Jonathan Burkardt steht an der Seitenlinie in Höhe der Frankfurter Ersatzbank und nippt an seiner Trinkflasche. Der Blick des Eintracht-Stürmers, der auf Außenstehende einen nachdenklichen Eindruck macht, geht auf das Spielfeld. Sportdirektor Timmo Hardung ist der Erste, der am Samstag nach dem 2:2 (beide Treffer erzielte Burkardt per Elfmeter) im Waldstadion gegen den VfB Stuttgart bei ihm ist. Trainer Albert Riera ist in diesem Moment von der Bernd-Hölzenbein-Tribüne aus nicht zu sehen. Vermutlich sitzt er auf seinem Platz.Burkardt setzt sich dann in Richtung Mittelkreis in Bewegung. Wenig später macht sich auch Albert Riera auf den Weg. Er nimmt mehrere Spieler auf dem Rasen wohl ein letztes Mal in die Arme. Zum Schluss tritt der Trainer vor Burkardt, der sich ein bisschen abseits aufhält. Es folgt ein Handschlag – und eine kurze Umarmung. Immerhin.Mit Riera passte es nichtBeim Spiel in Dortmund (2:3) hatte der unzufriedene Angreifer den Spanier im Eifer des Gefechts aus der Ferne mit einem Kraftausdruck bedacht. Burkardt entschuldigte sich ein paar Tage später und musste eine Geldstrafe in Höhe von 20.000 Euro zahlen. Das Verhältnis ist stark belastet. Nun werden sich die Wege der beiden trennen.Riera steht in Frankfurt vor der Freistellung; noch machte die Eintracht, die als Achter die Conference League verpasste, die Trennung aber nicht offiziell. Der 44 Jahre alte ehemalige Nationalspieler, gekommen aus Slowenien Anfang Februar, war in vielerlei Hinsicht mehr eine Fehlbesetzung als die dringend benötigte Hilfe. Sportlich, menschlich und atmosphärisch.„Die Mannschaft hat versagt“Das war zum Saisonfinale deutlich zu hören: Als der Stadionsprecher vor dem Spiel über sein Mikrofon wie gewohnt Rieras Vornamen Albert brüllte, kam entgegen der Gewohnheit nicht ein lautstarkes „Riera“ zurück. Stattdessen ertönte ein gellendes Pfeifkonzert. Das sagte alles.So unbeliebt war schon lange kein Trainer mehr. Mutmaßlich auch bei einem Teil der Mannschaft nicht. „Das System, das der Trainer versucht hat spielen zu lassen, hat nicht zur Eintracht gepasst“, sagte Burkardt nach Spielschluss im ARD-Fernsehen. Ein unmissverständliches Urteil trotz der folgenden Relativierung. „Die Mannschaft hat es aber auch nicht richtig ausgefüllt. Sie hat an erster Stelle versagt.“ Nur: „Der Trainer hat auch nicht das herausgeholt, was er sich gewünscht hat.“ So offen äußerte sich am 34. Spieltag kein anderer Frankfurter.Mann der Worte und TatenDer 25 Jahre alte Burkardt, der zum Mannschaftsrat zählt und der seinen Worten als zweimaliger Torschütze Taten vorausgeschickt hatte, fühlte sich in der Öffentlichkeit offenbar für die Generalabrechnung zuständig. Er nahm bei seiner Saisoneinschätzung kein Blatt vor den Mund. Auch dadurch stach der angriffsfreudige Offensivspieler neben seiner guten Leistung heraus.Gut möglich, dass Burkardt noch unter dem Eindruck der Geschehnisse auf dem Platz stand. Denn von Riera eingewechselt wurde er erst nach einer Stunde – und das, obwohl der einzige Stürmer, Arnaud Kalimuendo, in der zweiten Halbzeit verletzungsbedingt nicht mehr mitspielen konnte. Für ihn kam von der 46. Minute an – bei einem 0:2-Rückstand – zunächst Ansgar Knauff als „falsche Neun“ ins Spiel.Zwei weitere Tore unter den Augen des BundestrainersBurkardt, mit insgesamt 13 Liga-Treffern der Toptorschütze der Eintracht, muss das als neuerlichen Affront – in Dortmund räumte ihm Riera unter den Augen von Bundestrainer Julian Nagelsmann nur rund zehn Minuten Spielzeit ein – gewertet haben. Im Rückblick auf die Ereignisse im Westfalenstadion sagte der Angreifer, der in der 87. Minute zum 2:3 getroffen hatte, am Samstag: „Ich habe einen Fehler gemacht letzte Woche nach meinem Jubel. Dafür wurde ich bestraft. Das ist absolut in Ordnung und für mich abgehakt.“Bei der Eintracht geht die Arbeit jetzt richtig los. Das große Aufräumen wird in den kommenden Wochen die Hauptaufgabe sein. Gemessen an den Erfolgen der vergangenen Jahre stehen die Frankfurter – überspitzt formuliert – für ihre Verhältnisse unter dem Strich vor einem Trümmerhaufen. Deshalb ist es höchste Zeit für Konsequenzen und einen Neuanfang. „Es muss viel verändert werden an der Mannschaft. Auch die Führungsspieler haben ihren Job nicht gut genug gemacht. Dazu zähle ich mich auch“, sagte Burkardt.Seine Worte ließen in ihrer Offenheit tief blicken. „Wenn man so eine schlechte Saison spielt, dann hat das Team keine Einheit gebildet.“ Damit nicht genug der zu korrigierenden Missstände: „Um die Mannschaft herum gibt es auch viele Dinge, die verändert werden müssen.“In dieser Hinsicht bietet die Eintracht erstaunlich viele Probleme. Sie wird klären müssen, wie es zu dieser Ansammlung von Schwierigkeiten kommen konnte. Die unerfreuliche Gemengelage erweckt den Anschein, als wären die führenden Köpfe der Eintracht – allen voran Sportvorstand Markus Krösche – ihrer Verantwortung nicht im erforderlichen Umfang gerecht geworden.Daher muss jetzt vieles hinterfragt werden. Frankfurts Fußballanhänger reagierten mit großer Ironie auf den Niedergang. Nach dem 0:2 skandierten sie: „Die SGE ist wieder da!“ Bei Albert Riera „bedankten“ sie sich auf ihre Weise mit einem Spruchband. Am Abend antwortete ihnen der Trainer auf Instagram: „Gracias por mucho“ (vielen Dank für alles). Auf beiden Seiten dürfte das Verständnis füreinander aufgebraucht sein.Auf der Pressekonferenz nach der Begegnung hatte Riera noch gesagt: „Ich akzeptiere die Kritik. Wenn du nicht gewinnst, bist du nicht gut genug.“ Aber: „Ein Verein besteht aus vielen Menschen, jeder muss Verantwortung tragen.“ Der Trainer tat kund, dass er seine Arbeit fortsetzen würde: „Ich bin jemand, der nicht so schnell aufgibt.“Doch dazu wird es nicht kommen. Als seine Nachfolger werden aktuell die Fußballlehrer Adi Hütter, Matthias Jaissle und Mike Tullberg gehandelt. Riera stand am Ende der Pressekonferenz auf dem Podium ohne ein Wort des Abschieds auf. Auch das besaß eine hohe Aussagekraft.
Albert Riera vor dem Aus: Eintracht Frankfurts Saison-Fiasko
Trainer, Mannschaft, Führung – alle haben ihren Anteil am Frankfurter Absturz. Die Trennung von Albert Riera steht unmittelbar bevor. Welche weiteren Konsequenzen folgen?













