«Königin der Nacht»: Nach seinem Bruder und seinem Vater nimmt sich Lukas Bärfuss nun seine lieblose Mutter vorDer Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss hadert mit seiner bösen Mutter. Und macht das System für ihr Versagen mitverantwortlich. Er reiht sich damit in eine literarische Tradition ein.17.05.2026, 05.30 Uhr5 Leseminuten«Eine Mutter ist, was man nicht loswird»: Auch der Schweizer Schriftsteller und Büchnerpreisträger Lukas Bärfuss hat nun ein Mutterbuch geschrieben.Stefano de MarchiSie war da, bevor es uns gab. Nur weil es sie gibt, gibt es uns. Wir sind existenziell von ihr abhängig, niemand kann uns so sehr enttäuschen und verletzen wie sie. Davon zeugen unzählige Mutterbücher. Annie Ernaux, Didier Eribon, Melitta Breznik, Maxim Biller oder Édouard Louis haben in autofiktionalen Werken ihre schwierigen Mütter porträtiert. Entstanden ist der literarische Topos der bösen Mutter aber schon viel früher, mit Medea, der zauberkundigen Königstochter vom Schwarzen Meer, die aus Rache ihre Kinder tötete. In diese lange Reihe des Haderns mit der Mutter stellt sich nun auch der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss. «Eine Mutter ist, was man nicht loswird», heisst es in seinem autobiografischen Bericht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Buchtitel «Königin der Nacht» klingt glanzvoll, doch das ist Blendwerk, ein Sehnsuchtsbild dessen, was «die Frau, die er Mutter nennt», gern gewesen wäre. An ihrer Arbeit im Nachtleben am Rand der Prostitution ist in Realität wenig Glamouröses, besonders für den Sohn. Für ihn bleibt nur Lieblosigkeit übrig. Er sei ein «Betriebsunfall» gewesen, lässt ihn die Mutter wissen. Sie schreit ihn an, zerrt ihn an den Haaren, lässt ihn oft allein – weil sie arbeiten muss oder weil sie mit Männern durch die Nacht tingelt. Der Vater ist komplett abwesend, zeitweise im Gefängnis. Die Mutter schmiert ihrem Sohn zwar Butterbrote, aber eine Beziehung zu ihm will sie nicht.Sie warf den Sohn auf die Strasse«Ihre Liebe, ihre Zärtlichkeit, ihr Interesse hatte ich nie gespürt», schreibt Bärfuss. «Sie hatte mich niemals getröstet, keine Wunde verbunden.» Die Frau, deren Namen wir erst ganz am Schluss erfahren, entspricht in keiner Weise einem Mutterideal. Darin gleicht sie Gustave Flauberts Madame Bovary, die sich auch nicht für ihre Tochter Berthe interessiert. Eine «schwarze Sonne» nennt der Autor seine Mutter. «Sie hatte mich geprägt; und wie ein Stempel definiert ist durch das, was aus der Vorlage geschnitten wurde, war alles, was ich tat und schrieb und dachte, gezeichnet von ihrem Fehlen.»PDBärfuss’ Erzählung handelt mehr vom Sohn, der die Mutterliebe nicht kennt, als von der Mutter. Im mittleren und stärksten von drei Teilen erzählt Bärfuss von seiner Kindheit und Jugend. In Er-Perspektive zeichnet er einprägsame Szenen von Herumstreunen und kindlicher Phantasie, von Vernachlässigung und Autonomie. Für das Kind wird ein Regenrohr zum Funkgerät für den Kontakt in die Unterwelt, im Schlafzimmer der Mutter findet es pornografische Bilder, und am Ende des Monats gibt es Futtermais von den Feldern zu essen, weil das Geld fehlt. Schliesslich endet der Junge als «Schiffbrüchiger»: Seine Mutter «verkauft» ihn auf einen Bauernhof – sie verdingt ihn – und wirft ihn danach auf die Strasse.Mit fünfzehn ist Lukas Bärfuss obdachlos und ohne Schulabschluss. Wider jegliche Wahrscheinlichkeit schafft er die Aufnahmeprüfung für das Lehrerseminar, doch die abwesende Mutter sackt sein Stipendium ein, so dass er die Ausbildung abbrechen muss. Über zwei Jahre lang schlägt sich der Jugendliche allein und ohne festen Wohnsitz durch. «Man sieht ihn auf Baustellen und in Bibliotheken», heisst es. «Er wird von allen guten Engeln behütet. Kein Kratzer. Keine Verhaftung. Kein Eintrag.» Das klingt schon fast wie ein Wunder.Lukas Bärfuss erzählt verdichtet und anschaulich von beengenden Umständen und fehlender Liebe. Darin liegt eine Härte, doch eine Abrechnung ist dieses Buch nicht. Und auch keine Entblössung der Mutter, wie sie etwa Édouard Louis betreibt. Vielmehr ist «Königin der Nacht» die Geschichte eines Überlebens allen Umständen zum Trotz. Bärfuss’ Erinnerungen zeugen davon, wie an «Orten ohne Trost» eine Ahnung davon erwachsen kann, wie wunderreich die Welt ist: durch das Lesen.Von einem verstorbenen Nachbar erbt der Junge ein Lexikon. Die Lektüre erscheint als geradezu mystisches Erweckungserlebnis: «Und seine Welt verschwindet, das Haus, die Schule, die Mutter, alles ersteht neu und ist ihm gleichzeitig fremd und doch verständlich und klein und nichtig und ohne Bedeutung, aber er begreift, dass seine Welt keine Grenzen kennt.» Mit dem Lesen eröffnet sich ihm ein neuer Zugang zur Welt. Lukas Bärfuss sagte gegenüber der «NZZ am Sonntag» einmal: «Es war für mich früh klar, dass Lesen und Bildung für mich das Raketenaggregat sind, um meinen Verhältnissen zu entkommen. Eine andere Möglichkeit sah ich nicht.» Ohne Bibliotheken, die Wissen öffentlich zugänglich machen, gäbe es ihn nicht. Einer, dem die Umarmung seiner Mutter fehlte, stürzt sich in die Bücher.Der Krieg gegen die ArmenDie schwierigen sozialen Verhältnisse, in denen er aufgewachsen ist, hat Bärfuss bereits in früheren Werken beschrieben. In «Koala» setzt er sich mit dem Suizid seines Bruders auseinander, in «Vaters Kiste» mit den Schulden seines Vaters, eines Kleinkriminellen, und der Frage nach Erbschaft. Die Armut prägt auch das Leben der Mutter, obwohl sie immer arbeitstätig war. Den Begriff «Working Poor» verwendet er zwar nicht, aber wer den Autor kennt, weiss: Gesellschaftskritik gehört zum Erzählkonzept.Im dritten Teil des Buches prangert Bärfuss die gesellschaftlichen Bedingungen an, die die Mutter dazu gebracht haben, ihr Kind im Stich zu lassen: den «Kriegszug» der Behörden gegen die Armut, gegen die Fahrenden, gegen unverheiratete Mütter. Diskriminierungen, welche seine Mutter, Tochter eines Fahrenden, mehrfach betrafen. Damit stellt er sich in die französische Tradition soziologischen Erzählens, das Strukturen in den Blick nimmt.Das Versagen der Mutter ist auch vom System verursacht, ja gewollt. So wandelt sich der Erinnerungstext in eine historisch-politische Abhandlung, in einen Essay zum Umgang mit der Verfolgung der Fahrenden in der Schweiz. Das ist relevant und aktuell, hat doch der Nationalrat die Verfolgung der Jenischen und Sinti kürzlich als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt. Allerdings verlässt Bärfuss damit das Feld des literarischen Erzählens.«Königin der Nacht» ist ein Zwitter, Kindheitsliteratur und politischer Debattenbeitrag zugleich. Auch gleitet der Text im stakkatohaften ersten Teil manchmal ins Pathos, und am Ende legt der Autor wenig glaubwürdig seiner Mutter eine «Lektion» zur Schweiz in den Mund. Die Systemkritik wiederum wird von der Überlebensgeschichte des jungen Bärfuss konterkariert: Hier kämpft sich ein Einzelner von seinen Umständen frei. Dank seiner Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, wird er einigermassen schadlos erwachsen – und Schriftsteller. Ein erfolgreicher und preisgekrönter noch dazu. Eigentlich eine bürgerliche Aufstiegsgeschichte.Literarisch ist das nicht aus einem Guss. Aber wenn man Literatur auch dokumentarisch definiert als das, was erzählt werden muss, weil es noch nicht erzählt wurde, dann muss diese starke Geschichte vom Aufwachsen in Armut in der Schweiz und vom Versagen der Mutter nicht nur erzählt, sondern auch gelesen werden.Solothurner Literaturtage«Königin der Nacht» (128 Seiten) ist soeben im Rowohlt-Verlag erschienen. Lukas Bärfuss war damit an den Solothurner Literaturtagen zu Gast, der jährlichen Tour d’Horizon der Schweizer Literatur. Am Sonntag, 17. Mai, sind in Solothurn unter anderen Katerina Poladjan, Sasha Filipenko, Ilma Rakusa, Dana Grigorcea und Michael Hugentobler zu hören. www.literatur.ch (läu.)Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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