Wegen Drohnenalarm stand Helsinki am Freitagmorgen still. In Lettland musste die Ministerpräsidentin wegen abgestürzter Flugkörper zurücktretenIn einer sicherheitspolitisch heiklen Lage zerbricht Lettlands Regierung. Prorussische Kreise nutzen die politische Krise für Propaganda.15.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEvika Silina muss nach einem Streit über abgestürzte Drohnen gehen.Petros Karadjias / APEin Drohnenalarm über Helsinki legte die finnische Hauptstadt am frühen Freitagmorgen für einige Zeit lahm. Kurz vor 4 Uhr wiesen die Behörden die Bevölkerung an, sich nach drinnen zu begeben und Schutz zu suchen. Der öffentliche Verkehr setzte ab 5 Uhr für eine Stunde aus und auch der Flughafen musste seinen Betrieb für einige Zeit unterbrechen, was zu Verspätungen führt. Der Unterrichtsbeginn wurde an einigen Schulen nach hinten verlegt. Über dem Himmel von Helsinki flogen Helikopter und Hornet-Kampfjets.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Um 7 Uhr 06 erklärten die Behörden die Gefahr für beendet. Um was für eine Drohne es sich handelt, ist derzeit noch nicht bekannt. Auch im Osten Lettlands wurde in der Nacht vor unbemannten Flugkörpern gewarnt. Es war nicht das erste Mal.Letzte Woche stürzten über Lettland Drohnen ab, die mutmasslich von den ukrainischen Streitkräften gestartet worden waren. Nun haben diese gefährlichen Vorfälle das Land in eine politische Krise gestürzt. Zuerst musste der links-grüne Verteidigungsminister Andris Spruds gehen, und am Donnerstagmorgen kündigte nun auch die liberalkonservative Ministerpräsidentin Evika Silina ihren Rücktritt an. Silina hatte Spruds zum Rücktritt gedrängt, worauf dessen Partei ihr die Unterstützung entzog.Lettlands Präsident Edgars Rinkevics hatte am Mittwoch noch davor gewarnt, dass sich das Land keine Unsicherheit und Instabilität leisten könne. «Die geopolitische und sicherheitspolitische Lage in Europa ist fragil, daher hat die Stärkung der nationalen Verteidigung sowie der inneren und der äusseren Sicherheit höchste Priorität», schrieb Rinkevics auf Facebook. Dazu brauche es eine handlungsfähige Regierung mit Unterstützung des Parlaments.Russlands völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen die Ukraine schwappt immer mehr in die Staaten an der Nato-Ostgrenze über. Der Kreml finanziert seinen Überfall mit Öl und Gas, die ausgehend von den Häfen in Ust-Luga und Primorsk am Finnischen Meerbusen in die Welt transportiert werden. Diese Häfen nimmt die Ukraine seit einigen Wochen verstärkt ins Visier. Immer wieder kommen dabei Drohnen vom Kurs ab, weil sie von der russischen Flugabwehr gestört werden.Bereits im März waren mehrere Drohnen in Finnland, Estland, Lettland und Litauen abgestürzt. Vor einer Woche kam es nun erneut zu einem Vorfall in Lettland: Ein unbemanntes Fluggerät beschädigte dabei vier leere Öltanks in der Gemeinde Rezekne im Osten Lettlands. Eine weitere Drohne drang in den lettischen Luftraum ein und stürzte ab. Sie wurde bisher noch nicht gefunden. Die Herkunft dieser beiden Drohnen wurde noch nicht offiziell bestätigt. Doch liegt die Vermutung nahe, dass es sich auch dabei um ukrainische Flugkörper handelt.Schwerwiegende Lücken in der FlugabwehrAuch wenn es bisher zu keinen nennenswerten Schäden kam und niemand verletzt wurde, haben die Vorfälle gerade bei der Bevölkerung in der Grenzregion in allen Ländern schwere Bedenken ausgelöst. Ein Teil der verirrten Drohnen war mit Sprengkörpern bestückt. Sie wurden von der Flugabwehr teilweise sehr spät erkannt, und auch die Warnungen über Mobilfunk oder Apps waren verzögert oder fehlerhaft.Die Ereignisse der letzten Wochen haben schwerwiegende Lücken in der Bereitschaft der Nato-Länder offengelegt. In Lettland stellte die nun abtretende Ministerpräsidentin Silina den Verteidigungsminister Spruds an den Pranger und versprach der Bevölkerung im Osten des Landes, die Situation nicht hinzunehmen. Nur: Das ist einfacher gesagt als getan.Janis Sarts, der Direktor des Nato-Kompetenzzentrums für strategische Kommunikation, sagte im Interview mit Latvijas Radio, es fehle derzeit eine wirksame Antwort auf die Drohnen. «Obwohl klar ist, dass die in lettisches Gebiet eingedrungenen Drohnen ukrainische Drohnen sind, die umgeleitet wurden, senden wir kein starkes Signal aus.»Und das ausbleibende Signal an den Kreml ist nicht das einzige Problem.Wahlkampf und PropagandaProrussische Kreise nutzen die Vorfälle für Desinformationskampagnen. Mit gezielter Propaganda wollen sie die Unterstützung der Ukraine schwächen. Diese ist in Lettland zwar sehr hoch. In einer im Januar 2025 durchgeführten Bevölkerungsumfrage gaben 62 Prozent der Befragten an, die Ukraine so lange unterstützen zu wollen, bis sie den Krieg gegen Russland gewonnen hat. Die Desinformation zielt insbesondere auf die russische Minderheit, die im Osten Lettlands eine Bevölkerungsmehrheit bildet.Die Staatspolizei Lettlands hat Ermittlungen gegen die Verbreiter von Falschinformationen eingeleitet. In der prorussischen Telegram-Blase kursieren die Narrative derweil weiterhin ungehindert, etwa auf dem Kanal von Aleksejs Roslikovs. Dem umstrittenen Politiker, gegen den die lettische Sicherheitspolizei auch schon wegen Verbindungen nach Russland ermittelt hat, folgen über 28 000 Abonnenten. Seit Tagen hetzt er gegen die lettische Regierung und macht Stimmung gegen die Unterstützung der Ukraine.Und Roslikovs ist nicht allein. Laut der lettischen Nachrichtenagentur Leta wurden allein am vergangenen Donnerstag auf fünfzig verschiedenen Kanälen 99 Beiträge veröffentlicht und über 4,1 Millionen Mal aufgerufen.Die verstärkte Propaganda hat einen Grund: Im Herbst wählt Lettland ein neues Parlament. Jahrelang war die Linkspartei Harmonie, die von vielen Russischstämmigen gewählt wird und eine Nähe zu Moskau pflegte, die stärkste politische Kraft im Land. 2022 brach die Zustimmung zu ihr infolge von Russlands Angriff auf die Ukraine drastisch ein, und sie verpasste den Einzug ins Parlament. Auch die dezidiert prorussisch auftretende Lettisch-Russische Union blieb unter der Sperrgrenze.Seither ist in Lettland viel passiert. Die Sprachenpolitik der Regierung – namentlich die Abschaffung des parallelen russischen Bildungssystems und die Ausweisung von russischen Staatsbürgern, die kein Lettisch können – sorgt in der Minderheit für Unmut. Da die Russischstämmigen 25 Prozent der Bevölkerung des Landes ausmachen, sind sie keine unbedeutende Wählergruppe.Unter Evika Silina gehörte Lettland gemessen am Bruttoinlandprodukt zu den grössten Unterstützern der Ukraine. Daran dürfte auch ein Regierungswechsel nicht viel ändern. Wie es in Lettland nach dem Zerfall der Regierung nun weitergeht, ist noch unklar. Denkbar ist, dass eine neue Regierung gebildet wird oder Silinas Kabinett bis zu den regulären Wahlen im September als Übergangsregierung im Amt bleibt.Passend zum Artikel
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