Die Welt von Harvey Weinstein ist klein geworden. Er sitzt im Rollstuhl, seine Familie hat sich von ihm abgewandt. Seit sechs Jahren spielt sich das Leben des einstigen Starproduzenten zwischen Gefängnissen und Gerichtssälen ab. Ganz groß ist dagegen noch immer sein Selbstbewusstsein, man kann auch von Größenwahn sprechen. „Es wird bewiesen werden, dass ich unschuldig bin. Das verspreche ich dir“, sagte er einem Journalisten des Fachblatts Hollywood Reporter, der ihn im Januar in der berüchtigten New Yorker Haftanstalt Rikers Island traf, wo Weinstein einsitzt.Es war das erste große Interview, das der 74-Jährige hinter Gittern gewährte. Reue oder Verantwortung für die sexuellen Übergriffe, die ihm mehr als 80 Frauen vorwerfen, zeigte er darin nicht. Er habe sich ihnen gegenüber zwar aufdringlich verhalten, gab Weinstein zu, aber nie Grenzen überschritten. Den meisten Frauen ginge es ums Geld, behauptete er, viele hätten einen Scheck von ihm bekommen.Die Geschworenen konnten sich nicht einigen, ob sie Weinstein für schuldig befinden solltenEs ist fast neun Jahre her, dass die Vorwürfe gegen Weinstein die „Me too“-Bewegung lostraten. Überall auf der Welt haben Frauen seitdem öffentlich gemacht, was einflussreiche Männer ihnen angetan haben sollen. Die Berichte haben verändert, wie über Machtgefälle, Beziehungen und strukturellen Sexismus geredet wird. Für einige der mutmaßlichen Täter bedeuteten die Enthüllungen das Karriereende. Die juristische Aufarbeitung von „Me too“ dagegen erweist sich als komplexer, sie dauert bis heute an.Kein Fall zeigt das so deutlich wie der von Harvey Weinstein. Zwei Monate, nachdem das Gefängnisinterview mit ihm erschienen war, ist in New York erneut ein Vergewaltigungsprozess gegen ihn geplatzt. Die Geschworenen konnten sich nicht einigen, ob sie Weinstein für schuldig oder unschuldig befinden sollten. Der Richter Curtis Farber erklärte das Verfahren am Freitag deshalb für gescheitert.Die ehemalige Schauspielerin Jessica Mann hatte Weinstein vorgeworfen, sie im März 2013 in einem Hotelzimmer in Manhattan vergewaltigt zu haben. Vor Gericht hatte Mann laut Medienberichten von ihrer Beziehung zu dem Produzenten erzählt, die sich über vier Jahre erstreckte und teilweise einvernehmlich war. Die damals 27-Jährige lernte den deutlich älteren Weinstein kennen, als sie gerade nach Los Angeles gezogen war, um Schauspielerin zu werden. Der Gründer der Produktionsfirma Miramax habe sie gedrängt, ihm eine Massage zu geben und sie seinen Einfluss in Hollywood spüren lassen, sagte die heute 40-Jährige vor Gericht. Eines Nachts habe er sie in sein Hotelzimmer gebeten und vergewaltigt.Weinstein hatte für den Prozess ein neues Verteidigerteam engagiert. Die Anwälte Marc Agnifilo und Teny Geragos haben vor einem Jahr schon den Rapper Sean „P. Diddy“ Combs in seinem Prozess wegen Sexhandels vor einer lebenslangen Haftstrafe bewahrt. Nun präsentierten sie vor Gericht eine Notiz, die Mann verfasste, wenige Tage, nachdem Weinstein sie vergewaltigt haben soll. Sie habe sich „emotional an jemanden gebunden“ schrieb sie darin.Mann habe sich nach seiner Ansicht in Widersprüche verstrickt, sagte ein Geschworener nach dem gescheiterten Prozess den anwesenden Reportern. So hätten es auch mehrere seiner Kollegen gesehen. Von den zwölf Geschworenen sollen neun für einen Freispruch Weinsteins plädiert haben, drei sollen ihn für schuldig befunden haben. Trotz mehr als zweitägiger Beratungen kamen die acht Männer und vier Frauen nicht überein. Der geplatzte Prozess schmälere in „keiner Weise die Wahrheit, die ich erzählt habe und die Gewaltverbrechen, die Harvey Weinstein an mir und so vielen anderen begangen hat“, schrieb Jessica Mann in einem Statement.Es ist schon das zweite Mal, das ein Prozess gegen Weinstein platzt. 2020 wurde Weinstein der Vergewaltigung von Jessica Mann schuldig gesprochen. Das Urteil wurde jedoch wegen Verfahrensfehlern aufgehoben. 2025 wurde der Prozess neu aufgerollt, neben Mann traten noch zwei weitere mutmaßliche Opfer von Weinstein als Zeuginnen auf. Die Geschworenen sprachen ihn in einem Anklagepunkt schuldig, in einem frei. Über die von Mann erhobenen Vorwürfe konnten sie sich schon damals nicht einigen.Parallel zum New Yorker Verfahren hatte ihn ein Gericht in Los Angeles 2022 wegen Vergewaltigung zu 16 Jahren Haft verurteilt. Weinsteins Anwälte haben die Entscheidung angefochten.