Dürfen sich Queers für Palästina einsetzen? Oder ist das heuchlerisch? Der Propagandakrieg am ESCBeim Song-Contest in Wien ging es nicht nur ums Singen, sondern auch um die politische Meinungshoheit. Während Israel versucht, sich bei der bunten Party besonders progressiv und offen gegenüber allen Lebensformen darzustellen, laufen Teile der queeren Bewegung Sturm gegen das, was sie «Pinkwashing» nennen.Quynh Tran, Markus Bernath17.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenNoam Bettan, der israelische Vertreter beim Song-Contest in Wien, probte am Freitag für das Finale in der Wiener Stadthalle. Im Publikum schwenkte jemand eine palästinensische Fahne.Jessica Gow / TT / ImagoNoch bevor die Scheinwerfer die Bühne vollständig erleuchten und der israelische Sänger Noam Bettan sein Lied «Michelle» anstimmen kann, sind in der Wiener Stadthalle ganz andere Töne zu hören: «Stop, stop the Genocide»-Rufe aus dem Publikum mischen sich in die ersten Takte. Während Bettan auf der Bühne vor Jubel- und Buhrufen gleichermassen seine Performance durchzieht, ringen Sicherheitskräfte mit den propalästinensischen Protestierenden. Vier Personen werden aus der Halle getragen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bettan, der 28-jährige Sänger, hatte damit gerechnet, schon beim ersten Auftritt in Wien diese Woche noch vor dem Finale am Samstag, das bis Redaktionsschluss nicht entschieden war. Sein Team hatte mit Buhrufen geprobt, damit er nicht aus der Fassung gerät. Denn für Bettan und sein Land ging es um viel beim Eurovision Song Contest (ESC), dem grössten Pop-Musik-Spektakel der Welt. Bettan soll Israel zeigen, wie es seine Regierung will: strahlend, lebendig, fortschrittlich, eine tolerante Kulturmacht.Schwieriges GemengeDoch ausserhalb der Wiener Stadthalle, im Zentrum der österreichischen Hauptstadt, hat schon die andere Seite dieses Propagandakriegs Stellung genommen: die Unterstützer der Palästinenser in Gaza und im Westjordanland mit ihren Fahnen, kleine linke Grüppchen, Vertreter der queeren Gemeinschaft. «No Stage for Genocide» – «keine Bühne für den Völkermord», steht auf einer Tribüne, die auf einem Platz in der Innenstadt errichtet wurde.Propalästinensische Demonstranten protestieren in Wien gegen die Teilnahme Israels am Song-Contest.Jessica Gow / TT / ImagoEine nonbinäre Person mit einem katzenähnlich geschminkten Gesicht und Spock-Ohren, die sich als queer identifiziert, ruft dort zum Widerstand gegen Israel und die angebliche Verlogenheit der Gesellschaft auf. «Liebes Wien, liebes Österreich, ihr habt diesen verdammten ESC möglich gemacht, der voll mit Israels blutigem Geld ist», ruft sie auf Englisch, «scheiss auf eure queeren Organisationen, die nicht mit Palästina solidarisch sind. Scheiss auf die Leute, die mir sagen, dass meine Solidarität selektiv sein soll.» Die Zuhörer applaudieren, es sind wenige hundert.Die Gemengelage bei diesem Propagandakrieg ist gar nicht so einfach zu verstehen, wie es auf den ersten Blick scheint.Längst ist der Eurovision Song Contest eine legendäre Veranstaltung für die queere Gemeinschaft geworden, für all jene, die sich unter dem Kürzel LGBTQ zusammenfinden. Und Israel, das der Europäischen Rundfunkunion angehört und deshalb am ESC teilnehmen kann, nimmt dabei einen besonderen Platz in diesem Wettbewerb ein: Tel Aviv ist ein Zentrum der queeren Kultur, etwa ein Viertel der Einwohner identifiziert sich damit, sieht sich ausserhalb der traditionellen Kategorien der Heterosexualität.Tel Aviv gilt als ein Zentrum der queeren Bewegung im Westen.Alexi Rosenfeld / GettyAber «Queers for Palestine»? Schwule, Lesben, Transsexuelle, die den Anspruch der Palästinenser auf einen eigenen Staat unterstützen, obwohl sie selbst dort nicht offen leben können? Gar mit dem Tod bedroht würden?«Natürlich ist die Gesellschaft dort konservativ, das weiss ich auch», sagt die Person mit dem Katzengesicht vor ihrem kurzen Auftritt. «Aber Solidarität mit Menschen ist ja nicht bedingt.» Es ist ein humanistischer Ansatz, aber einer, der die Hamas und den Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 einfach ausblendet.Was Queere in Europa und anderswo in so erbitterter Form für Palästinenser eintreten lässt, ist zum einen das Schicksal ihrer Gemeinschaft im Gazastreifen. Queer lebende Menschen gibt es auch dort. Die mussten ihr Anderssein erst verheimlichen, dann starben viele bei Bombenangriffen der israelischen Armee, wie etwa private Nachrichten auf der Website «Queering the Map» zeigten.Zum anderen facht Israels Anspruch, ein gesellschaftlich besonders offenes Land zu sein, den Propagandakrieg an.Der Hühner-VergleichLaut der Website der Queer Coalition for Palestine unterschrieben mehr als 150 LGBTQ-Gruppen aus 33 Ländern den Aufruf gegen Israels Teilnahme am Song-Contest in Wien. Israel nutze den Event, um «ein fortschrittliches Image zu vermitteln, während es gleichzeitig Völkermord begeht», so die Kampagne. «Pinkwashing» nennen das Israels Kritiker.Kritiker der queeren Bewegung für Palästina, besonders rechte Politiker und Gruppierungen, werfen der Bewegung Heuchelei vor. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu nahm einen rechten, homophoben Slogan auf, als er 2024 in einer Rede vor dem US-Kongress erklärte: «Schwule für Gaza ist wie Hühner für KFC.» Queere würden sich mit schwulenfeindlichen Islamisten solidarisieren, lautet der Vorwurf.Blickt man auf Posts und Kommentare der Gruppen, lässt sich das nicht belegen. Ein Blick auf Social-Media-Profile wie queers.for.palestine zeigt, dass sich die Gruppen vornehmlich mit Zivilisten solidarisieren und auch homosexuelle Palästinenser porträtieren. Auf ihre Fahnen schreiben sie einen Kampf «gegen Unterdrückung». Die israelische Besatzung und Kriegsführung erscheint ihnen als grössere Gefahr als patriarchalische Strukturen und die Homophobie in der palästinensischen Gesellschaft. Letztere werden zwar nicht geleugnet, allerdings auch selten von propalästinensischen Gruppen angesprochen.Letztlich sind Aktivistengruppen wie Queers for Palestine aber Randphänomene; die Wiener Gruppe zum Beispiel hat gerade einmal 2600 Follower auf Instagram. Der Protest gegen Israels Teilnahme am ESC ist jenseits der LGBTQ-Community längst im Mainstream angelangt. Auch Prominente, ehemalige ESC-Teilnehmer und vor allem öffentlichrechtliche Sendeanstalten von fünf Ländern, die den ESC übertragen, hatten sich ihm dieses Mal angeschlossen: Slowenien, die Niederlande, Irland, Spanien und Island.Sie kritisieren zum Teil auch die Einmischung der israelischen Regierung in den Wettbewerb. Nach Recherchen der «New York Times» nutzt die israelische Regierung den ESC offenbar seit Jahren als politisches Instrument, um das Image des Landes in der Welt zu beeinflussen.Laut dem israelischen Medienbeobachter «The Seventh Eye» investierte das Aussenministerium allein 2024 mehr als 800 000 Dollar für Werbekampagnen, um die Platzierung der damaligen Vertreterin Eden Golan beim ESC zu beeinflussen. Regierungsnahe Influencer wie die Schauspielerin Noa Tishby mit einer Million Followern auf Instagram rufen zudem zur Stimmabgabe für Israel auf.Ein gutes Abschneiden beim ESC gehört zur Soft Power eines Landes. Das sehen wohl auch die Queers for Palestine so.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel