PfadnavigationHomePolitikAuslandLettlandWie Drohnen aus Russland eine Regierung zu Fall bringenStand: 14:22 UhrLesedauer: 5 MinutenAbgestürzte Drohnenteile in einem lettischen WaldstückQuelle: -/National Armed Forces of Latvia/dpaDas EU- und Nato-Mitglied ist in eine veritable Regierungskrise geschlittert – Grund sind Drohnen, die wiederholt in den Luftraum des baltischen Landes eingedrungen sind. Sie kamen aus Russland. Damit stellt sich für den Krisenfall eine zentrale Frage.Der Vorgang ist beispiellos: Russische Drohnen, aber bisweilen auch ukrainische, die etwa durch Störmaßnahmen von ihrer Route abkommen, geraten regelmäßig in den Luftraum der Länder an der Nato-Ostflanke. Doch noch nie musste deswegen ein Minister zurücktreten, geschweige denn eine ganze Regierungsmannschaft. Bis zur vergangenen Woche in Lettland.Sabotage, Spionage und Desinformationskampagnen sind nur einige der Mittel, die Russland mit seiner hybriden Kriegsführung gegen Europa einsetzt. Litauen, Lettland, Estland und Polen sind in besonderem Maße betroffen. Doch auch in Deutschland, das weiter vom Kriegsschauplatz Ukraine entfernt ist und das nicht direkt an Russland oder Belarus grenzt, registrieren Sicherheitsbehörden verstärkt russische Aktivitäten. Sie sollen die europäischen Gesellschaften destabilisieren, Regierungen schaden und somit die Handlungsfähigkeit des jeweiligen Staates einschränken. Lesen Sie auchDrohnen haben dabei eine besondere Bedeutung: Sie sind günstig, Russland setzt sie massenweise ein. Sie sind sichtbar und erzeugen ein Gefühl der Unsicherheit, wodurch eine Bevölkerung schnell eine Reaktion seitens ihrer Regierung fordert.Was genau ist geschehen? Am 7. Mai kamen zwei ukrainische Drohnen von ihrem Kurs ab. Sie flogen aus Russland in den lettischen Luftraum und stürzten schließlich ab. Ein Fluggerät schlug in ein Öllager ein und löste einen Brand aus. Verletzt wurde niemand. Das lettische Militär konnte die Drohnen nicht rechtzeitig sichten. Mutmaßlich hatten russische Einheiten die ukrainischen Drohnen derart gestört, dass sie ihre Flugroute änderten. Drohnen über Lettland stürzen eine RegierungBereits am 25. März wurde Kritik an der Regierung laut, als eine Drohne aus Russland in Lettland in Grenznähe abstürzte und explodierte. Die Flugabwehr erkannte sie zwar, leitete aber keine Gegenmaßnahmen ein. Auch hierbei soll es sich um eine ukrainische Drohne gehandelt haben, die russische Störmaßnahmen vom Kurs abgebracht hatten. In der Bevölkerung wuchs die Kritik an der lettischen Regierung nach jedem solchen Vorfall – bis die Drohnen über Lettland auch Folgen innerhalb der Regierung nach sich zogen.In der vergangenen Woche drängte Ministerpräsidentin Evika Silina ihren Verteidigungsminister Andris Spruds zum Rücktritt. Er habe, so Silina, ihr Vertrauen und auch das Vertrauen der Öffentlichkeit verloren. Spruds wurde von der Ministerpräsidentin für das vermehrte Eindringen von Drohnen aus Russland in den lettischen Luftraum verantwortlich gemacht. Demnach habe sich der Verteidigungsminister nicht mit der nötigen Dringlichkeit darum gekümmert, Antidrohnensysteme anzuschaffen. Daraufhin verweigerten die Angehörigen von Silinas Koalitionspartner, die sozialdemokratischen Progressiven, der konservativen Regierungschefin ihre Unterstützung. Lesen Sie auchVerteidigungsminister Spruds ist ein Mitglied der Progressiven. Damit kommt die Regierung nur noch auf 41 Mandate im hundert Sitze zählenden lettischen Parlament. „Daher gebe ich bekannt, dass ich als Ministerpräsidentin zurücktrete“, erklärte schließlich die Ministerpräsidentin selbst. Laut Verfassung muss damit die komplette lettische Regierung zurücktreten. Bis zur Amtsübernahme einer neuen Regierung bleibt sie geschäftsführend im Amt.„Der Umgang mit der Bedrohung durch Drohnen ist eine Herausforderung. Jeder Vorfall erfordert eine gründliche Analyse“, sagt Linas Kojala, Leiter des Geopolitics and Security Studies Center (GSSC), im Gespräch mit WELT in Vilnius. So schließe beispielsweise die Umleitung einer ukrainischen Drohne nicht automatisch aus, dass die nächste Drohne eine Provokation des Gegners sein könnte, so Kojala, der als Politikberater tätig ist. „Daher ist es entscheidend, so ruhig wie möglich zu bleiben. Russland lebt von Chaos und Störung. Ein funktionierendes demokratisches Land muss jedoch Wege finden, diese Probleme anzugehen. Sie einfach zu tolerieren, ist ebenfalls keine Lösung“, sagt Kojala. Teure Raketen gegen BilligdrohnenKojalas Einordnung erinnert an einen der Begriffe, die seit dem Beginn der russischen Vollinvasion 2022 oft von Politikern auf europäische Gesellschaften angewandt werden: Resilienz. Darunter ist zu verstehen, dass Gesellschaften widerstandsfähiger werden müssen und dadurch zur Abschreckung beitragen. Der Rücktritt der lettischen Regierung zeigt, dass Resilienz auch für die politische Klasse gelten muss. Tatsächlich hätte schon ein Vorfall 2023 beinahe zum Rücktritt eines Ministers in Polen geführt. Seinerzeit wurden Überreste eines russischen Marschflugkörpers vom Typ Ch-55 in einem Waldstück nahe der westpolnischen Stadt Bydgoszcz gefunden. Der Marschflugkörper war offenbar Wochen zuvor, im Dezember 2022, in Polen eingeschlagen.Lesen Sie auchDer damalige Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak machte der Armeeführung öffentlich Vorwürfe. Die damalige Opposition beschuldigte ihn und seine Regierung daraufhin, Verantwortung auf die Streitkräfte abwälzen zu wollen. Zu Blaszczaks Rücktritt kam es zwar nicht, aber der Fall beschädigte das Verhältnis zwischen Minister und Armeeführung. Der Streit zwischen Regierung und Opposition beschäftigte das Land mehrere Wochen. Anders war das Vorgehen beim bislang größten Drohnenvorfall in einem Nato-Land seit 2022. In der Nacht vom 9. auf den 10. September 2025 drangen 19 russische Drohnen in den polnischen Luftraum ein. Warschaus Reaktion war beherzt. Polen fing mehrere Drohnen ab, zusammen mit Nato-Partnern wie den Niederlanden und Deutschland. Trümmerteile beschädigten ein Wohnhaus in Ostpolen, niemand kam zu Schaden. Die Regierung von Donald Tusk aktivierte darüber hinaus den Nato-Artikel 4: Konsultationen im Bündnis folgten. Kritik wurde laut, als bekannt wurde, wie teuer die Drohnenabwehr war. Man hatte F-16- und F-35-Kampfflugzeuge eingesetzt, die Raketen im Wert von mehreren Millionen Euro verschossen hatten. Seitdem werden in Europa Debatten über eine effizientere und günstigere Drohnenabwehr geführt. Die polnische Regierung aber geriet in keine Krise, zu Rücktritten kam es nicht. Hätte sie damals so abwartend reagiert, wie die lettische heute, hätte das wohl auch Folgen gehabt. Zumal es sich im vergangenen Jahr nicht um fehlgeleitete ukrainische, sondern um russische Drohnen handelte. In Europa wird es wohl nicht der letzte Vorfall dieser Art bleiben.Philipp Fritz berichtet im Auftrag von WELT seit 2018 als freier Korrespondent in Warschau über Ost- und Mitteleuropa.