Die oft zitierte neue Sehnsucht der Deutschen nach dem Landleben ist einer Studie zufolge zu einem großen Teil ein Mythos. Zwar gewannen ländliche Gemeinden zuletzt Einwohner, doch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) kommt in einer aktuellen Untersuchung zu einem eindeutigen Befund: Ein grundlegender Wandel der Wohnpräferenzen lässt sich daraus nicht ableiten. Verantwortlich für den Umzug aufs Land sind in erster Linie demographische Verschiebungen, angespannte Wohnungsmärkte in den Städten und veränderte Arbeitsmodelle.„Die Debatte über eine neue Sehnsucht nach dem Land greift zu kurz“, sagt BBSR-Stadtforscher Thomas Pütz. Die verbesserten Binnenwanderungssalden ländlicher Räume seit etwa 2013 erklärten sich vor allem durch die gesunkene Zahl junger, besonders mobiler Menschen in ländlichen Regionen. Da es weniger junge Erwachsene im typischen Umzugsalter gibt, ziehen weniger Menschen von dort weg, nicht aber deutlich mehr aufs Land, heißt es in der Studie.Für die Untersuchung wertete das Forschungsinstitut Empirica im Auftrag des BBSR Binnenwanderungsdaten bis 2024 aus und befragte rund 1000 Menschen, die seit 2019 in peripher gelegene ländliche Gemeinden gezogen waren. Von diesen kamen 23 Prozent direkt aus einer Großstadt, ein Drittel zog innerhalb der eigenen Region um, weitere 16 Prozent waren Rückkehrer in ihre Herkunftsregion.Wer aufs Land zieht, sucht nicht die perfekte InfrastrukturDie Befragung zeigt, dass vor allem Familien in ländliche Regionen ziehen. Ausschlaggebend sind vor allem der Wunsch nach Ruhe, Naturnähe, einem gesunden Wohnumfeld und mehr Sicherheit. Für 37 Prozent der Befragten spielt die Nähe zur Natur eine zentrale Rolle. Häufig geht es zudem um den Wunsch nach Wohneigentum und mehr Wohnfläche. Zuziehende aus Großstädten vergrößern ihre Wohnfläche im Durchschnitt von 85 auf 123 Quadratmeter; gleichzeitig steigt die Eigentumsquote in dieser Gruppe von 20 auf 52 Prozent.Mit dem Umzug verändert sich auch die Mobilität: Die Abhängigkeit vom Auto nimmt zu, und für rund 40 Prozent der Befragten verlängert sich der Arbeitsweg. Gleichzeitig ermöglichen es seit der Corona-Pandemie immer mehr Arbeitsmodelle, ortsunabhängig zu arbeiten. Zudem hat sich das Arbeitsplatzangebot in ländlichen Regionen sowohl quantitativ als auch hinsichtlich der Vielfalt überdurchschnittlich entwickelt.Klassische Standortfaktoren wie eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, kulturelle Angebote oder kurze Wege zu größeren Städten sind dagegen weniger entscheidend. „Wer in ländliche Räume zieht, sucht häufig nicht die perfekte Infrastruktur, sondern eine Lebensqualität mit Ruhe und bezahlbarem Wohnraum“, sagt BBSR-Forscherin Brigitte Adam. Am stärksten gewichtet wird unter den Versorgungsaspekten die Erreichbarkeit von Gesundheitseinrichtungen sowie die fußläufige Nähe zu Nahversorgungsangeboten.Die Bedarfe der Haushaltstypen unterscheiden sich je nach Lebensphase: Familien schätzen vor allem die Nähe zu Kitas und Eigentumsbildung, jüngere Haushalte die Erreichbarkeit von Arbeits- oder Studienplätzen. Ältere legen mehr Wert auf Einrichtungen des täglichen Bedarfs und des Gesundheitswesens.Eine allgemeingültige Strategie für ländliche Gemeinden lässt sich aus den Ergebnissen nicht ableiten, konstatieren die Forscher. Entscheidend seien passgenaue Wohnangebote, die Nutzung von Leerständen und Baulücken statt neuer Baugebiete sowie Investitionen in soziale Infrastruktur und Gemeinschaftsangebote. Als neue Zielgruppe für periphere Regionen identifiziert die Studie Menschen, die im Homeoffice arbeiten und ihren Suchradius entsprechend erweitert haben. Für sie ist eine leistungsfähige digitale Infrastruktur ein zentrales Kriterium.