Es war blau. Ein Freund hatte das gleiche Modell, auch in Blau, vielleicht lag es aber daran, dass ich gerade nach Hamburg gezogen war, was ja die Hauptstadt von Blau in allen Schattierungen ist: Jedenfalls wollte ich auch so eins. Siemens M35. Mein erstes Handy. In einer inzwischen 25 Jahre langen Reihe von Geräten. Sie begann am 4. Januar 2001 in der Ottenser Hauptstraße, nicht weit vom Bahnhof Altona, in einer Filiale von Interkom.Ich weiß dieses Datum deswegen so genau, weil der Vertrag hier vor mir liegt. Ich habe ihn nie gekündigt. Ich weiß auch noch, wie ich damals, nach Vertragsabschluss, in einer Mischung aus Aufregung und Stolz in einem Café um die Ecke von der Filiale saß und mit dem Gerät die erste SMS in meinem Leben verschickt habe. Ich weiß nur nicht mehr, was drinstand und an wen sie ging. Meine damalige Freundin hatte zwar schon länger ein Handy, aber das lag meist ausgeschaltet herum. Vielleicht ging die erste Nachricht also an den Besitzer des anderen blauen Handys, mit dem ich gerade zusammengezogen war.
Unsere gemeinsame Adresse steht auch im Vertrag: Münsterstraße, 22529 Hamburg. Wie viele andere Menschen kannte ich damals noch, die auch ein Handy besaßen? Ich selbst war spät dran. Ein Donnerstagnachmittag im Winter vor 25 Jahren. Es ist so lange her, dass der Vertrag mit Interkom nach „Reisepaß“ und „Adreßnachweis“ fragt.Prähistorisch und perfekt für heute gleichzeitigEine Rechtschreibreform, 25 Jahre und viele, viele Debatten um das Internet später wirkt mein blaues Siemens M35 heute gleichzeitig prähistorisch und wie das perfekte Gerät für die jetzige Zeit. Zugeschnitten auf die unterschiedlichen Bedürfnisse unserer Gegenwart, die kulturell und politisch geprägt ist vom technologisierten Leben, wie es sich in diesem Vierteljahrhundert immer weiter entwickelt und Konflikte hervorgebracht hat, die es vorher so noch nicht gegeben hatte.Ein Gerät wie aus den Wunschträumen von Menschen, die digital detox machen wollen, weil sie nicht mehr vom Doomscrollen loskommen. Wie aus dem Programm von Parteien, die ein Social-Media-Verbot fordern, um Kinder und Jugendliche vor den Auswirkungen von zu langer Bildschirmzeit zu schützen. Und um den polarisierten politischen Diskurs wieder zu zivilisieren.Es ging gar nichts – außer TelefonierenDenn mein Handy aus dem Jahr 2001 konnte: gar nichts. Außer Telefonieren. Und Nachrichten verschicken. Und auch das nur begrenzt.Es konnte nichts abspielen, weder zum Hören noch zum Sehen, nichts posten, nichts retweeten, nichts verlinken. Nichts Liken. Nichts haten. Nichts blockieren. Nichts deepfaken. Es konnte keine Fotostrecken von der Met Gala zeigen, es konnte keinen Text über den neuen Referentenentwurf zum Gebäudeenergiegesetz kommentieren, das Ausscheiden des FC Bayern aus der Champions League nicht streamen, nicht den Podcast von Amy Poehler mit Billie Eilish laden. Es wusste gar nicht, was Podcasts überhaupt sind. Oder Streams. Es kannte auch keine Memes. Ich kannte das alles auch nicht, es gab weder die Wörter noch die Technologien dafür. Und mein Handy von 2001 konnte auch keine Fotos machen.Hat die Gen X in den 1990er Jahren freier gelebt?Vor ein paar Wochen ist die amerikanische Filmregisseurin Sophia Coppola in einem Interview nach den 1990er-Jahren gefragt worden: Ob sie sich nach ihnen zurücksehne und was dieses Jahrzehnt so anders gemacht habe? Und Sophia Coppola hat geantwortet, sinngemäß: Es war besser, wir waren freier, weil Handys noch keine Kameras hatten und nichts aufgezeichnet wurde. Als würde es die Erfahrungen dieser Jahre wahrhaftiger machen, unschuldiger, weil sie nicht direkt aufgezeichnet wurden und nur in Erinnerungen weiterleben. Als hätten sich die Menschen damals wahrhaftiger, unschuldiger durch ihre Tage bewegt, weil sie keine Selfies machen konnten. Als hätte man unbeschwerter gelebt, weil nichts fixiert wurde.Nur echt mit abgenutzter Raute-Taste: das Siemens C 55.Janek StempelSophia Coppola gehört, wie ich, zur Generation X, die mit einem Bein im Analogen, mit dem anderen im Digitalen aufgewachsen ist, wer weiß, vielleicht hat das ihre, hat das unsere Beziehung zu technologischer Innovation lebensnaher und zugleich distanzierter gemacht. Diese digitalen Geräte waren nicht einfach da, sie kamen nach und nach, und wir waren alt genug, uns an sie zu gewöhnen, ohne die Welt zu vergessen, wie sie vorher gewesen war.Ich schaue diese Geräte heute natürlich ein bisschen sentimental an, ohne sie aber zurückhaben zu wollen, ich kann diese Handys von damals aber auch nicht einfach irgendwie ästhetisch ansprechend oder interessant finden, dafür hängt zu viel gelebtes Leben dran. Tatsächlich finde ich das monolithisch schwarze iPhone 16e, auf dem ich jetzt die Daten und Fakten des Siemens M35 für diesen Artikel gegoogelt habe, wesentlich schöner, angenehmer, kühler. Ich fand bislang noch jedes neue Handy angenehmer und schöner als das davor.Der Mond, mit dem iPhone gefilmtEs macht mich jedenfalls sentimentaler, wenn ich jetzt lese, dass die Astronautinnen und Astronauten der Artemis-II-Mission den Mond kürzlich mit einem iPhone 17 fotografiert und gefilmt haben, als sie ihn umkreisten – denn das hieße ja, dass ich vielleicht nicht zum Mond fliegen, aber ihn immerhin mit meinen eigenen Bordmitteln filmen könnte. Das All, alltäglich. Und der alltägliche Futurismus dieser Geräte.Die Tastatur vom M35 war damals noch gummiert, die #-Taste ganz unten rechts schnell ausgeleiert und eingerissen, weil man das Gerät damit steuern und ausschalten konnte. Auf der Rückseite befand sich eine Schraube aus Plastik, zum Austauschen des Akkus. Diese damals schon lustige Plastikschraube hatte ich ganz vergessen und jetzt ergoogelt – denn ich habe das blaue Handy nicht mehr, ich habe es zurückgeben müssen, als ich, gut zwei Jahre später, im April 2003 meinen Vertrag zum ersten Mal verlängerte. Und dazu ein neues Gerät bekam. Wieder eines von Siemens, wieder in Blau, Modell C55. Das Sony Ericsson W810 spielte Musik ab, konnte Fotografieren und war „wap-fähig“.Janek StempelAnfangs hießen diese Gerät noch Handys, irgendwann wurden sie dann Smartphones genannt, bekamen Touchpads, die Gummitasten verschwanden und überhaupt fast alle Tasten, inzwischen habe ich mehrere iPhones hintereinander gehabt – es sind wohl oder übel Verschleißteile geworden, nein: Sie sind von den Herstellern sogar dazu gemacht worden, indem sich manche Funktionen irgendwann nicht mehr updaten ließen (Updates kannten das C55 und auch das M35 noch keine).Wer den Preis eines künstlichen Verschleißprodukts zahltMan muss sich klarmachen, wie hoch der Preis ist, der von Mensch und Natur dafür bezahlt wird, dass man zur Nachrüstung gezwungen wird, um manche Funktionen behalten zu können, egal von welchem Hersteller, und was der Abbau Seltener Erden mit sich bringt, die in den Geräten verbaut werden, allem Recycling zum Trotz.Mit dem neuen blauen C55 konnte ich damals aber immer noch nicht mehr als telefonieren und Nachrichten verschicken. Die #-Taste rechts unten ist ebenfalls abgenutzt und schwarz angelaufen, man sprach damals noch von Raute, nicht von „Hashtag“. Diese Geräte waren auch noch nicht so kulturtechnisch präsent, als dass ihre Funktionen Diskurse geprägt oder auf den Begriff gebracht hätten (wie später bei #MeToo oder #BlackLivesMatter). Das M35 war, noch immer, vor allem, ein Telefon.Das außerirdische Rauschen eines startenden ModemsDie Geräte danach konnten dann fotografieren und Musik abspielen, immer mehr, immer besser. Mein weißes Sony Ericsson war so eins, ich habe es auch aufbewahrt, ich weiß nicht mehr, warum, vielleicht weil es das erste war, mit dem ich ins Internet gehen konnte. Es war WAP-fähig, wie man damals sagte. Ich habe den Begriff ungefähr so lange nicht mehr benutzt, wie ich das außerirdisch rauschende Startgeräusch eines Modems nicht mehr gehört habe.An diesem Mittwoch Anfang Mai 2026, an dem ich diesen Artikel zu schreiben begonnen habe, bekam ich morgens eine Pressemeldung zu Bildschirm-Zeiten bei Kindern und nachmittags eine zur positiven Kraft von sozialen Medien. So geht es hin und her. Die aktuelle Technikfolgenabschätzungsdebatte dreht sich um Künstliche Intelligenz, was ändert sich jetzt schon wieder, was wird verloren gehen, was gewonnen, wenn überhaupt?Das zweite Handy meines Lebens. Das erste hatte noch eine große Schraube.Janek StempelWie schnell sich solche Debatten und der Umgang mit ihren Schlagworten und Begriffen aber verändern, kann man auch daran erkennen, dass bis vor gar nicht so langer Zeit unter „KI“ oder „AI“ zuerst Roboter verstanden wurden und nicht, wie heute, Sprach-Bots oder Bildproduktionstools. („A.I.“, der Spielfilm von Steven Spielberg um den traurigen Kinderroboter David, kam übrigens auch vor 25 Jahren in die Kinos.) Wie man sich an neue Technologien gewöhnt und irgendwann gar nicht mehr erkennt, was sie veränderten, auch das erzählen mir meine 25 Jahre mit und am Handy.Wenn ich auf sie zurückschaue, auf die vielen Geräte, die im Laufe der Zeit kamen und gingen, die erst größer, dann flacher und danach wieder größer wurden, und wenn ich dabei aber nicht nur auf die Debatten über die intellektuellen Folgen der Digitalisierung schaue, sondern ins Bild zoome wie mit der Ziehbewegung von Zeige- und Mittelfinger, die damals, 2001, auch noch niemand kannte, dann sehe ich vor allem genau das: Handbewegungen. Daumenbewegungen. Und eine charakteristische Kopfhaltung, vorgebeugt nach unten, die zu etwas führen kann, das „Handynacken“ genannt wird und die Orthopädie beschäftigt.Der Alltag hat sich verändertIch zoome also auf die Alltagsveränderungen, die mit den Geräten gekommen sind. Dass ich keinen Wecker mehr habe. Dass ich ohne Uhr aus dem Haus laufen kann und trotzdem weiß, wie spät es ist. Dass die Zahl der Leute, die mit sich selbst zu reden scheinen, täglich zunimmt, weil sich Airpods so verbreiten, mit denen man telefonieren kann.Und apropos Aus-dem-Haus-Laufen: Vor einiger Zeit habe ich auf dem Bürgersteig meiner Straße einen jungen Menschen zu überholen versucht, der beim Gehen stockte, den Oberkörper in sich gedreht, den Kopf leicht vorgebeugt, ich wollte schnell vorbei, konnte aber nicht, und ich wurde immer genervter. Google doch zu Hause, dachte ich – aber als ich diesen Menschen dann überholte, sah ich, dass es eine junge Frau war, die in einem Buch las.Berlin, 23. April 2020: Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel checkt nach ihrer Regierungserklärung zur Corona-Pandemie ihr Handy.dpaDoch selbst das, also öffentliches In-einem-Buch-Lesen, ist dank Smartphone zum performativen Akt geworden, dessen Distinktionsgewinn nichts wäre ohne die Allgegenwart all der anderen Menschen, die am Bildschirm kleben. Man punktet damit, nicht mit Instagram vor Augen und Airpods in den Ohren in der Bahn zu sitzen, sondern mit einem Roman. Und auch daran spürt man, in welchem Ausmaß das Leben ohne diese Geräte kaum vorstellbar geworden ist.Man denkt mit ihnen, von ihnen aus, über sie nach, setzt sich selbst permanent ins Verhältnis zu ihnen, ich sollte mal das Handy weglegen, immer bist du am Handy – und wie unlösbar und sogar lustig dieser Zusammenhang sein kann, hört man zum Beispiel im Bücher-Podcast von Clemens J. Setz und Barbara Zeman: Der eine Autor kann selbst für diese Stunde Gespräch sein Handy nicht ausschalten, die andere Autorin ermahnt ihn ständig deswegen, aber zuhören kann man den beiden auch nur, weil man selbst am Handy ist.Die Geräte koordinieren selbst, wie man sich von ihnen emanzipiertInzwischen kommen diese Geräte standardmäßig mit Funktionen daher, die helfen sollen, sich von ihnen zu emanzipieren, wenn auch nur stundenweise: „Fokus finden für den Tag“ nennt beispielsweise Apple diese Einstellungen und lässt keine SMS oder Push-Nachrichten für die Dauer durch, in der sie aktiviert sind.Vielleicht ist es auch verlorene Liebesmüh, zu versuchen, einen Weg raus und weg von diesen Geräten zu finden, egal wer sie herstellt: weil es befreiend sein kann, im Bewusstsein dieser unauflöslichen Widersprüche – „Mein Handy hilft mir dabei, mich von ihm zu emanzipieren“ – zu leben, statt sich in einer Vermeidungshaltung zu verkrampfen, die auch stressen kann, weil das Leben im 21. Jahrhundert um diese Geräte herum gebaut ist und das positive Effekte hat, denkt man an die Corona-App zurück oder den inzwischen regelmäßigen getesteten „Cell Broadcast“ für Katastrophenschutz.Ich hätte jetzt gern das erste, blaue verlorene Handy eingeschaltet, um zu sehen, was es mir selbst, von damals, 25 Jahre her, erzählen könnte. Oder auch das zweite blaue. Leider habe ich das Ladekabel nicht mehr. Aber dafür ungefähr 25 andere. Und bis zum nächsten Jubiläum kommen sicher noch mal 25 dazu. Deren Geschichte erzähle ich dann. Wenn man bis dahin überhaupt noch Kabel braucht.









