Fast ein Viertel der Rentnerehepaare in Deutschland erhält weniger als 1500 Euro brutto im Monat aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Mehr als jedes zehnte Rentnerehepaar kommt sogar auf weniger als 1000 Euro gesetzliche Rente. Sind sie aber deshalb arm? Nein. Denn das Bruttomonatseinkommen dieser Paare beträgt im Durchschnitt mehr als 4800 Euro. Das zeigen Zahlen aus dem Alterssicherungsbericht der Bundesregierung. Und noch etwas kommt hinzu: Auch Rentner mit tatsächlich geringen Einkommen verfügen häufig über einiges Vermögen. Das zeigt nun eine neue Auswertung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).Eine niedrige gesetzliche Rente sagt daher entgegen einer politisch weit verbreiteten Vorstellung wenig über Armutsrisiken aus. Viele Bezieher haben noch ganz andere Geldquellen zur Verfügung, etwa privat ersparte Renten, Miet- und Zinseinkünfte, ein Versorgungswerk für Ärzte oder Anwälte oder eine Beamtenpension. Nicht wenige haben nur in der Startphase ihres Berufslebens ein paar Jahre sozialbeitragspflichtig gearbeitet. Mit so kurzen Beitragszeiten fällt die Rente aber selbst für Gutverdiener niedrig aus.Unüberlegte Reform käme „den Sozialstaat teuer zu stehen“Die Auswertung ist Teil einer neuen IW-Studie, die sich mit den Grundlagen der rentenpolitischen Reformdiskussion befasst. Ihre Kernbotschaft: Wer versucht, mit Umbauten an der gesetzlichen Rente gegen das Risiko von Altersarmut vorzugehen, gerät schnell auf einen „Irrweg“, wie die Forscher Jochen Pimpertz und Maximilian Stockhausen schreiben. Sie warnen davor, die „Statik“ des bestehenden Alterssicherungssystems „aufgrund methodisch wie empirisch unzureichend begründeter Indizien aufzuweichen“, denn das könne „den Sozialstaat teuer zu stehen kommen“.Ihre Kritik zielt auf verschiedene aktuelle Reformideen, die allesamt mehr Umverteilung innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung anstreben, also ein Aufwerten niedriger gesetzlicher Renten und ein Abwerten höherer gesetzlicher Renten. Deren Bandbreite reicht vom umstrittenen „Boomer-Soli“ des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bis zu einem Konzept des Sachverständigenrats für Wirtschaft. Letzteres sieht vor, ärmeren Beschäftigten in Zukunft mehr Rente je Euro Beitragszahlung gutzuschreiben als Gutverdienern.Wozu mehr Umverteilung zwischen hohen und niedrigen Renten?In der Regierung wurde zuletzt auch darüber diskutiert, Beschäftigten mit langer Beitragszeit mehr Rente je eingezahltem Euro gutzuschreiben als solchen mit kürzerer Beitragszeit. Erstere haben allerdings schon heute überdurchschnittlich hohe gesetzliche Renten. Zugleich, so warnt das IW, würden alle diese Änderungen das Versicherungsprinzip schwächen, das ein wichtiger Vertrauensfaktor sei. Und es würde obendrein absehbar viel zusätzliches Geld an Rentner mit höheren Einkommen verteilt – auf Kosten anderer, die weniger haben; und auf Kosten der Zahler.Aber auch sonst ist die gesetzliche Rente kein Hebel, um Armutsrisiken zielgenau zu mindern, wie das Institut mit einer neuen Auswertung verdeutlicht. Sie rückt diejenigen Rentner in den Mittelpunkt, die in der üblichen Statistik als armutsgefährdet gelten, weil ihr Gesamteinkommen tatsächlich weniger als 60 Prozent des gesellschaftlichen Mittelwerts beträgt. Und sie zeigt, dass selbst unter diesen statistisch einkommensarmen Rentnern nicht wenige ein relevantes Vermögen zur Verfügung haben.Statistisch armutsgefährdet trotz sechsstelligen VermögensPimpertz und Stockhausen haben dazu Daten ausgewertet, die die Bundesbank alle drei Jahre mit einer großen Befragung erhebt. Konkret liegen die Dinge dann so: 17,8 Prozent der Haushalte, die eine gesetzliche Altersrente beziehen, gelten zwar statistisch als armutsgefährdet, da ihr laufendes Einkommen un­ter der 60-Prozent-Schwelle liegt. Das ist etwas mehr als in der Gesamtbevölkerung mit 15,4 Prozent. Rechnet man aber die Vermögen dieser Haushalte in eine damit theoretisch realisierbare Rentenzahlung um, dreht sich das Bild. Dann sinkt der Anteil der im statistischen Sinne armutsgefährdeten Rentnerhaushalte auf elf Prozent.Mit der üblichen Einkommensbetrachtung werde der Anteil armutsgefährdeter Rentner also um mehr als ein Drittel überschätzt, folgert das IW. Zwar sinkt auch die Armutsrisikoquote der Gesamtbevölkerung, wenn man deren Vermögen entsprechend mitrechnet, aber nur von 15,4 auf 13,4 Prozent. Es liegt daran, dass Ältere im Schnitt mehr auf der hohen Kante haben als Jüngere. Für Bezieher gesetzlicher Renten lag der Mittelwert (Median) zuletzt bei 140.000 Euro pro Haushalt. In der Gesamtbevölkerung waren es 103.000 Euro.Rentenkommission ringt mit widersprüchlichen ErwartungenDie schwarz-rote Koalition wartet zurzeit auf Vorschläge für eine Rentenreform, die ihre Alterssicherungskommission im Juni liefern soll. Deren Arbeit ist allerdings insofern erschwert, als ihr die Regierung keine klaren Reformziele mitgegeben hat. Nach Ansicht von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und größerer Teile seiner Partei geht es jetzt darum, den demographisch bedingten Anstieg der Rentenausgaben zu bremsen, damit die Volkswirtschaft Spielräume für Investitionen zurückgewinnt. Vorab hatte die Koalition jedoch mit einem ersten Rentengesetz den Demographiefaktor für weitere sechs Jahre ausgeschaltet, damit die Renten stärker steigen. Die SPD will jetzt zusätzliche Beitrags- und Steuereinnahmen mobilisieren, um die Aus­gaben möglichst wenig dämpfen zu müssen.Dieser Zielkonflikt der Koalition verstärkt den Drang, über ein Umwerten von Ansprüchen innerhalb der Rentenversicherung zu diskutieren. Politisch könnte es ein Weg sein, die SPD zu schonen und nötige Einschnitte auf andere Gruppen zukünftiger Rentner zu konzentrieren, die ihr weniger wichtig sind. Allerdings bleibt das Problem, dass sich die gesetzliche Rente nicht nach den sonstigen Wohlstandsverhältnissen ihrer Bezieher justieren lässt. Solange sie eine Versicherung ist, werden auch reiche Ruheständler von einer Aufwertung niedriger gesetzlicher Renten profitieren.Für zielgenaue Hilfen hat der Sozialstaat bisher ein anderes System – die steuerfinanzierte Grundsicherung für Senioren, die nachweislich geringe finanzielle Mittel haben. Wie amtliche Zahlen zeigen, beziehen etwas mehr als drei Prozent der Menschen im Rentenalter diese Hilfe. Allerdings trifft dies auf Selbstständige häufiger zu als auf Arbeitnehmer. Und unter denen, die mindestens 35 Jahre lang gearbeitet haben, sind weniger als 1,5 Prozent arm im Sinne der Grundsicherung.