PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenAutonomes FahrenDer Busverkehr der Zukunft braucht keine FahrerVon Stefan LaurinStand: 07:50 UhrLesedauer: 5 MinutenModellversuche gibt es bereits: Hier ein Foto aus Mecklenburg-VorpommernQuelle: Jens Büttner/dpaBusse, die selbstständig ohne Fahrer unterwegs sind, könnten den Nahverkehr besser und preiswerter machen. Ein NRW-Landkreis will das schon in wenigen Jahren in die Realität umsetzen.Es gibt sie in allen Ausführungen: mal mit einem lustigen Spruch auf den Lippen, mal muffelig und patzig, aber meist mit stoischer Gelassenheit ausgestattet und sicher. So lenken Busfahrer ihre bis zu 20 Meter langen Gefährte durch den Verkehr. Sie ertragen lärmende Kinder, singende Fußballfans und schnarchende Betrunkene und sorgen dafür, dass jeden Tag Millionen Menschen mal mehr, mal weniger pünktlich ihr Ziel erreichen. So langsam wird es allerdings Zeit, sich von den Männern und Frauen an den großen Lenkrädern zu verabschieden. Zumindest ein großer Teil von ihnen könnte in den kommenden Jahren nach und nach ersetzt werden, denn immer häufiger wird Künstliche Intelligenz die Busse steuern.Wie diese Zukunft aussieht, wird man sich vielleicht schon bald im Rhein-Erft-Kreis anschauen können. Dessen Verkehrsgesellschaft REVG plant ab 2029 bis zu 100 autonom fahrende Kleinbusse auf verschiedenen Linien einzusetzen. Bis Ende des Jahres soll nach einer europaweiten Ausschreibung ein Bushersteller ausgewählt werden, dessen Fahrzeuge dann zwei Jahre lang autonom, aber noch mit einem Sicherheitsfahrer an Bord, die Strecken im Kreis befahren. Dabei wird das System trainiert und lernt die Straßen, das Wetter und auftretende Probleme kennen. Erst wenn diese Phase abgeschlossen ist, könnten autonom fahrende Busse zum Alltag im Rhein-Erft-Kreis gehören.Sie werden nur auf den Strecken verkehren, für die sie trainiert wurden, und auch dann werden in einer Zentrale noch Menschen sitzen, die die Busflotte überwachen. Jeder von ihnen wird mehr als einen Bus im Blick behalten und eingreifen, wenn ein Trecker eine Spur blockiert und der Bus sich, an die Regeln haltend, nicht über die durchgezogene Linie bewegt. Das wird ihm dann via Fernkommando ausnahmsweise erlaubt.Lesen Sie auchFestgelegte Strecken und eine Zentrale, die den Überblick behält, sind weltweit Standard. Auch bei den autonomen Taxis der Google-Tochter Waymo in San Francisco ist das nicht anders. Rechtlich ist das kein Problem: In Deutschland ist der Einsatz solcher Fahrzeuge nach einem Zulassungsverfahren erlaubt. Auch Metropolen wie Hamburg oder Berlin haben sich auf den Weg gemacht. Für Walter Reinarz, Geschäftsführer der REVG, gibt es mehrere gute Gründe, auf die Roboterbusse zu setzen: „Bei uns werden in den nächsten Jahren 25 Prozent der Mitarbeiter ausscheiden. Gleichzeitig haben wir wirtschaftliche Gründe, weil wir zu bestimmten Zeiten nicht überall Fahrzeuge für ein bis drei Personen anbieten können.“ Dann würden autonome Fahrzeuge eingesetzt, die deutlich günstiger als herkömmliche sein werden. Denn der Fahrer verursacht mehr als die Hälfte der Kosten.Doch es hängt nicht nur an den Busherstellern und der REVG, wie schnell die mobile Zukunft im Rheinland Wirklichkeit wird: Autonome Busse brauchen ein exzellentes 5G-Netz, das es längst nicht überall gibt. Auch dort, wo auf dem Display des Smartphones 5G erscheint, kann die Qualität unzureichend sein. Und die Busse brauchen Strom – und das nicht nur für den Antrieb: Die Computer, die den Bus autonom fahren lassen, haben selbst einen hohen Energieverbrauch. Der Betriebshof wird einen neuen Anschluss an das Netz benötigen, doch das ist heute schon überlastet.Das Institut für Verkehrssystemtechnik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt unterstreicht in einer in diesem Jahr veröffentlichten Studie Reinarz’ Einschätzung. Es empfiehlt neben dem Einsatz autonomer Busse auch selbstfahrende Schienenfahrzeuge, die auf bisher noch stillgelegten Strecken eingesetzt werden sollen. „Der Weiterentwicklung des ÖPNV und einer Teilautomatisierung fällt eine entscheidende Rolle für die Gestaltung eines wirtschaftlichen und vor allem resilienten Mobilitätssystems in Deutschland zu“, schreiben die Wissenschaftler.Bedarf bestehe vor allem im ländlichen Raum, wo das Schienennetz über viele Jahrzehnte oft ausgedünnt wurde und das öffentliche Verkehrsangebot häufig nicht über den Schülerverkehr hinausreiche. Gleichzeitig verhinderten hohe Betriebskosten und fehlendes Personal einen Ausbau klassischer Linienverkehre mit festen Fahrplänen. Hier könnten autonome Systeme Abhilfe schaffen und nicht nur dabei helfen, den Nahverkehr aufrechtzuerhalten, sondern ihn sogar zu erweitern.Ein Experte nennt einen Zeitraum von zehn JahrenBis autonome Busse Alltag werden, wird es noch etwas dauern, sagt Torsten Bertram, Professor am Institut für Roboterforschung der Technischen Universität Dortmund: „Ein regulärer Betrieb autonomer Busse im öffentlichen Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen in breiter Anwendung erscheint erst mittelfristig, also in etwa zehn Jahren, realistisch.“Doch das ist nicht viel Zeit: Das Thema sei bei den Verkehrsunternehmen und den Aufgabenträgern – in Nordrhein-Westfalen sind das die Städte und Kreise – kaum präsent, obwohl sie jetzt die Weichen stellen müssten, sagt Gernot Liedtke, Professor am DLR-Institut für Verkehrsforschung. „Wenn man in fünf oder zehn Jahren autonome Buslinien haben will, muss man sie schon heute planen und ausschreiben.“Die Technologien für automatisierte Fahrzeuge entwickelten sich rasant, auch getrieben durch internationale Tech-Konzerne. „In Deutschland ist die Haltung derzeit oft: Wir warten noch ein paar Jahre und kaufen dann ausgereifte Systeme aus den USA oder anderen Märkten.“ Das entspreche der Logik der Digitalwirtschaft: Software und KI ließen sich schnell skalieren und global einsetzen. „Allerdings stellt sich die industriepolitische Frage, wie stark deutsche Unternehmen an dieser Entwicklung beteiligt sein sollen.“Das sei auch eine Souveränitätsfrage: „Aufgabenträger, Unternehmen und Kommunen sollten sich so aufstellen, dass sie neue Technologien schnell integrieren können.“ Es sei sinnvoll, nicht abzuwarten, sondern die Entwicklung aktiv mitzugestalten, um unabhängig Kompetenzen und Erfahrungen mit neuen Technologien zu sammeln und die daraus entstehenden Potenziale gewinnbringend in das Gesamtsystem ÖPNV zu integrieren.Und das betrifft nicht nur Busse, sagt Holger Hoos, Informatikprofessor an der RWTH Aachen und einer der bekanntesten KI-Experten Deutschlands: „Ich erwarte beim autonomen Transport zunächst vor allem automatisierte U-Bahnen, wie es sie etwa in Paris oder Vancouver bereits gibt. Das funktioniert beeindruckend effizient und unfallfrei.“Autonom fahrende Busse hält Holger Hoos für eine erfolgversprechende Möglichkeit, wenn sie in klar begrenzten Bereichen eingesetzt werden. „Das wird nicht überall funktionieren, weil man eine gute Verbindung zu den Fahrzeugen braucht. Aber es gibt genügend Umgebungen, in denen sich das gewährleisten lässt und in denen man dann auch tatsächliche Vorteile hat.“Doch die ganz großen Durchbrüche erwartet der Aachener Professor im Luft- und Seeverkehr: „Das sind beides relativ stark kontrollierte Umgebungen. Außerdem sind kleine Ungenauigkeiten dort weit weniger dramatisch als etwa auf einer Autobahn oder in einer Innenstadt.“ Zeit also, sich langsam nicht nur vom Busfahrer, sondern oftmals auch vom Kapitän und Piloten zu verabschieden.
Autonomes Fahren: Der Busverkehr der Zukunft braucht keine Fahrer - WELT
Busse, die selbstständig ohne Fahrer unterwegs sind, könnten den Nahverkehr besser und preiswerter machen. Ein NRW-Landkreis will das schon in wenigen Jahren in die Realität umsetzen.







