Daran, dass noch mal etwas schiefgehen könnte, glauben sie in Elversberg selbst nicht mehr. Schon weit vor Anpfiff der Partie gegen Preußen Münster sind entlang der Lindenstraße, an der das örtliche Stadion neben zwei Tankstellen liegt, die Verkaufsstände aufgebaut, die Aufstiegsdevotionalien feilbieten. „Aufstieg 2026“ ist auf einem Schal zu lesen, dabei sind noch 90 Minuten Zweitligafußball zu spielen, in denen der Verein auf den vierten Tabellenplatz abrutschen könnte.Aber es geht alles gut aus. Die Mannschaft gewinnt 3:0 gegen Münster. Die SV Elversberg spielt in der kommenden Saison in der Bundesliga. Und es scheint, als hätten die örtlichen Händler auch hierfür schon den passenden Schal weben lassen: die Macht aus dem Saarland. Nach dem 1. FC Saarbrücken, Borussia Neunkirchen und dem FC Homburg ist Elversberg der vierte Bundesligaverein aus dem Bundesland, das oft als flächenmäßige Referenzgröße herhalten muss: Wie viele Fußballfelder sind ein Saarland? Umso passender, dass Spiesen-Elversberg mit 14.000 Einwohnern der kleinste Standort seit Bestehen der Bundesliga ist. Kleiner als Heidenheim, Sinsheim, Unterhaching.Volksfeststimmung auf die beschauliche ArtEs wäre falsch, die Lindenstraße als Partymeile zu beschreiben. Es herrscht Volksfeststimmung auf 300 Metern Strecke, auf beschauliche Art. Die Fans hocken mit Dosenbier vor der Tankstelle oder stehen auf dem Supermarktparkplatz, aus einer Kfz-Werkstatt schallen Vereinsschlager. Vor dem Stadion hat ein Blumenhändler seinen Stand aufgeschlagen, er erhoffe sich einen guten Verkaufstag, sagt er vor dem Spiel. Zwei Stunden nach Abpfiff ist sein Stand leer gekauft.Elversberger Festtag: Für einige stand der Aufstieg schon lange vor dem Anpfiff fest.Frank RumpenhorstSpricht man mit Vereinsmitarbeitern, die seit Jahrzehnten im Klub tätig sind, bekommt man zu hören, dass der Verein in den vergangenen Jahren enorm gewachsen sei. Er erfahre viel Zuspruch aus dem gesamten Saarland. Der Mitarbeiter schaut ungläubig auf die feiernden Fans auf dem Rasen: Früher habe man jeden Fan per Handschlag begrüßen können, mittlerweile kenne er keinen mehr von denen, die dort unten feierten.Geheimnis des ErfolgsWie hat es der Verein geschafft, so weit nach oben zu kommen? Schon in der vergangenen Saison kratzte Elversberg an der Tür zur Beletage, musste sich aber in der Relegation dem 1. FC Heidenheim geschlagen geben. Schließlich wurde man Opfer des eigenen Erfolgs, Trainer Horst Steffen ging zu Werder Bremen, Stammspieler – Robin Fellhauer, Fisnik Asllani – wechselten in die Bundesliga. Zur Winterpause ging dann noch Stürmer Younes Ebnoutalib sowie Sportdirektor Nils-Ole Book im Frühjahr.Bei der Kaderzusammenstellung setzte der Verein zu Saisonbeginn auf bewährte Mittel: entwicklungsfähige Spieler von den Bänken der Bundesligavereine. Die Torschützen gegen Münster, David Mokwa und Bambasé Conté, kamen in Hoffenheim auf nicht genug Einsatzzeit. In Elversberg sind sie Unterschiedsspieler. Lukas Petrov konnte sich beim FC Augsburg nicht durchsetzen. Mit 13 Treffern ist er der erfolgreichste Torschütze Elversbergs.Ebenfalls aus Hoffenheim, von der zweiten Mannschaft, kam zu Saisonbeginn Vincent Wagner als Cheftrainer. Vorher trainierte dieser nur in der Regionalliga Südwest und der Junioren-Bundesliga. Bundesligaerfahrung besitzt im Trainerteam vor allem Mike Frantz, Ur-Saarländer, der als Spieler mit Nürnberg und Freiburg aufstieg und auf über 200 Bundesligaspiele kommt. Zur Wahrheit gehört auch, dass mit Frank Holzer und dem Konzern Ursapharm im Hintergrund ein solventer Geldgeber agiert.Die Spielidee blieb offensiv, trotz der großen Fluktuation. Elversberg lieferte konstant. In der Abschlusstabelle hat der Verein nach 34 Spieltagen den besten Sturm und die zweitbeste Defensive der Liga. An 23 Spieltagen stand Elversberg auf einem der vorderen drei Tabellenplätze. Dreizehnmal stand der Verein auf einem direkten Aufstiegsplatz.Worauf es nun ankommtWorauf kommt es nun an? Aufsteiger konnten in Liga zwei ihre Gegner dominieren, in der Bundesliga wird das so nicht funktionieren. Deshalb bedarf es einer Anpassung des Spielstils. 2021 stieg etwa Greuther Fürth mit der besten Offensive auf und mit 82 Gegentoren im kommenden Jahr direkt wieder ab. Ebenso erging es Schalke 04: beste Zweitliga-Offensive 2022 samt Aufstieg, direkter Wiederabstieg 2023. Dem Hamburger SV gelang es in dieser Saison wiederum, den Klassenverbleib zu erreichen.Keiner Standort, kleines Stadion: Hier wird in der nächsten Saison Erstligafußball gespielt.Frank RumpenhorstDer Schwere dieser Aufgabe ist sich Cheftrainer Wagner bewusst. Es sei eine riesige Aufgabe, die man auf eigene Art und Weise annehmen wolle. Auf der Pressekonferenz dankte er ausführlich seinem gesamten Staff und den Vereinsmitarbeitern. Resilienz sei der Schlüssel zum Erfolg gewesen, mit „einem außergewöhnlichen Team, auf und neben dem Platz“. Der Aufstieg sei eine Mondlandung gewesen, sagt er. Elversbergs eigenes Artemis-Programm ist also geglückt. „Das Nächste, was uns erwartet, ist die Reise zum Mars“, sagte Wagner. Es sei eine riesige Aufgabe, in die man hineinwachsen müsse.An einem Kreisverkehr zwischen Vereinsgaststätte und Stadion steht eine gespannte Plastikplane in ihrer Fassung. Sie informiert die Vorbeikommenden über Veranstaltungen im Jahr 2026: Vom 24. bis 27. Juli ist Kirmes im Ort, am 6. September ist das örtliche Friedensfest. Von Weltraummissionen ist dort keine Rede. Ebenso wenig davon, dass ab August der Zirkus in die Stadt kommt: der Zirkus namens Bundesliga.