PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftArtikeltyp:Meinung„Notizen aus der Provinz“Wie glutenfreie Hostien wildfremde Menschen und auch mich zusammenbringenStand: 11.05.2026Lesedauer: 3 MinutenFestlich: Erstkommunion in ErlangenQuelle: Frédéric SchwildenEr hat Gott nie getroffen. Aber bei der Erstkommunion seines Sohnes begegnete unser Autor etwas, das heute selten geworden ist: Menschen, die sonst kaum miteinander zu tun hätten – vereint durch ein bisschen Glauben, Tradition und Halleluja.Ich habe Gott nie persönlich getroffen. Also nicht wissentlich. Aber mein Sohn war jetzt bei seiner Erstkommunion. Und das fand ich allumfassend schön. Für viele mag das nicht ganz zusammengehen. Ich bin Journalist, Schriftsteller und Fotograf. Ich schreibe Artikel wie „Deutschlands Freiheit wird auch im Darkroom verteidigt“. Ich bin für die Legalisierung sämtlicher Drogen, mit größtmöglicher Prävention und einer Besteuerung, die diese Prävention und vieles mehr finanziert. In den Augen vieler Menschen kleide ich mich sonderbar. Das Satire-Magazin „Titanic“ nannte mich mal „kuriose Schwuchtel“. Das hat mich sehr gefreut. Und selbstverständlich finde ich, dass die „Titanic“ das darf, genauso wie den Papst oder Mohammed in lächerlicher Art und Weise darzustellen.Am Weißen Sonntag also finden überall in Deutschland Erstkommunionen statt. Der Patenonkel meines Sohnes ist aus Berlin angereist. Am Samstag haben wir den ersten Spargel gegrillt. Alles war so leicht und schön.Bildungsnah und -fern, kräftiger, dünner, alle vereintIn den Wochen und Monaten davor ist mein Sohn zum Kommunionsunterricht gegangen. Themen waren unter anderem die Bibel, das Gebet, „Ich & Jesus“ und die Beichte. All diese Unterrichtsstunden haben Eltern gemacht. Eine davon auch ein anderer Vater und ich. Im Pfarrraum neben der Kirche. Die Kinder waren fantastisch. Sie kamen aus armen und reichen, aus deutschen und ausländischen Familien. Sie waren bildungsnah und bildungsfern. Kräftiger, dünner. Und alles dazwischen. Es gab Eltern, die danach gefragt haben, ob es auch glutenfreie Hostien gibt. Andere wiederum hatten ein Problem mit den Worten „Jungfrau Maria“. Wieder andere fanden es schwierig, dass es im apostolischen Glaubensbekenntnis heißt, dass Jesus kommt, um „zu richten die Lebenden und die Toten“. Aber auch das fand ich wunderschön.Lesen Sie auchWir Menschen sind ja alle irgendwie verrückt. Obwohl wir auf einem Planeten leben, leben wir doch in verschiedenen Welten. Aus rein demografischer Perspektive hätte ich mit all diesen Menschen nie etwas zu tun gehabt. Aber das bisschen Glauben und Tradition, das ich habe und lebe, und auch meine nostalgisch-folkloristische Verklärung davon, haben uns zusammengeführt.Bei aller Verschiedenheit, die uns heute ja eher voneinander trennt – ich denke an die Studie, die herausgefunden hat, dass vor allem AfD- und Grünen-Wähler lieber unter sich bleiben –, hat uns die Kommunion unserer Kinder über Monate zusammengeführt.Lesen Sie auchUnd in der Kirche singen sie das Halleluja. Über 30 Messdiener stehen vor dem Altar. In weiß-roten Gewändern. Mit Bannern, auf denen Kreuze und Tauben sind. Mit großen Kerzen. So ein gutes Bühnenbild habe ich zuletzt beim Rihanna-Konzert gesehen.Ich schreibe diese Kolumne am Montagmorgen. Gleich fahren wir zum Kommunionsausflug in den Bamberger Dom. Keine Ahnung, ob ich Gott dort treffen werde. Aber ich glaube, dass jeder Mensch das Ebenbild Gottes ist. Das haben wir alle gemeinsam. Egal, ob Christen, Muslime, Juden, Agnostiker oder was auch immer. Und genauso sollten wir uns begegnen. Jeden Tag.