PfadnavigationHomeGeschichteFriedrich Merz ausgebuhtSchon immer zogen Bundeskanzler Proteste auf sich – das gehört zum JobStand: 13.05.2026Lesedauer: 6 MinutenWilly Brandt und Bundeskanzler Helmut Kohl am 10. November 1989 vor dem Schöneberger Rathaus in West-Berlin nach der Öffnung der Berliner Mauer Quelle: picture alliance/Caro/JandkeKein Regierungschef vor ihm habe „so etwas ertragen müssen“, beklagte sich der aktuelle Kanzler. Auf dem DGB-Kongress wurde Friedrich Merz ausgebuht. Doch derlei gehört erfahrungsgemäß zur Stellenbeschreibung seines Amtes.Der Auftritt war blamabel – und das lag nicht an den mangelnden Fähigkeiten der Sänger. Am Nachmittag des 10. November 1989, der Fall der Berliner Mauer war in vollem Gange, stimmten am Schöneberger Rathaus in West-Berlin Bundeskanzler Helmut Kohl, sein Vor-Vorgänger Willy Brandt, Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der Regierende Bürgermeister Walter Momper (SPD), CDU-Generalsekretär Volker Rühe und einige weitere die Nationalhymne „Einigkeit und Recht und Freiheit“ an. Die Reaktion des Publikums auf dem John-F.-Kennedy-Platz war ein gellendes Pfeifkonzert. Die linksradikale „Tageszeitung“ brachte bald eine Single mit einem Mitschnitt heraus, deren hämischer Titel „Deutschlandlied. Schöneberger Fassung“ lautete. Wer in die Spitzenpolitik geht, braucht ein dickes Fell. In einer Demokratie ist es das selbstverständliche Recht der Bürger, Kanzler, Minister und andere öffentlich auszubuhen. Daher ist das, was dem aktuellen Regierungschef Friedrich Merz jetzt auf dem DGB-Kongress in Berlin passiert ist, nicht außerordentlich. In bemerkenswertem Gegensatz dazu steht seine Selbstwahrnehmung, die der 70‑Jährige, also an sich allein qua Alter lebenserfahrene Christdemokrat, kurz zuvor in einem Interview mit dem Hamburger Magazin „Der Spiegel“ beschrieben hat: „Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.“Lesen Sie auchDas ist zumindest gewagt. Praktisch alle Kanzler mussten scharfe öffentliche Kritik ihrer politischen Gegner und aus dem Publikum normaler Bürger hinnehmen. Schon im allerersten Bundestagswahlkampf 1949, der besonders roh ausfiel, schmähten ihn Gegendemonstranten als „Lügenauer“, buhten und pfiffen. Doch meist schaffte es Konrad Adenauer, die Störer rhetorisch vorzuführen. Ähnlich im Wahlkampf 1953, als die aus Ost-Berlin gesteuerte westdeutsche KPD organisierte Störertrupps auf CDU-Veranstaltungen schickte. Hilflos dagegen war Adenauer im August 1961, als er erst neun Tage nach dem Mauerbau nach West-Berlin kam und hier Proteste empörter Einwohner der drei westlichen Sektoren hinnehmen musste. Am schlimmsten war es sicher am 7. November 1962, als er im Bonner Bundestag zur „Spiegel“-Affäre Rede und Antwort stehen musste. Denn selbst im Parlament wurde er nun, ganz unparlamentarisch, ausgebuht.Ähnliches wie Adenauer 1962 geschah seinem ungeliebten Nachfolger Ludwig Erhard drei Jahre später in West-Berlin: Bei seinem Besuch anlässlich einer regulären (wie sich herausstellte: der letzten regulären) Bundestagssitzung in der geteilten Stadt gab es massive Proteste. Inwieweit diese wiederum von der SED gesteuert wurden, ist unklar. Lesen Sie auchAber auch bei Wahlkampfauftritten und CDU-Kundgebungen in Arbeiterstädten in Nordrhein-Westfalen (besonders am 6. Juli 1966 auf dem Marktplatz in Gelsenkirchen-Buer) buhten Bürger Erhard lautstark aus. Die Menschen machten ihn direkt für den (allerdings nur leichten) Abschwung und die befürchtete Arbeitslosigkeit verantwortlich. Als „Knall von Gelsenkirchen“ wurde dieser Auftritt bekannt, bei dem seine Worte in einem Pfeifkonzert untergingen. Angesichts von Beleidigungen wie „Hau ab, vollgefressener Fettsack!“ verlor Erhard die Beherrschung und beschimpfte die Protestierenden als „Lümmel“. Er habe „noch nie zuvor so viel Dummheit, Frechheit und Gemeinheit auf einen Haufen gesehen“.Fünf Monate später amtierte ein neuer Bundeskanzler: Kurt Georg Kiesinger, ein rhetorisch eleganter Grandseigneur der Politik. Doch er war auch 1933 aus opportunistischen Gründen der NSDAP beigetreten. Das warfen ihm Kritiker mit zunehmendem pseudomoralischem Eifer vor – voran die aus Ost-Berlin gesteuerte und teilweise finanzierte Aktivistin Beate Klarsfeld, die ihn sogar am 7. November 1968 auf dem CDU-Parteitag in Berlin öffentlich ohrfeigte (sie erhielt zuerst ein Jahr ohne Bewährung, in zweiter Instanz vier Monate auf Bewährung).Zum Eklat kam es, als Kanzler Kiesinger am 22. Januar 1969 Ehrengast beim traditionellen Kramermahl in Münster war. Vor dem Veranstaltungsort, dem Rathaus der Universitätsstadt, versammelten sich bis zu 2000 teilweise gewaltbereite Studenten und skandierten Parolen. Im Friedenssaal, wo der Empfang stattfand, war der Lärm unüberhörbar. In seiner Rede später im Festsaal des Rathauses reagierte Kiesinger direkt und warnte „auf das Entschiedenste“ vor einer „zu Revolution und Umsturz unserer gesellschaftlichen Ordnung drängenden Minderheit unserer Universitäten“.Ähnlich, wenngleich aus ganz anderen Gründen umstritten, war der nächste Bundeskanzler, Willy Brandt. Ihm warfen Vertreter der Vertriebenen vor, ihre Heimat aufgegeben zu haben. Zwar kann man tatsächlich einiges Kritisches zur Ostpolitik sagen, aber die ehemals deutschen Siedlungsgebiete in Ostmitteleuropa waren durch Hitlers Krieg verloren; hier erkannte Brandt nur an, was ohnehin nicht zu ändern war. Zum Beispiel am Sonntag, dem 24. Juni 1973: Bis zu 5000 Demonstranten störten einen Termin des Kanzlers im schwäbischen Ellwangen durch Johlen und Buhrufe. Schon beim zweiten deutsch-deutschen Gipfeltreffen auf Regierungsebene im Mai 1971 in Kassel hatte es Proteste gegeben. Lesen Sie auchHelmut Schmidt, der fünfte Bundeskanzler, wurde nicht nur von erklärten politischen Gegnern, sondern auch von Anhängern seiner Partei, der SPD, hart angegangen. Das passierte später nur noch Gerhard Schröder, der sich (zu Unrecht) gern in eine Reihe mit Schmidt stellte. Dass CDU-Anhänger nach Schmidts Treffen mit DDR-Machthaber Erich Honecker Ende 1981 mitunter lautstark protestierten, war erwartbar. Neu war jedoch, dass die selbst ernannten „Pazifisten“ der SPD und auch zahlreiche Partei-„Freunde“ sich 1980 bis 1982 gegen den eigenen Kanzler stellten, weil sie dessen Initiative zum Nato-Doppelbeschluss ablehnten.Helmut Kohl war dann das personifizierte Feindbild der meisten Linken und vieler erst west-, dann gesamtdeutscher Medien. Unzählige seiner Veranstaltungen wurden oft massiv gestört. Am bekanntesten wurde neben dem Desaster am Schöneberger Rathaus (die Befürworter der Einheit hatten sich wegen schlechter Regie am Wittenbergplatz versammelt, sodass der linke Mob den John-F.-Kennedy-Platz praktisch für sich hatte) eine Eskalation in Halle: Kohl reagierte auf Buhrufe und Eierwürfe emotional, rannte auf die Täter zu und wollte sie sich greifen. Mitverantwortlich war, durch Videoaufnahme belegt, ein Juso-Funktionär.Mit dem linken Flügel des eigenen Lagers bekam es Gerhard Schröder wegen seiner Politik der Entkrustung des Sozialstaates 2004/05 zu tun. Aus den Protesten entstand eine neue sozialistische Splitterpartei, die WASG, die sich mit der PDS, der umbenannten SED, zusammenschloss und zur Linken wurde. Die Aufspaltung der SPD-Wählerschaft führte 2005 zur (wenn auch unerwartet knappen) Niederlage Schröders gegen die CDU-Vorsitzende Angela Merkel. Gegen die erste Kanzlerin der Bundesrepublik formierte sich ab 2012 heftiger Protest. Bei einem Wahlkampfauftritt am 30. August 2017 in Brandenburg an der Havel beispielsweise war der Lärm so groß, dass die Lautsprecheranlage übertönt wurde. Aber auch auf einem DGB-Kongress 2018 in Berlin schlugen ihr Pfiffe und Buhrufe entgegen.Selbst der bereits weitgehend dem Vergessen anheimgefallene Kanzler Olaf Scholz zog in seiner Amtszeit lautstarke Proteste auf sich – etwa am 17. August 2022 in Neuruppin, am 2. Juni 2023 in Falkensee, am 29. August 2024 in Seelow und am 17. Dezember 2024 in Magdeburg. Besonders: Selbst an sich gesittete Menschen wie die Wirtschaftsvertreter beim nordrhein-westfälischen Unternehmertag am 16. August 2023 in Düsseldorf pfiffen Scholz anhaltend aus.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.
Friedrich Merz ausgebuht: Schon immer zogen Bundeskanzler Proteste auf sich – das gehört zum Job - WELT
Kein Regierungschef vor ihm habe „so etwas ertragen müssen“, beklagte sich der aktuelle Kanzler. Auf dem DGB-Kongress wurde Friedrich Merz ausgebuht. Doch derlei gehört erfahrungsgemäß zur Stellenbeschreibung seines Amtes.











