PfadnavigationHomeICONISTTrendsKolumne LuxusproblemeEine Stilikone für den GartenStand: 07:17 UhrLesedauer: 3 Minuten

Archaisch wie rätselhaft: Gartenschere von Niwaki

Quelle: NiwakiBei der Arbeit im Garten geht es nur um Funktion, und nicht darum, eine gute Figur zu machen. Oder? Unser Kolumnist entdeckte in London die Gartenscheren der Firma Niwaki und kam zu einer anderen Erkenntnis.Die offenbar wichtigste Frage zu diesem Zeitpunkt meines Lebens: Wann endlich kaufen wir eine Egge, mit der wir das unebene, steinige Grundstück in Sizilien regelmäßig bearbeiten? Jeden Winter wächst hier eine optisch reizvolle Mischvegetation aus praktisch unzerstörbaren Gräsern, mannshohen Fenchelstauden und anderen ebenso aggressiven wie invasiven Pflanzen, die den jungen Bäumchen Luft und Wasser rauben und im unbarmherzigen Sommer vertrocknen und quasi nur darauf warten, von einer nachlässig entsorgten Kippe oder einem missgünstigen Nachbarn entzündet zu werden. Der Kauf einer Egge aber ist nicht weniger komplex als der Erwerb einer Birkin Bag von Hermès. Allerdings geht es hier nicht um lange Jahre des Wartens, sondern um die Kollateralprobleme: Wie bewegen wir das Ding durchs steile Gelände? Wo lagern wir es? Sind damit die Probleme der pulizia, der Grundstücksreinigung, vollständig gelöst? Wie so oft bei den entscheidenden Fragen des Lebens hat jeder eine Meinung dazu, und hängt an jedem Ratschlag ein Rattenschwanz an Konsequenzen. Und im Hintergrund lauert unser resoluter Gärtner, in dessen Augen eine Ladung Unkrautvernichter den Job perfekt erledigen würde, wären da nicht diese weichherzigen Deutschen mit ihrem Nachhaltigkeitsfimmel. Und so klicke ich mich durch Websites für Gartenbedarf und verdränge dabei den Gedanken, der sich hartnäckig immer wieder meldet: War es das jetzt? Sind DAS die Sorgen, mit denen ich meine – sehr optimistisch gerechnet – zweite Lebenshälfte verbringen werde? Lesen Sie auchDas Phänomen ist weder neu noch selten: Herzenswünsche und Lebensträume werden zum Gefängnis. Das aber muss nicht sein, wie ich bei einem Spaziergang durch die Londoner Innenstadt feststellte. Verblüfft blieb ich vor einem Geschäft der Marke Niwaki stehen, in dessen Schaufenster ungewöhnliche, archaische, in ihrer Funktion enigmatische Gartenscheren feilgeboten wurden. Drinnen wurde es noch besser: Die Großer-Zeh-Restfuß-Schuhe, die die Marke Margiela im Westen berühmt gemacht hat, gab es hier als Arbeitsschuhe und Gummistiefel; das Scheren-, Messer- und Schäufelchensortiment war noch exzentrischer als vermutet. Lesen Sie auchSofort entzündete sich meine Fantasie. Mit diesen Gerätschaften würde die Arbeit auf dem Grundstück eine ganz neue Dimension bekommen. Wenn ich damit die Triebe der Bäume beschnitte, würden Besucher verstehen: Hier ist kein Frührentner am Werk, sondern eine Stilikone. Mit einer dieser Gartenscheren, davon bin ich fest überzeugt, kommt man auch am strengsten Türsteher vorbei in den Club. Bleibt nur die Frage, was man dazu anzieht, um den Look zu vervollständigen. Einziger Nachteil: der Schwund. Gartenscheren sind wie Feuerzeuge: Man kann nie genug davon haben, denn sie scheinen sich in Luft aufzulösen. Vielleicht sollte ich mit dem Hund sprechen. Seinen tausendmal abgenagten Oberschenkelknochen eines Rindes hat er so raffiniert versteckt wie ein Kartellboss seine Drogenmilliarden. Womöglich verscharrt er auch Werkzeuge, die seine menschlichen Begleiter ohnehin nur von Spaziergängen abhalten und deswegen in seinem Depot viel besser aufgehoben sind. Der eigene Garten ist eben Laufsteg und Enigma zugleich.