12 Punkte für …? Zum siebzigsten Mal findet an diesem Samstagabend der Eurovision Song Contest statt. 25 Songs treten im großen Finale des Musikwettbewerbs in Wien an, darunter auch der deutsche Song „Fire“ von Sarah Engels. Rund um den eigentlich betont unpolitischen ESC gibt es wie auch in den vergangenen Jahren allerdings politische Verwerfungen, vor allem wegen der Teilnahme Israels. Die Rundfunkanstalten aus Spanien, Irland, Slowenien, Island und den Niederlanden treten beim diesjährigen Song Contest deshalb nicht an. Dieser Abend verspricht also nicht nur musikalisch turbulent zu werden.Unsere Autorinnen und Autoren nehmen Sie mit – aus Wien und vor dem Fernseher – durch Stunden voller Windmaschinen, großer Gefühle und Goldregen.Wichtige UpdatesEindrücke aus dem israelischen Fancafé in WienES GEHT LOS! Die auch heute gut gelaunte Barbara Schöneberger begrüßt über den Dächern von Wien zur Vor-Feier in der ARD. Nach einem kurzen Einspieler lernt man: Schöneberger ist ein "kleines ESC-Fohlen", sagt sie und wiehert, statt zu wienern. Die Moderatorin ist also auf Temperatur – und wir auch. In diesem Sinne: Happy ESC 2026 an alle, die feiern.Party am Rathausplatz Das ist die Startreihenfolge beim großen ESC-FinaleSchwedische ESC-Finalistin fällt nach Probe in OhnmachtWillkommen aus der HalleDie Show geht los – juhu! Wie immer mit einer Flaggenparade der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler. Nach den ersten zehn Fahnenschwenkern – darunter auch Sarah Engels – wird zum ersten Mal unterbrochen, um dem Vorjahressieger JJ (und uns) ein Revival des Siegersongs "Wasted Love" zu schenken. Auffällig: 2025 war die Bühne ja angenehm zurückgenommen, schwarz-weiß, ein Schiffchen – und eben diese Stimme. Dieses Jahr: Handgezählte 655 Tänzer auf der Bühne, die... eben auch auf der Bühne sind. Warum? Muss eben alles größer und mehr werden. Und eigentlich sind wir ja alle genau dafür da.Berit KruseBoykottaufrufe Erinnern kann ich mich auch nicht, die Gnade der späten Geburt, aber wenn man in die ESC-Geschichte eintaucht, findet man verschiedene Boykotte - und ja, auch einen gegen die Türkei. Das war 1975. Man stritt sich damals um Zypern, weswegen Griechenland seine Teilnahme abgesagt hat. Im folgenden Jahr tauschten die beiden Länder die Rollen, und die Türkei nahm nicht teil. Noch früher in der Geschichte, 1969, hat das diesjährige Gastgeberland Österreich den Wettbewerb boykottiert, weil er in Spanien stattfand, das damals noch unter der Franco-Diktatur stand. Boykott ist deswegen nicht wirklich neu in der ESC-Historie. Die Anzahl der Länder, die nicht teilnehmen, ist dieses Jahr allerdings besonders hoch. Ronen SteinkeZu den Boykottaufrufen wegen Israels TeilnahmeIch hab scharf nachgedacht, aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern: Wann gab es mal Boykottaufrufe gegen die Teilnahme der Türkei beim ESC? Die Türkei, deren Umgang mit den Kurden jahrelang von großer Brutalität geprägt war und dies teils immer noch ist? Oder – was war mit Russland? Dieses Land ist zwar 2022 vom ESC ausgeschlossen worden. Aber: Schon in den 1990er- und 2000er-Jahren gab es entsetzliche Kriegsverbrechen in Tschetschenien, 2008 dann eine Attacke auf Georgien, die in der Methodik und Begründung wie eine Blaupause für die spätere Aggression gegen die Ukraine wirkte. Trotzdem: Aufrufe, Russland vom ESC auszuschließen oder gar den ESC insgesamt zu boykottieren? Hat man von Spanien und Irland nicht vernehmen können. Im Gegenteil: Im Kriegsjahr 2008 wurde der russische Sänger Dima Bilan – weiße Hose, halbnackter Oberkörper – mit seinem Song „Believe“ zum Sieger gekürt. 2015 landete Russland auf Platz 2, im Jahr darauf auf Platz 3. In der Halle scheint es diesmal ruhig zu bleiben bei Israel. Aber: Im Green Room steht nur die israelische Delegation. Bei den Songs zuvor standen alle.Zusatz-Choreo fürs Live-Publikum Das Publikum in der Wiener Stadthalle sieht zu jedem Beitrag eine weitere Choreografie: die der Bühnenarbeiterinnen und Bühnenarbeiter. Wie bei den Sängerinnen und Sängern sitzt bei ihnen jeder Move. Während im TV die Postkarten, wie die Filmchen vor den Songs heißen, zu sehen sind, haben sie knapp 45 Sekunden (Timer in der Halle zählen runter), um die Bühne umzubauen. Am Boden erscheinen dazu gelbe Markierungen, immer unterschiedliche, je nachdem ob Klavier (Australien), Pavillon (Malta), Tische (Großbritannien) oder viele Stühle (Finnland) gebraucht werden. Zum Teil wird mitten in den Performances schon wieder zurückgebaut. Unsichtbar für alle, die vor dem Fernseher sitzen. Ein Hoch auf die vorab lange geprobten Kamera-Einstellungen. Ronen SteinkeUnpolitisch?Kann man wirklich sagen, dass der israelische Sänger Noam Bettan „unpolitisch“ ist? Nein. Er ist nicht unpolitisch. Seine Songs heißen zum Beispiel „Sakin baLev“, Messer im Herzen. 2023 erschienen, drückte dieses Lied den Schmerz vieler Israelis über das Massaker der Hamas an unbewaffneten Zivilistinnen und Zivilisten aus. Ein anderer Song aus demselben Jahr hieß „Lachsor Habaita“, zu deutsch: Nach Hause kommen. In einem Land, das um Geiseln bangte und auf deren Heimkehr hoffte, war dieser Text hochpolitisch, natürlich. Deswegen war der Song so erfolgreich.Es stimmt schon: Mit diesem Song nahm Noam Bettan Partei. Aber Partei für wen? Für die Menschlichkeit. Für Zivilisten. Mit Aufrufen zu Rache oder Gewalt ist er hingegen nie aufgefallen. Einmal hat Noam Bettan ein Gedicht vertont, das von einem israelischen Militäroffizier stammte. Das war 2024, als der Gazakrieg bereits tobte. Aber jener Militäroffizier, Yaron Shay, war am 7. Oktober 2023 getötet worden, während er den Kibbutz Kerem Schalom verteidigte – dieser Mann hatte also keine Kriegsverbrechen verübt, sondern im Gegenteil versucht, Hamas-Verbrechen gegen Zivilisten zu stoppen. Und auch das Gedicht war nicht im Kontext des Gaza-Krieges entstanden, sondern schon lange davor. 03 IsraelIsraels Teilnahme am ESC ist seit Jahren ein Politikum, insbesondere natürlich seit dem brutalen Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg in Gaza. Im vergangenen Jahr gewann Yuval Raphael das Publikumsvoting, danach wurden die Abstimmungsregeln geändert, fünf Länder boykottieren den heutigen Abend wegen Israels Teilnahme. Dieses Jahr schickt Israel mit "Michelle" einen betont unpolitischen Song, Noam Bettan besingt darin eine unglückliche Liebesbeziehung. Das ändert nichts daran, dass sein Auftritt beim Publikum auf gemischte Reaktionen stoßen dürfte: Im Halbfinale waren im Saal Protestrufe zu hören. Stefan NiggemeierBei aller Kritik an ihrem Song: An den Qualitäten von Sarah Engels als Sängerin gab es eigentlich nie einen Zweifel. Aber ausgerechnet heute klingt sie atemlos und stimmlich wackelig. 02 DeutschlandNoch seltener als Show-Opener gewinnen Songs von Startplatz Zwei. Das dürfte aber nicht die einzige Hürde für den deutschen Beitrag sein. Sarah Engels versucht mit "Fire" wirklich alles, aber der Song ist und bleibt eben ein eher generischer Popsong. In der Halle zündet der Beitrag besser als vor dem Fernseher, im übertragenen Sinne und auch wortwörtlich: Wahrscheinlich kein anderer Auftritt brennt heute so viel Pyrotechnik ab wie der Deutsche.Vor ein paar Wochen habe ich Sarah Engels übrigens getroffen, dabei ist dieses Porträt entstanden: Dänemark beginnt mit einem Bühnenperformance gewordenen Berghain-Abend. Dann sind wir ja jetzt alle wach. Für Sarah Engels, die gleich danach kommt.01 DänemarkUnd los geht es: Der erste Beitrag des Abends kommt aus Dänemark. Seit 1999 die Regel abgeschafft wurde, nach der Eurovision-Beiträge ausschließlich in der Landessprache gesungen werden dürfen, hat Dänemark fast nur noch englischsprachige Beiträge zum Wettbewerb geschickt.Søren Torpegaard Lund beweist mit „Før vi går hjem“ in diesem Jahr, dass sich die dänische Sprache genauso gut für Popmusik eignet. Starker Song, noch stärkerer Live-Gesang und eine gut durchdachte, energetische Bühnenchoreografie: Hier ist alles drin, was ein ESC-Song braucht. Wohl auch deshalb gehörte das Lied lange zu den Favoriten der Buchmacher. Inzwischen sind die Quoten aber etwas abgesackt, das liegt wohl am undankbaren Startplatz, bisher haben Showopener nämlich nur selten den Wettbewerb gewonnen. 04 BelgienDass Belgien sich für das Finale qualifiziert hat, war eine kleine Überraschung, Experten hatte den Song im Halbfinale eigentlich schon draußen gesehen, aber die außergewöhnliche Stimme von Essyla hat doch überzeugt. Nun darf sie auch im Finale nochmal bei "Dancing on the Ice" durch den Schneesturm schreiten. Nicht besonders aufregend, aber mit Ohrwurm-Potenzial. Michael SchnippertWer moderiert da?Die Moderatorin Victoria Swarowski, 32, und der Schauspieler Michael Ostrowski, 53, führen in Wien durch den ESC-Abend. Swarowski übernahm in den Halbfinals den seriösen Part, Ostrowski war als Klassenclown und für die Witze zuständig.Weil jetzt viel über den Startplatz gesprochen wurde: Wie viel Einfluss die Startnummer beim Wettbewerb tatsächlich darauf hat, wie gut oder schlecht ein Land beim ESC abschneidet, darüber lässt sich streiten. Fakt ist: In 70 Jahren Eurovision-Geschichte hat noch kein Land gewonnen, dass den an zweiter Stelle des Wettbewerbs aufgetreten ist. Statistisch gesehen ist die 02 die undankbarste Startnummer. Deshalb ist auch ein kleines Politikum, dass die ESC-Producer dem deutschen Beitrag "Fire" ausgerechnet diesen Platz im Wettbewerb zugewiesen haben. Die Startreihenfolge beim Song Contest wird nur teilweise ausgelost, im Lostopf befinden sich auch einige Zettel mit der Aufschrift "Producer's Choice". Wer so ein Los zieht, bekommt eine Startnummer zugewiesen, das ist ein Kniff der Produktion, um sicherzustellen, dass beispielsweise der Eröffnungssong ein Showstopper ist und nicht zu viele Balladen hintereinander gekommen. Es ist ein Wettbewerb, ja. Aber eben auch eine Fernsehshow. Sarah Engels hat nach dem ersten Halbfinale genau so ein "Producer's Choice"-Los gezogen und tritt daher nun an zweiter Stelle auf.NewsdeskVerena Mayer, WienEindrücke aus dem israelischen Fancafé in WienEine der charmanten Ideen des Stadtmarketings war es, die Wiener Kaffeehäuser zu Treffpunkten für die Teilnehmernationen zu machen. Da sollten sich dann die Fans treffen und ESC gucken können, landestypische Speisen inklusive. Das Problem: Für alle Nationen fand sich ein Café – nur nicht für Israel. Viele Café-Betreiber hatten Angst vor Protesten oder gar Ausschreitungen. Am Ende hat sich das Café Kantine im Wiener Museumsquartier bereit erklärt. In den vergangenen Tagen war es hier bereits recht voll. Israelis schauten vorbei, Wienerinnen und Wiener, die ihre Solidarität zeigen wollten oder einfach nur Leute, die unter Israel-Fähnchen einen „Jerusalem Teller“ oder den „Tel Aviv Bagel vegan“ bestellten. Auch jetzt füllt sich das Café langsam. Einige Touristen in Kostümen sind hier, eine junge Frau ist mit ihrem kleinen Sohn gekommen, sie ist vor Kurzem aus Israel nach Wien gezogen. Sie haben sich Israel-Fahnen und den blauen Stern ins Gesicht gemalt, der zum Markenzeichen des österreichischen Teilnehmers Cosmó wurde. Die Situation in Wien nehmen sie als ruhig wahr, „hier gibt es keinen Stress“. Tatsächlich verliefen die antiisraelischen Proteste in Wien ruhig und waren nicht besonders groß. Nur der Polizist vor der Tür deutet darauf hin, dass man in Wien auf alles vorbereitet sein will. Mehr ladenTickarooLive Blog Software
ESC-Finale 2026 live im Ticker: Sarah Engels singt als Zweite - und hat ein paar Wackler
Am 16. Mai steigt das große Finale des Eurovision Song Contest in Wien. Wir begleiten den Abend im Ticker und ordnen alles Wichtige ein.














