einem halben Jahrhundert künftig nicht mehr zu verleihen“, schreibt Brosda in dem Brief, der WELT exklusiv vorliegt.Der Kern der Entscheidung ist politisch wie kommunikativ zu interpretieren: Der Senat wolle „verhindern, dass künftige Ehrungen wiederholt mit Debatten über die Biographie des Namensgebers der Medaille verknüpft werden“. Statt der bisherigen Auszeichnung soll eine neu konzipierte Medaille treten – ausdrücklich ohne Anbindung an eine historische Person. „An die Stelle der bisherigen Auszeichnung wird eine zeitgemäß neu gestaltete Medaille treten“, kündigt Brosda an. Sie werde „nicht mehr an eine historische Person anknüpfen“, sondern – „so wie in vielen Ländern üblich“ – den „besonderen regionalen Hintergrund der ausgezeichneten Arbeit auf den ersten Blick sichtbar machen“.Der künftige Name steht bereits fest: „Die neue ‚Medaille für Kunst und Kultur in Hamburg‘ soll Ehrungen in einem weiten Spektrum künstlerischer Ausdrucksformen ermöglichen“, heißt es in dem Brief. Ausgezeichnet werden können demnach sowohl „Künstlerinnen und Künstler sowie Künstlergruppen, die in Hamburg aktiv sind oder waren“, als auch Personen, Gruppen und Institutionen, die sich „in ganz besonderem Maße der Förderung von Kunst und Kultur in Hamburg verschrieben haben oder hatten“.Auffällig ist dabei nicht nur die Breite der adressierten Kulturarbeit – sondern die bewusste Entkoppelung von einer Personengeschichte. Genau das ist die Antwort auf eine Debatte, die Hamburgs Kulturpolitik seit zwei Jahren begleitet: den Umgang mit der NSDAP-Vergangenheit des früheren Kultursenators und Notars Dr. Hans Harder Biermann-Ratjen (1901–1969), nach dem die Medaille benannt war.Die Einführung soll zügig erfolgen. „Die erste Verleihung wird in diesem Sommer erfolgen und die neue Medaille dann der Öffentlichkeit vorgestellt werden“, schreibt Brosda. Und er gibt gleich eine Art PR-Linie vor: „Der Fokus der Kommunikation soll dabei auf der neuen Medaille und auf dem ersten Preisträger liegen.“Der Auslöser: neue Akten, alte Fragen – und eine ausgesetzte Ehrung In seinem Schreiben erinnert Brosda an den Ausgangspunkt: „Im Herbst 2024 sprachen wir zuletzt über neue Aspekte der Forschung zur Biographie Ihres Großvaters … auf der Grundlage zuvor nicht ausgewerteter historischer Akten.“ Seitdem sei die Verleihung der Medaille „zunächst ausgesetzt worden, um den Umgang mit der Situation in Ruhe weiter zu klären“. Nun, so Brosda, informiere er Lammers über das Ergebnis der „Willensbildung des Senats“.Damit wird ein Prozess abgeschlossen, der im Kern eine klassische Abwägung war: Wie geht eine Stadt mit einer Ehrung um, deren Symbolfigur nicht nur für den kulturellen Wiederaufbau steht, sondern auch für die Brüche deutscher Biografien im 20. Jahrhundert? In der bisherigen Debatte ging es weniger um eine spektakuläre Enthüllung als um Widersprüche und Grauzonen: Was bedeuten „Anwärterschaft“, was Mitgliedsantrag, was Parteizugehörigkeit – und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für eine heutige Auszeichnung?Wer war Hans Harder Biermann-Ratjen – und warum wurde sein Name zum Problem? Die längere Entwicklung, die dieser Entscheidung vorausging, erzählt von genau diesen Brüchen. WELT AM SONNTAG machte sie im Juni 2024 in einem Gastbeitrag des Historikers Helmut Stubbe da Luz öffentlich. Biermann-Ratjen musste 1945 – wie viele Deutsche – den Fragebogen der britischen Besatzungsmacht ausfüllen. Auf die zentrale Frage nach einer NSDAP-Mitgliedschaft antwortete er mit „Ja“, verband dies aber mit einer Relativierung: Der Eintrittsantrag Ende 1937 sei „auf Veranlassung des Hamburger Justizsenators“ gestellt worden, es habe „keinerlei Betätigung“ gegeben, er sei „Anwärter“ geblieben.Genau diese Selbstbeschreibung kollidierte später mit einer anderen Aktenlage: In einem Antrag bei der Reichsschrifttumskammer (1943), weil er einen Roman veröffentlichen wollte, gab Biermann-Ratjen demnach an, seit 1937 Mitglied der Partei zu sein. Aus dem Begriff „Anwärter“ wurde damit – je nach Dokument – „Mitglied“. In der frühen Nachkriegszeit folgten Rückfragen, Korrespondenz, politische Einordnung. Die britische Seite veranlasste zeitweise sogar, ihn zum Rücktritt zu bewegen – nicht, weil seine Biografie zwingend eine Entlassung erfordert hätte, sondern weil er eben auch nicht als „überzeugter Antinazi“ gelten könne.Gleichzeitig steht auf der anderen Seite jener „Anteil am kulturellen Wiederaufbau Hamburgs“, den der Senat später ausdrücklich würdigte. Als die Medaille Ende der 1970er-Jahre eingeführt wurde, wurde Biermann-Ratjen als Namensgeber gewählt – nach routinemäßiger Archivprüfung und dem damaligen Fazit, er sei „wohl Mitglied der NSDAP“ gewesen, „aber nur nominell“. Seit 1978 wurde die Medaille an Kulturschaffende verliehen – rund 120 Mal, in unregelmäßigen Abständen, und sie galt als eine der wichtigsten Ehrungen des Senats. Zu den bekanntesten Trägern der Auszeichnung zählen der Zeichner Horst Janssen (1978), die Volksschauspielerin Heidi Kabel (1985), der Sänger Freddy Quinn (1996) und die Journalistin Peggy Parnass (1998).Historiker kritisiert Tempo der Entscheidung Der Zeitpunkt der Entscheidung wirkt aus Sicht derjenigen, die an einer umfassenderen historischen Einordnung arbeiten, verfrüht. Ekkehard Nümann, Vorsitzender der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung, schrieb Jana Lammers laut Informationen der WELT: „Es ist sehr bedauerlich, dass die Kulturbehörde dieses zur Entscheidung gebracht hat, ohne das Erscheinen der Biografie abzuwarten. Ich hatte den Senator seinerzeit davon informiert, dass die Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung den Auftrag zur Erstellung der Biografie gegeben hat.“ Autor dieser Biografie ist der Historiker Helmut Stubbe da Luz, bekannt durch seine langjährige Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität der Bundeswehr in Hamburg-Wandsbek. Er hält das Vorgehen ebenfalls für zu eilig hätte dafür plädiert, weitere Erkenntnisse und eine breitere Debatte vorzuschalten: „Ich würde – für mein Teil – zunächst die relative Frühzeitigkeit der Entscheidung kritisieren: Ein paar historische Erkenntnisse hätten ja vielleicht noch abgewartet werden können“, sagte er auf WELT-Anfrage.Stubbe da Luz’ Kernpunkt: Für das geplante Buch könne zwar „nicht von vornherein“ beansprucht werden, endgültige Klarheit über das Verhältnis von Parteibeitritt und Lebenswerk herzustellen – aber der Senat hätte die Chance gehabt, die entstehenden Befunde in seine Abwägung einzubeziehen, statt den Schnitt schon jetzt zu setzen. Zugleich kritisiert er die fehlende Transparenz des Prozesses: Brosda hätte „ein paar Erkenntnisse und Urteile öffentlich austauschen lassen können“, schreibt er, „die Landeszentrale für politische Bildung wäre ein idealer Veranstalter gewesen oder auch die Forschungsstelle für Zeitgeschichte“.
NS-Vergangenheit des Namensgebers: Hamburg stoppt Verleihung einer wichtigen Kultur-Auszeichnung - WELT
Wie viel Vergangenheit verträgt eine Ehre? Hamburg hat eine Antwort gefunden – und streicht die Biermann-Ratjen-Medaille nach fast fünf Jahrzehnten ersatzlos. Eine Nachfolgelösung gibt es aber schon – und auch Kritik.







