Auf der Internetseite von Carmen Zander steht in der Rubrik „News“, demnächst könne man wieder ein „wunderbares Tigererlebnis“ buchen. Ein „exklusives Tiger-Streichel-Event“, weitere Informationen bitte per Mail anfordern. Tigerstreicheln in Schkeuditz, das wird es in Zukunft wohl nicht mehr geben, denn seit Sonntag gibt es noch eine News: Einer der Tiger der früheren Dompteurin wollte von einem Pfleger offenbar weder gestreichelt noch anderweitig betreut werden, er hat ihn schwer verletzt, ist anschließend aus dem Gehege entkommen und wurde von Polizisten erschossen.Ein Gewerbegebiet ist nicht sein natürliches HabitatSchon wieder macht ein Wildtier Schlagzeilen, weil es war, wo es nicht hätte sein sollen: Nach dem Wolf in der Hamburger Einkaufspassage und dem Buckelwal in der Ostsee endet das Leben eines Tigers neben einer Kleingartenanlage. Am falschen Ort war der allerdings schon vorher, Gewerbegebiete bei Leipzig gehören nicht zu den natürlichen Habitaten von Panthera tigris. Wie bei Wolf und Wal kann der Vorfall immerhin die Aufmerksamkeit schärfen für den Umgang mit der nichtmenschlichen Mitwelt, und hier für eine besonders wenig beachtete Gemengelage: die Haltung von oft exotischen Wildtieren und die Frage, wie es sein kann, dass eine Privatperson um die zehn Vertreter der größten, stark gefährdeten, in Wäldern und Grasländern Asiens heimischen Raubkatzenart besitzt.Die Antwort: weil sie es darf. Die private Haltung von Großkatzen ist in Deutschland nicht verboten, auch bei Wildtieren allgemein gibt es in den Bundesländern selten pauschale Verbote, nur mal mehr, mal weniger hohe Hürden in Form von Herkunfts- und Sachkundenachweisen sowie Anforderungen an die Gehege. An die Tiere zu kommen, ist nicht allzu schwer. Sofern sie keine Wildfänge sind, ist EU-weit der Handel mit vielen Tieren erlaubt, an dubiosen Händlern und Tierbörsen mangelt es darüber hinaus nicht.Sachsen gehört zu den Bundesländern mit besonders laxen Regelungen, es gibt nicht einmal eine Gefahrtierverordnung, die andernorts verlangt, dass man sich etwa privat gehaltene Tiger genehmigen lässt. Es ist für die Behörden auch einfacher, nicht so genau hinzuschauen. Die Tierrechtsorganisation Peta fordert seit Jahren erfolglos eine Überprüfung der Haltungsbedingungen der Leipziger Tiger und zeigt auf ihrer Homepage unter anderem, wie Carmen Zander ein Tigerbaby an der Leine spazieren führt.Neben dem Gefahrtier und dem Nutztier gibt es das zwecks besserer Handhabbarkeit und größerer Menschenaffinität erfundene Haustier. Wer vom Zusammenleben mit Tiger, Löwe oder Wolf träumt, möchte diese Vermittlungsstufen aber gerade nicht in Anspruch nehmen. Für manche liegt der Thrill darin, ein Tier zu bändigen und vermeintlich zu befreunden, in dessen evolutionärer Ausstattung Nähe zum Menschen nicht vorgesehen ist. Manche ersehnen sich den Zugang zu einer unverstellten Wildheit, die ein authentischeres Leben zu versprechen scheint. Auf welchem Missverständnis diese Ideen beruhen, wird für die Öffentlichkeit erst dann offenbar, wenn etwas passiert. Für die Tiere ist es das jeden Tag.