1 DänemarkDas geht ja gut los, gleich einer der Favoriten zu Beginn: Der Däne Søren Torpegaard Lund sollte sein Lied in Wien eigentlich auf Englisch singen, weil es internationaler wäre, doch er wollte nicht und folgte dem Trend. Der Siebenundzwanzigjährige von der kleinen Insel Fünen beließ es bei „Før Vi Går Hjem“ („Bevor wir nach Hause gehen“). Es geht um die Angst vor dem nächsten Tag, nach einer durchfeierten Nacht. Mit seiner Party im verrauchten Glaskasten punktet er bei Jurys und Zuschauern. Ein Sieg ist denkbar.2 DeutschlandNur ein Moment sticht heraus: Sarah Engels fällt rückwärts vom Podest in die Arme ihrer Tänzerinnen. Ein Zeichen von Empowerment! Mit „Fire“ aber wird sie nicht so weich landen. Ein Lied, wie von der KI geschrieben, der Auftritt könnte von Aserbaidschan sein – vor zehn Jahren. Damit lässt sich kein Blumentopf, geschweige denn eine gläserne Trophäe gewinnen. Singen und Tanzen können viele, doch dies ist ein Wettbewerb, bei dem man drei Minuten herausstechen muss. Diese sind schnell vergessen. Weit hinten.3 IsraelDer Mann liefert. Und dieses Jahr geht es wirklich nicht um Politik. Im Lied „Michelle“ von Noam Bettan geht es um eine verlorene Liebe und eine Frau, die nur Probleme macht. Bettan singt auf Französisch (seine Eltern sind Franzosen), Englisch und natürlich Hebräisch. Mitgeschrieben an der Popballade hat Vorjahresteilnehmerin Yuval Raphael. Schon im Halbfinale gab es Störungsversuche, das wird im Finale nicht anders sein. Der Achtundzwanzigjährige hat sich darauf vorbereitet. Top Five.4 BelgienDie Schneekönigin gibt sich die Ehre und tanzt auf (dünnem) Eis. Etwas überraschend kam Essyla mit „Dancing On The Ice“ ins Finale. Angeblich geht es auch hier um Empowerment, dass man nicht aufgeben soll, auch wenn man sich noch so allein fühlt. Sie will Liebe und tanzt dennoch auf Eis. Das ergibt wenig Sinn. An Lorde und Billie Eilish kommt die Sängerin aus Wallonisch-Brabant gesanglich nicht heran, auch wenn sie an die beiden erinnert. Zu kalt, zu spröde, zu unausgegoren. Vielleicht Platz 20.5 AlbanienMama is watching you. Da zieht sich der Alis warm an. Was die Mama stört, ist offenbar seine Sonnenbrille, die sie ihm am Ende wegnimmt. Dafür drückt sie ihm ein Amulett in die Hand. Sein „Nân“ („Mutter“) hat einen ernsten Hintergrund: Zu viele junge Albaner suchen ihr Glück im Ausland, und sie lassen ihre Mütter einsam in ihrer Heimat zurück. Der 23 Jahre alte Alis Kallaçi aus Shkodra liebt es, persönliche Geschichten in Pop zu verwandeln. Stimmig ist nur die Inszenierung nicht – sie lässt einen ratlos zurück. Vielleicht Platz 15.6 GriechenlandDen Mann im Tigerflausch mit seinen Katzenohren muss man einfach gerne haben. Akylas Mytilineos’ Lied „Ferto“ („Gib’s mir“) handelt vom Überfluss, mit dem wir leben. Er selbst weiß, was Entbehrung heißt, hielt sich als Straßenmusiker und Sänger auf Kreuzfahrtschiffen über Wasser. Nun rennt und rollt er durch eine Welt voller Luxusgüter, bis er entdeckt, dass all die Dinge, die er kauft, nur die Leere in seinem Leben füllen sollen. Lustig und laut, genau das Richtige für die Gen Z. Wird hoch gehandelt. Vielleicht Top Five.7 UkraineLeléka bedeutet „Storch“, und als Zugvogel fühlt sich auch die 35 Jahre alte Sängerin Wiktorija Leléka, die seit 2014 in Deutschland ist, aber immer wieder in ihre Heimat zurückkehrt. Dort gilt der Vogel auch als Symbol der Hoffnung. Jahr für Jahr zeigt die Ukraine beim ESC, wie es geht. Nur Schweden ist ähnlich erfolgreich wie diese geschundene Nation. Lelékas Auftritt beeindruckt vor allem, weil sie am Ende einen Ton mühelos 30 Sekunden hält und in die Höhe schraubt. Gänsehaut pur. Weit vorne.8 AustralienSpoiler-Alarm: Diese Frau wächst über sich hinaus – genauer: Sie steigt aus ihrem goldfarbenen Klavier empor. In ihrer Heimat ist Delta Goodrem ein Superstar. (Boy George war es in diesem Jahr nicht einmal für San Marino: Er schied mit Senhit in der Vorrunde aus.) Goodrems „Eclipse“ ist nicht viel mehr oder weniger als ein gutes Poplied. Die Stimme der Einundvierzigjährigen aus Sydney macht den Unterschied. Da darf man ruhig abheben, in höchste Sphären. Der Funkenregen tut sein Übriges. Top drei.9 SerbienEs wird kreatürlich: Willkommen im Reich der Untoten, die im Regen stehen! Die Metalband aus Niš lässt kein Klischee aus. Zum Schluss geht auch noch der Mikrofonständer in Schwertform in Flammen auf. Wer es hart mag, wird Lavina mögen. Der Mann mit der Ein-Hand-Kralle durchlebt in dem serbischen Lied „Kraj mene“ („Neben mir“) eine einseitige Liebesgeschichte, die mit einem verstörenden Gebrüll endet. Das ist kaum zu ertragen und nichts für schwache Nerven. Platz 20.10 MaltaAidan Cassar hat sich schon mehrfach für den ESC beworben, in diesem Jahr gleich mit zehn eigenen Liedern. Nun steht der selbst ernannte Cowboy von der Insel mit seiner wunderschönen Ballade „Bella“ sogar im Finale. Das erste Mal seit 54 Jahren wird bei einem ESC auch wieder auf Maltesisch gesungen, was den Sechsundzwanzigjährigen besonders stolz macht, wie er erzählt. Sein Lied könnte aus den Dreißiger- oder Vierzigerjahren sein. Tolle Stimme, tolle Ausstrahlung, vielleicht Platz zehn. Dabeisein war alles!11 Tschechische RepublikEr kann von sich gar nicht genug bekommen: Daniel Žižka steht am Scheideweg („Crossroads“), ohne die Mama und eine Karte findet das undankbare Kind aus seinem goldenen Käfig nicht mehr hinaus. Der 23 Jahre alte Mann aus Prag, der Musical studiert hat, beginnt leise und steigert sich dann, unweigerlich denkt man an den Niederländer Duncan Laurence und seinen Siegertitel „Arcade“ von 2019, der aber viel besser war. Weniger Filmmusik, mehr Ballade. Mit Glück Platz 15.12 BulgarienVerhaltensauffällig würde man diesen Stuhlkreis schon nennen dürfen, die fünf, die da – sitzend – wild im Takt zappeln. „Bangaranga“ ist aus dem jamaikanischen Kreolischen abgeleitet und bedeutet Unruhe oder Aufruhr, Darina Nikolaewa Jotowa, wie Dara eigentlich heißt, sieht sich als „Unruhestifterin“. Sie ist Engel, Dämon und Psycho zugleich. Es geht um Selbstbewusstsein und innere Stärke. Ihr Bangaranga hämmert sich mit Vehemenz in die Köpfe. Und da bleibt es auch. Top Ten möglich.13 KroatienWer schwebt denn da an Gandalfs Zauberstab in der Luft? Es ist die Oberdruidin von Lelek. Das Quintett hat sich der slawischen Kultur verschrieben, davon zeugen auch die (bei ihnen nur aufgemalten) Tätowierungen im Gesicht. Es sind Schutzsymbole, in ihrem Lied „Andromeda“ geht es zurück bis in die Osmanenzeit, als Mädchen und Frauen von Männern verschleppt und als Sklavinnen oder in Harems verkauft wurden. Das ist archaisch und zeitgemäß zugleich. Mit etwas Glück Platz zehn bis 15.14 Vereinigtes KönigreichEr kann bis drei zählen. Und ihn langweilt die Arbeit im Büro. Also baut er es um, aus Tischen werden Synthesizer. Sam Battle, bekannt als Look Mum No Computer, ist Electronic-Künstler. Was er nicht ist: ein guter Sänger. Er schreit mehr, als dass er singt. Sein Lied „Eins, Zwei, Drei“ sei auch auf Deutsch, weil er beruflich viel Zeit in Deutschland verbringe, sagt er. Am Sprachgemisch liegt es sicher nicht, dass er weit hinten landen wird. Was experimentell sein soll, ist höchstens Ballermann-tauglich.15 FrankreichNa, das hat doch vergangenes Jahr schon bestens geklappt. Pop mit einer kräftigen Prise Oper. Was JJ kann, kann Monroe auch, mit 17 Jahren ist sie die Jüngste in Wien. Die in Salt Lake City geborene Franko-Amerikanerin singt „Regarde!“ („Schau!“) – und sie wird es weit bringen. Auch beim ESC, den Präsident Emmanuel Macron angeblich endlich gewinnen möchte. Monroe (Vata Rigby) inszeniert sich wie eine moderne Marie-Antoinette. Wenn sie nicht Kopf und Nerven verliert, sicher ein Top-Ten-Platz.16 MoldauSind es Cheerleader, oder ist es doch eher eine Volkstanzgruppe? Auf jeden Fall reißen sie mit ihrer Begeisterung alle mit. Die kleine Republik ist wieder da, nachdem sie sich im Januar 2025 plötzlich zurückgezogen hatte. Es war ein kurzer Aussetzer oder wie Vlad Sabajuc, der sich Satoshi nennt, weil er Sushi und Manga liebt, in „Viva, Moldova!“ singt: „Moldova is on duty!“ Dazu trägt er stolz auf seinem T-Shirt die „373“ – die internationale Telefonvorwahl des Landes. Lebensfreude pur! Platz zehn.17 FinnlandEindeutig ein Kandidat für Platz eins. Die ungestüme Linda Lampenius spielt virtuos auf ihrer kostbaren Geige, und das auch noch live. Eine Sensation, weil die Musik sonst vom Band kommt. Sänger Pete Parkkonen singt auf Finnisch das von beiden mitgeschriebene „Liekinheitin“ („Flammenwerfer“), eine poppige Power-Ballade. Es geht um eine Liebe, die zu nichts führt. Nichts gewesen außer Leidenschaft, bis hin zur Ekstase, die am Ende in Flammen aufgeht. Falls die Violinsaiten nicht reißen, sicher Top drei.18 PolenAntreten zum Gebet: Gar nicht so einfach auf einer schiefen Ebene. Aber Alicja Szemplińska war schon einmal für Polen ausgewählt worden, 2020 als der ESC wegen Corona in Rotterdam abgesagt werden musste. Nun bekommt sie ihre zweite Chance und nutzt sie mit dem kraftvollen Gospelsong „Pray“ („Beten“). Ihr Einzug ins Finale war keine Selbstverständlichkeit, die Vierundzwanzigjährige aus Ciechanów trat aber im balladenärmeren ersten Halbfinale an. Davon gibt es nun reichlich im Finale. Weiter hinten.19 LitauenAuch den Mann aus Silber oder in Silber hatte niemand auf der Rechnung. Er stellt einen Roboter dar, zwei Stunden dauert es, seinen Körper komplett zu bemalen. Tomas Alenčikas, der sich Lion Ceccah nennt, stammt aus Vilnius und wird zu den Begründern der Drag-Szene in seinem Land gezählt. In seinem mehrsprachigen Lied „Sólo quiero más“ („Ich will nur mehr“) geht es um den Hunger nach mehr. Sehr exzentrisch, sehr düster, eindeutig Nischenprogramm. Platz 15 bis 20.20 SchwedenWas wäre ein Finale ohne die Popnation Europas? Felicia Eriksson hat 2024 schon die schwedische Version von „The Masked Singer“ gewonnen, ohne Gesichtsschutz über Mund oder Augen tritt sie privat auch nicht auf. Er soll der Sängerin, die unter einer Angststörung leidet, emotionale Sicherheit geben. Bei ihrer Dance-Popnummer „My System“ wummern elektronische Beats zu einer ausgeklügelten Lasershow. Nach dem Halbfinale aber wachte sie morgens ohne Stimme auf. Mit kann sie es auf Platz zehn schaffen.21 ZypernBalla, Balla. Ach, nee: Jalla, Jalla. Was sollte man sonst auch erwarten, orientalisch angehauchter Pop von der Insel, mit viel Hüftschwung und Walla-Walla-Mähne. Wenn das Shakira sieht. Klar kommt das im Mittelmeerraum gut an, je östlicher, desto besser. Und klar wird das Lied „Jalla“ auch punkten. Allerdings nicht so sehr, wie es sich manche wünschen würden. Antigoni wurde in London geboren, sie hat aber auch einen zyprischen Pass. Inselerfahrung sammelte sie aber bisher vor allem in der Dating-Show „Love Island“.22 ItalienDieser Mann im weißen Anzug und mit den pechschwarzen Haaren sieht wie ein Heiratsschwindler aus. Sal Da Vinci aber geht es um die „universelle Liebe“, ums Jawort, für immer („Per Sempre Sì“). Dafür muss sich der Bräutigam auf der Bühne erst zurechtmachen, die Braut wartet im Hintergrund. Besiegelt wird das Happy End mit Kuss und Ring. Das ist beschwingtes Italo-Pop-Theater mit einem Refrain auf Neapolitanisch. Der Sanremo-Gewinner, seit 34 Jahren glücklich verheiratet, ist für jede Überraschung gut.23 NorwegenWas ein Absturz: Lange wurde Jonas Lovv hoch gehandelt, doch inzwischen liegt er bei den Wettbüros unter „ferner liefen“. Er ist der einzige Teilnehmer in diesem Jahr, der von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) verwarnt wurde, weil sein Auftritt „zu sexy“ war. Bitte kein Lecken und zu offensichtliches Sich-Reiben an Bühnenequipment! Der Mann, der bürgerlich Jonas Lovv Hellesøy heißt, macht Rockmusik und sich in seinem „Ya, Ya, Ya“ Gedanken über die Liebe. „Baby, I’m an animal.“ Dank EBU nicht mehr so sehr! Platz 15 bis 20.24 RumänienNoch so ein Lied voller sexueller Konnotationen: Alexandra Căpitănescu möchte gerne geliebt und gewürgt werden, aber nur ein bisschen, gerade so, dass es Ausdruck von wahrer Leidenschaft sein könnte und ihr die Luft wegbleibt. Das ist in diesen Zeiten nicht gerade zeitgemäß, kommt aber erstaunlich gut an. Dabei singt die Zweiundzwanzigjährige aus Galați ihr „Choke Me“ („Würg mich“) sogar auf Englisch (siehe Dänemark). Sie selbst will mit ihrer Empowerment-Rock-Hymne dazu ermutigen, Gefühle offenzulegen. Ist klar! Platz fünf bis zehn.25 ÖsterreichKein Bart wie Conchita Wurst, dafür ein blauer Stern ums Auge. Das ist das Markenzeichen von Cosmó, der gleich noch einen neuen Tanz erfunden hat – zu seinem Lied „Tanzschein“. Zu sagen, nach einem Sieg wollten Länder nicht noch einmal gewinnen, darum wählten sie gleich Verlierer aus, wird Benjamin Gedeon nicht gerecht. Der 19 Jahre alte Zahnmedizinstudent erinnert an Falco und dessen artifiziellen Stil. „Hab’n Sie einen Tanzschein?“ Ich schon! Hoffentlich mindestens Platz 15.
Wer hat die besten Chancen beim ESC? Alle Kandidaten im Überblick
Es müsste viel passieren, dass das finnische Duo Linda Lampenius & Pete Parkkonen beim ESC nicht gewinnt. Aber auch Australien, Griechenland, Israel und Dänemark lauern. Sicher ist nur: Deutschland landet weit hinten.













