Gelassenheit ist ein erstrebenswertes Ziel. Aber wie zum Geier erreicht man sie?Wer gelassen ist, hat einen entspannten Umgang mit dem Auf und Ab der Gefühle und findet Ruhe in turbulenten Zeiten. Was Gelassenheit von Gleichgültigkeit unterscheidet und wie man dorthin findet.Nadine Zeller26.06.2025, 05.30 Uhr6 LeseminutenGelassen auf dem Fluss des Lebens zu treiben, das kann mit einiger Anstrengung gelingen.Sean Gallup / GettyDas Handy blinkt, pingt und ringt. Irgendwo tobt ein Krieg. Irgendein Promi hat sich von seinem Partner getrennt. Vielleicht poppt auch noch eine emotional aufwühlende Nachricht des Ex-Partners auf. Wir swipen, scrollen und klicken uns auf dem Smartphone durch unsere persönlichen Krisen und die Probleme dieser Welt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Manchen wird das zu viel. Und so wächst im Zeitalter der Reizüberflutung die Sehnsucht nach einer inneren Haltung, die schon in der Antike als Tugend galt. Einer Haltung, die Ruhe und Klarheit verspricht. Die Rede ist von Gelassenheit: Seit je gilt sie als Kernkompetenz im Umgang mit den Herausforderungen des Lebens. Und seit einiger Zeit ist sie die Must-have-Emotion im Ratgeberregal. Aber was ist das eigentlich, und wie kommt man dahin?Gelassenheit. Nicht zu verwechseln mit Zufriedenheit. Auch nicht mit Gleichgültigkeit. «Gelassenheit kommt von lassen», sagt der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid. Der Vater von vier Kindern lebt in Berlin und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Grundlagen und Voraussetzungen eines gelassenen Lebens, auch als Buchautor.Der Mensch ist nicht so frei, wie er meintMit Gelassenheit sei auch gemeint, Erwartungen nicht zu genügen, sie ziehen zu lassen. «Viele Menschen wünschen sich ein Leben frei von Schmerz, Konflikten und Zumutungen», sagt Schmid. Es bestehe aber kein Anspruch auf ein Leben ohne Leid. Dies zu akzeptieren, falle vielen Menschen schwer, da ihr Denken von einer Autonomie-Ideologie beherrscht sei. Der Vorstellung also, dass der Mensch völlig frei sei in seinem Tun und Handeln. Selbstbestimmt und unabhängig. Das entspräche aber nicht der Lebensrealität.Eine Spurensuche im Internet lässt erahnen, worauf Schmid abzielt. Auf Youtube, Tiktok und Co. gehen Videos viral mit Titeln wie: «Du bist verantwortlich für dein Glück», «Alle Regeln brechen – so habe ich mich befreit», «Warum ich niemandem mehr Rechenschaft schulde – radikale Selbstbestimmung». Im Kontext von Selbsthilfe, Persönlichkeitsentwicklung oder Lebensveränderung appellieren Coaches und Influencer an die Eigenverantwortung des modernen Menschen.Verantwortung für sein Leben zu übernehmen – dafür plädiert auch Wilhelm Schmid. Für ihn bedeutet Eigenverantwortung jedoch auch zu akzeptieren, dass wir Menschen uns in Abhängigkeiten befinden und Begrenzungen erleben. Das betrifft nicht nur geopolitische Entwicklungen, sondern auch das persönliche Leben. Wer sich beispielsweise von einem Partner trennt, kann wenig dagegen ausrichten, wenn der daraufhin aus Wut Konflikte provoziert, Entscheidungen in Bezug auf das gemeinsame Kind sabotiert und dieses aufhetzt. Das Verhalten des anderen schmerzt und ist schwer auszuhalten. Manchmal muss man aber genau das tun.Menschen erleben derlei Situationen als Kontrollverlust. Sich dagegen aufzulehnen, kostet Energie. Wer diese aufbringt – und beispielsweise das Gespräch mit dem Ex-Partner sucht–, probiert die Situation zum Positiven zu verändern. Doch es kann sein, dass es nicht das gewünschte Resultat bringt. Dann gilt es, die heftigen Gefühle von Ohnmacht, Wut, Schuld oder Scham auszuhalten.Akzeptanz hilft, gelassen zu bleibenWas dann hilft: Gelassenheit. «Das bedeutet nicht, widerstandslos alle Umstände über sich ergehen zu lassen», sagt Wilhelm Schmid. Aber zum gegebenen Zeitpunkt hilft diese Haltung, zu akzeptieren, dass Gespräche scheitern können, Argumente nicht fruchten und sogar Gerichtsprozesse nicht immer Gerechtigkeit bringen.«Es gibt Dinge im Leben, die wir nicht ändern können», sagt Wilhelm Schmid. Momente, in denen alle Möglichkeiten ausgeschöpft seien. Wer dies leugnet, verkennt – aus Sicht des Philosophen –, dass der Mensch nicht alles beeinflussen kann.Der Gedanke ist keineswegs neu. Die Wurzeln dieser Haltung reichen bis in die Antike zurück – vor allem in die Philosophie der Stoa. Der Stoizismus, der im antiken Griechenland entstand, war eine Denkschule, die genau diese Unterscheidung betonte. Manches lässt sich kontrollieren, aber eben nicht alles: Das Verhalten anderer Menschen, deren Meinung über uns, Krankheiten – all das unterliegt nur bedingt unserem Einfluss. Was sich hingegen beeinflussen lässt, ist die eigene Haltung dazu. Die Stoiker – etwa Seneca, Epiktet und Mark Aurel – lehrten daher, nicht das Leben beherrschen zu wollen, sondern die eigenen Affekte.In der psychologischen Fachliteratur lautet der Begriff Emotionsregulation. Psychologinnen und Psychologen nennen so die Fähigkeit, die eigenen Gefühle gezielt zu beeinflussen. Emotionen abzuschwächen, zu verstärken oder auch bewusst aufrechtzuerhalten.Die Forschung unterscheidet eine ganze Reihe von Strategien, mit denen Menschen versuchen, ihre emotionale Reaktion auf belastende Situationen zu steuern. In seiner Übersichtsarbeit «Flexible Emotionsregulation: Theoretische Modelle und Empirische Befunde» kommt der klinische Psychologe Sven Barnow von der Universität Heidelberg zu dem Schluss: Eine der wirksamsten und zugleich alltagstauglichsten Methoden, um dieses Ziel zu erreichen, ist die Akzeptanz.Eine Haltung, die sich auch in einem alten buddhistischen Gedanken wiederfindet. Leiden entsteht nicht allein durch Schmerz, sondern durch den Widerstand, den wir ihm entgegensetzen. Oder anders ausgedrückt: Hast du ein Problem und willst es nicht haben, hast du gleich zwei.Wie Achtsamkeit zur Gelassenheit beiträgtDie Gelassenheit hat bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren, und der Weg zu ihr kann über Achtsamkeit führen. Diese hat ihren Ursprung in der buddhistischen Lehre, deren Elemente bereits Mitte der siebziger Jahre ihren Weg in die Psychotherapie gefunden haben.In der Achtsamkeit geht es keineswegs um dauernde Tiefenentspannung, Räucherstäbchenromantik oder das Wegatmen negativer Gefühle. Achtsamkeit bedeutet vielmehr, den gegenwärtigen Moment bewusst, aufmerksam und ohne Wertung wahrzunehmen.Viele psychosomatische Kliniken arbeiten mittlerweile mit Übungen der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (kurz: MBSR – mindfulness-based stress reduction). MBSR basiert auf der buddhistischen Achtsamkeitspraxis und ist wissenschaftlich gut untersucht. Sie hilft gegen Stress, Angst, Depression und chronische Schmerzen. MBSR ersetzt bei schweren Störungen und Krisen zwar keine Psychotherapie, kann diese aber sinnvoll ergänzen, ähnlich wie Sport oder Entspannungstherapie.In MBSR-Kursen lernen Teilnehmer, die eigenen Gedanken mit Abstand zu beobachten. Wenn man sich dabei ertappt, dass man gedanklich abschweift, sagt die eigene innere Stimme womöglich: «Heute bin ich wieder unkonzentriert.» Darin schwingt eine Wertung mit – beispielsweise «Ich bin wieder faul und undiszipliniert». Wäre der Gedanke eine pure Beobachtung ohne Wertung, ginge der Satz so: «Ich bemerke, dass mein Geist abschweift.»Solch eine gelassene und beobachtende Haltung hat zwei Vorteile. Sie verschafft inneren Abstand zu Gedanken und Gefühlen. Und lässt uns begreifen, dass wir unsere eigenen Gedanken und Wertungen hinterfragen dürfen. Zu dieser Haltung gehört auch die Akzeptanz, dass man sich mal ängstlich oder wütend fühlt. Wer solchen Gefühlen mit Widerstand begegne, setze sich unter Druck und verstärke unangenehme Emotionen, sagt der Psychologe Sven Barlow.Erlauben wir uns hingegen, zu fühlen, was wir fühlen, sei es nicht notwendig, Emotionen zu unterdrücken. Gelassen zu sein, bedeutet also nicht, einen Zustand der tiefenentspannten Dauerzufriedenheit anzustreben. Sondern eine entspannte Haltung zum Auf und Ab der Gefühle zu kultivieren.Das kann über einen spirituellen Weg der Achtsamkeit passieren – mit buddhistischem Überbau – oder über einen wissenschaftsbasierten, psychologisch geprägten Zugang zu unseren Gefühlen. Beide Herangehensweisen nehmen dieselben Ziele in den Fokus. Erstens sensibilisieren sie dafür, dass Gefühle wie Wut, Enttäuschung und Verzweiflung kommen und gehen. Und zweitens verdeutlichen beide Anschauungen, dass Hoffnungen, Erwartungen und feste Vorstellungen zu unserem Leid beitragen. Gelassenheit bedeutet auch, Hoffnungen ziehen zu lassen.Gelassenheit ist ein innerer KraftaktWas einfach klingt, ist in Wahrheit ein innerer Kraftakt. Denn Hoffnung ist selten bloss ein Gedanke. Sie ist oft eng verwoben mit Wünschen nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Liebe, Gesehenwerden. Viele Menschen warten und hoffen ihr Leben lang auf liebevollere Eltern, einen verständnisvolleren Partner, einen reiferen Chef, ein schmerzfreies Leben oder leibliche Kinder. Und erleben immer wieder Enttäuschungen.Es bleibt dann die Frage: Was soll ich jetzt noch tun? Die Antwort lautet manchmal: nichts.Auch wenn sich Gelassenheit in einer äusserlich ruhigen und zurückgelehnten Haltung zeigen kann, stellt sie im Kern doch etwas anderes dar. Gelassenheit ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit. Gelassenheit bedeutet, den Mut aufzubringen, zu erkennen, was wir nicht bekommen haben und vielleicht nie bekommen werden. Dies zu betrauern und dann langsam ziehen zu lassen, verschafft Freiheit – um selbst innerlich weiterziehen zu können.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Warum Gelassenheit ein innerer Kraftakt ist – aber lohnenswert
Warum Gelassenheit etwas völlig anderes ist als Gleichgültigkeit oder Zufriedenheit und wie man sie erreicht.






