PfadnavigationHomeRegionalesHamburgRettung eines Denkmals„Die Vorstellung, dass es sie eines Tages nicht mehr geben könnte, hat ein ganzes Dorf mobilisiert“Veröffentlicht am 29.09.2025Lesedauer: 7 MinutenDie Seilfähre Siebeneichen über den Elbe-Lübeck-Kanal stand vor dem Aus. Der Förderverein, der sie rettete, erhält nun den Deutschen DenkmalpreisQuelle: Bertold FabriciusDie einzige Seilzugfähre am Elbe-Lübeck-Kanal ist mehr als Technik: Sie verbindet Dörfer, Menschen und Geschichte. Nun wird das Engagement für den Erhalt der Fähre Siebeneichen mit der „Silbernen Halbkugel“ geehrt – der höchsten Auszeichnung für ehrenamtliche Denkmalpflege.Der Elbe-Lübeck-Kanal liegt an diesem Septembertag still da, fast so als hätte jemand einen Spiegel ausgerollt. Darüber der blaue Himmel, ein paar weiße Wolken treiben träge über das satte Blau. Durch die Postkartenidylle dringt ein tiefes Brummen, dumpf und gleichmäßig: der Zweizylinder-Diesel der Fähre SF 74. Gelb gestrichen, mit Rettungsringen am Geländer und Wimpelketten am Fahnenmast, zieht sie sich am Stahlseil über den Kanal – so wie seit 1960.Wenn sie anlegt, wird es kurz laut: Ein metallisches Klacken hallt über das Wasser, als die Rampe heruntergelassen und arretiert wird. Dann öffnet Fährmann Olaf die Schranke von Hand. Ein roter Porsche-Traktor rollt von Bord. Sein Besitzer, Thomas Schulz, 66, lacht: „Der Traktor ist Baujahr 1959 – genau wie ich.“ Für das Traktorentreffen im Nachbardorf Fitzen hätte er ohne die Fähre zwölf Kilometer fahren müssen. Mit ihr sind es drei. „Früher bin ich hier schon als Kind rüber, wenn wir nach Siebeneichen wollten“, erzählt er. Heute lebt er dort – der Liebe wegen. Die Fähre ist für ihn mehr als ein Transportmittel. „Die gehört hier einfach hin.“Lesen Sie auchDass die Fähre Siebeneichen heute noch über den Kanal zieht, wird nun geehrt: mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz. Genauer gesagt mit der „Silbernen Halbkugel“, der höchsten Auszeichnung für ehrenamtliches Engagement in der Denkmalpflege.Die Jury würdigt damit nicht nur den Erhalt eines technischen Relikts, sondern eine Gemeinschaftsleistung. „Die Fähre ist weit mehr als ein Stück Stahl aus den 1960er-Jahren“, heißt es in der Begründung. Sie sei ein „lebendiges Zeugnis deutscher Verkehrsgeschichte“ und ein Beispiel dafür, wie Bürgerinnen und Bürger Verantwortung übernehmen, wenn staatliche Strukturen bröckeln.Am 3. November wird der Preis im Rathaus Schöneberg in Berlin überreicht. Für Ernst Jenner, den ersten Vorsitzenden, ist das mehr als eine Ehrung: „Es ist eine Anerkennung für alle, die hier mit Herzblut dabei sind.“ Und für ein Modell, das zeigt, wie Denkmalschutz und Dorfleben zusammenpassen.Der Elbe-Lübeck-Kanal, 1900 eröffnet, verbindet die Elbe mit der Ostsee. Siebeneichen und Fitzen liegen sich hier gegenüber – zwei Dörfer, die älter sind als der Kanal. Siebeneichen ist erstmals 1230 erwähnt. Fitzen stammt ebenfalls aus dem 13. Jahrhundert. Heute zählen beide Orte zusammen kaum 700 Einwohner.Lesen Sie auchAls der Elbe-Lübeck-Kanal gebaut wurde, ersetzte er den jahrhundertealten Stecknitz-Kanal. Als es für Frachtschiffe noch keine Motoren gab, wurde der Kanal für die Schifffahrt regelmäßig aufgestaut, um den Kähnen beim Öffnen der Schleuse eine Welle zu verschaffen, die sie weiter in Richtung Lüneburg schwemmte. Während des Aufstauens fiel der kleine Kanal trocken. Die Dorfbewohner kamen zu Fuß von Siebeneichen nach Fitzen und zurück. Auch, wenn das Aufstauen des Wassers später einem Treideln – also dem Ziehen der Schiffe von Land aus – wich, behielt die Passage zwischen Siebeneichen und Fitzen ihren Status als Übergang.Moderne Sicherheitsauflagen und andere SkurrilitätenMit dem Bau des großen Elbe-Lübeck-Kanals musste die Wasserstraßenverwaltung demnach für Ersatz für die alte Landverbindung sorgen. Eine Brücke? Zu teuer für den geringen Verkehr zwischen den kleinen Orten. Also entschied man sich für eine Seilzugfähre – bis heute die einzige am Elbe-Lübeck-Kanal. Zunächst handbetrieben, später motorisiert: 1960 kam die SF 74, gebaut auf der Staatswerft Rendsburg-Saatsee nach Siebeneichen. Sie ist bis heute im Einsatz – und seit 2015 ein eingetragenes Denkmal.Am Anleger liegt noch ein Relikt aus der Anfangszeit der Motorfähre: das „Fährtaxi“. „Damit wurden früher einzelne Fahrgäste von einem Ufer zum anderen gerudert“, erzählt Thomas Franke, stellvertretender Vorsitzender. „Für einen Passagier hat man nicht extra die Fähre angeworfen.“ Heute ist das Boot außer Dienst – moderne Sicherheitsauflagen würden es nicht überstehen.Lesen Sie auchAls das Amt Büchen 2016 den Betrieb aus Kostengründen einstellen wollte, schien das Ende der Fähre besiegelt. Für viele Einwohner in Siebeneichen und Fitzen war das undenkbar. „Die Vorstellung, dass es die Fähre eines Tages nicht mehr geben könnte, hat ein ganzes Dorf mobilisiert“, erinnert sich Jenner. Es gab Proteste gegen das Einstellen des Fährbetriebs, Unterschriftenaktionen, Gespräche mit Politikern.„Es hieß ja, es liege am Geld“, erinnert sich Jenner, „das können wir beschaffen, haben wir gesagt.“ Am 7. November 2014 gründeten Engagierte den Förderverein Fähre Siebeneichen. Doch schon bald wurde klar. Geld allein reicht nicht, um den Betrieb der Fähre zu retten. Es folgten weitere Verhandlungen. 2015 schließlich konnte die Fähre unter Denkmalschutz gestellt werden, ein Wendepunkt und ein Lichtblick für den langfristigen Erhalt. Jedes Wochenende legt die Fähre abSchließlich wurde eine Dreierlösung ausgehandelt: Der Kreis Herzogtum Lauenburg als Eigentümer und Verwalter der Fähr-Stiftung übernimmt finanzielle, versicherungstechnische und administrative Pflichten. Er überlässt die Fähre dem Förderverein zur Nutzung. Die Gemeinde Siebeneichen verantwortet offiziell den Fährbetrieb und übt somit das Fährrecht aus. Der Förderverein übernimmt ebenfalls finanzielle Verpflichtungen, organisiert den Fährbetrieb mit seinen ehrenamtlichen Fährleuten, bildet weitere Fährleute aus – und betreut und pflegt die technische Anlage. Seit 2017 ist es nun so.Und die SF 74 fährt weiter – nicht mehr täglich, aber zuverlässig an Wochenenden und Feiertagen von April bis Oktober. Dabei ist sie längst mehr als ein Verkehrsmittel: Sie ist ein Symbol für Zusammenhalt.Lesen Sie auchWarum die Fähre für die Region mehr ist als ein technisches Denkmal, zeigt sich an einem Tag wie diesem. An beiden Anlegern warten Passagier auf eine Überfahrt. Eine Familie lässt sich ausgiebig mit dem Handy fotografieren – Erinnerungsbilder auf einem schwimmenden Stück Geschichte. Auf den Uferwegen rollen Radfahrer heran, viele haben ihre Tour bewusst so geplant, dass sie hier übersetzen können.Die Stimmung ist vertraut. Die Fährleute kennen einen Großteil der Fahrgäste und die kennen sich untereinander. „Es gab und gibt drumherum viel Sympathie“, sagt Jenner. Diese Sympathie hat die Fähre gerettet und macht sie bis zu diesem Tag zu einem Ort, an dem sich Menschen begegnen.Heute ist die Fähre ein Gemeinschaftsprojekt – ein Stück gelebter Technikgeschichte. Der Förderverein zählt rund 110 Mitglieder, zehn von ihnen sind ausgebildete Fährleute und ehrenamtlich als solche auf der Fähre aktiv. Der älteste Fährmann ist 81 Jahre alt. Nach einer dreitägigen sicherheitstechnischen Unterweisung folgen die vorgeschriebenen Praxismonate als Decksjunge oder Decksfrau, bevor die Prüfung für das Fährpatent ansteht. „So ist das Fährmann werden nicht einfach“, erklärt Jenner. Die Anforderungen sind dieselben wie bei großen Flussfähren, die auf Rhein, Elbe, Weser, Mosel oder Donau fahren. „Noch ist keiner durchgefallen, aber die haben schon alle geschwitzt“, sagt Jenner und lacht.Lesen Sie auchDoch auch anderes am historischen Fährbetrieb wirkt fast skurril: So musste die Fähre mit einem Automatischen Identifikationssystem (AIS) aufgerüstet werden. Das Funksystem ist internationaler Standard und gibt Schiffs- und Navigationsdaten der Fähre an andere Schiffe weiter. 35 Kilometer und mehr können die Funksignale empfangen werden. Aktuell laufen Tests an der Internationalen Raumstation ISS, um AIS-Signale quasi weltweit empfangbar zu machen.Wer spenden will, der spendetDass der Elbe-Lübeck-Kanal zwischen Siebeneichen und Fitzen gut einsehbar und zumeist wenig befahren ist, spielt dabei keine Rolle. Auch, dass die Fähre gerade einmal 75 Meter Fahrtstrecke hat, von denen sie mit ihren 17,5 Metern Eigenlänge schon fast die Hälfte allein durchs Anlegen am anderen Ufer überbrückt, macht sie nicht zum Sonderfall. Vorschrift ist auf Wasserstraßen eben Vorschrift.Der Betrieb finanziert sich über Spenden – wer an Bord geht, zahlt, was er möchte. Die Erfahrung zeigt: Es funktioniert. „Wer mal kein Geld dabeihat, gibt bei der nächsten Fahrt umso mehr“, sagt Jenner. Auch beim Eis am Stiel, das auf der Siebeneichener Seite aus einem kleinen Bauwagen heraus ausgegeben wird, gilt das Spendenprinzip. „Wir fahren damit gut“, sagt Thomas Franke.Die SF 74 fährt von April bis Oktober an Wochenenden und Feiertagen, von 10 bis 18 Uhr. Wenn an einem der Fährtage weniger los ist, muss, wer übersetzen will, an den Glocken am Ufer läuten.Beim Abfährfest am 3. Oktober legt die Fähre Siebeneichen ihre letzte Fahrt für dieses Jahr zurück. Dann wird sie für den Winter am Anleger am Westufer stillgelegt – und der Kanal liegt lange so ruhig, als hätte jemand die Zeit angehalten. Mit der „Silbernen Halbkugel“ im Rücken blickt der Förderverein nach vorn: Die Fähre soll noch lange übersetzen, nicht nur als Denkmal, sondern als Treffpunkt. Solange Menschen hier zusammenkommen, wird das Brummen des Zweizylinders nicht verstummen.Redakteurin Julia Witte genannt Vedder arbeitet in der Hamburg-Redaktion von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie aus dem Norden Deutschlands.
Rettung eines Denkmals: „Die Vorstellung, dass es sie eines Tages nicht mehr geben könnte, hat ein ganzes Dorf mobilisiert“ - WELT
Die einzige Seilzugfähre am Elbe-Lübeck-Kanal ist mehr als Technik: Sie verbindet Dörfer, Menschen und Geschichte. Nun wird das Engagement für den Erhalt der Fähre Siebeneichen mit der „Silbernen Halbkugel“ geehrt – der höchsten Auszeichnung für ehrenamtliche Denkmalpflege.






