PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungReligionWeihnachten, das antisäkulare FestVon Ralf FrischVeröffentlicht am 27.12.2025Lesedauer: 6 MinutenEin Herrnhuter Stern in der Dresdner FrauenkircheQuelle: picture alliance/epd-bild/Matthias SchumannDer Zeitgeist versucht, christliche Feste zu verweltlichen. Aber es gibt kein säkulares Äquivalent für die erlösende Botschaft von Weihnachten: „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Ein Gastbeitrag des Theologen Ralf Frisch.Alle Jahre wieder will es mir scheinen, als bemächtige sich eine Art Weihnachtsdämon der theologischen Zunft, die in der Zeit vor dem Heiligen Abend über ihren Predigten sitzt. Dieser Weihnachtsdämon hat einen Namen. Er heißt Selbstsäkularisierung und verspricht Aufmerksamkeit durch Anschluss an den entchristlichten Zeitgeist. Und weil das verführerisch ist, suchen viele Predigtschreiberinnen und Predigtschreiber ihr Heiligabendheil in der Flucht in die Ununterscheidbarkeit des Weihnachtsevangeliums von den Weisheiten der säkularen Welt. Die lauten: „Folge deinem Stern. Werde Mensch. Finde deinen Sinn selbst. Mache Sinn. Tue Gutes. Schreib die Welt nicht ab. Schreib sie um.“ So mutiert Weihnachten zu einem Fest des besseren Selbst und der besseren Gesellschaft – und mittlerweile auch zu einem Fest der von jeder Anstößigkeit und Andersartigkeit des Glaubens befreiten reinen Leere aseptischer ethischer Korrektheit.In den sozialen Medien kursiert derzeit die etwas alberne, aber doch irgendwie rührende Parodie eines „integrativen und weltlichen“ Krippenspiels. Sie zeigt, wie vom Inventar der Krippe am Ende nichts mehr übrigbleibt, weil den moralischen Reinigungskräften einer postchristlichen Epoche alles als unsäglich gilt, was seit zwei Jahrtausenden in der Christenheit überliefert wird. Das Filmchen, das auf seine Weise den Untergang des christlichen Abendlands betrauert, endet mit Heinz Erhards Satz: „Früher war alles gut. Heute ist scheinbar alles besser. Aber es wäre noch besser, wenn alles wieder gut wäre.“Lesen Sie auchEin Berliner Theologiestudent bot in der Adventszeit „interreligiöse und rassismuskritische“ Führungen durch die Weihnachtsgeschichte an, um Weihnachten als „Fest für alle gesellschaftlich nutzbar“ zu machen. Seine antikolonialistische Transformation der Weihnachtsgeschichte zu einem Fest für keinen außer einer keimfreien ideologischen Illusion ist zwar ein realsatirischer Ausweis von theologischer Torheit und Denkverweigerung, aber als Menetekel nicht zu unterschätzen. Denn eines dürfte selbst dann gewiss sein, wenn sogar das Amen in der Kirche der Säkularisierung zum Opfer fallen sollte: Die Säkularisierung wird ihre Kinder fressen. Die christlichen und die nichtchristlichen. Und dann wird nicht etwa die Stunde einer besseren Welt, sondern die Stunde der um so erbarmungsloseren nichtreligiösen und religiösen Ideologien schlagen.Der norwegische römisch-katholische Bischof Erik Varden sagte unlängst in einem Interview, die Säkularisierung in Skandinavien sei zu ihrem Ende gekommen. Irgendwann gebe es nämlich nichts mehr zu säkularisieren. Das ist wohl wahr. Dennoch unterschätzt diese These die Mächtigkeit der säkularistischen Selbstzersetzung des christlichen Glaubens. Gerade dessen theologisch liberale, mehr von Erasmus und Kant als von Paulus und Luther geprägte politisch-moralische evangelische Spielart ist äußerst anfällig für die Verführung, die Menschwerdung Gottes in die Menschwerdung des Menschen und religiöse Kommunikation in weltliche Kommunikation zu übersetzen. Dieser Protestantismus neigt sozusagen dazu, in die Krippe im Stall von Bethlehem nicht das Christuskind, sondern einen Spiegel zu legen. In diesem Spiegel soll die geneigte Gemeinde dann ihr besseres Selbst betrachten und ihr Leben entsprechend reflektieren und ändern.Lesen Sie auchJe stärker jedoch die Tendenz wird, Weihnachten als Fest der bessermenschlichen Selbstbespiegelung zu feiern und in ein Hochamt des Humanismus zu verwandeln, desto erbarmungsloser verdunkelt sie den eigentlichen Grund des Weihnachtsfestes. Denn die Pointe des Weihnachtsevangeliums besteht ja gerade nicht darin, Jesus Christus als moralisches Vorbild das Licht der Welt erblicken zu lassen. Vielmehr kommt Gott deshalb zur Welt, weil der Mensch nicht nur der Freund des Menschen, sondern allzu oft des Menschen Wolf ist. Er kommt zur Welt, um die mit sich und der Welt überforderte Menschheit von ihren Selbstwirksamkeitsillusionen zu erlösen. Gott kommt zur Welt, um der Welt die Last der Welt von den Schultern zu nehmen. Er kommt zur Welt, weil der Welt nur durch Gott zu helfen und weil sie nur durch den Heiland zu retten ist. Je mehr die Kirche diese Heilandsbotschaft opfert, um in einer weltlichen Welt besser verstanden zu werden, desto offensichtlicher dürfte zutage treten, wie wenig sie in Wahrheit zu sagen hat und wie wenig sie das Geheimnis ihres Glaubens fasziniert.Lesen Sie auchDiese Dialektik der Säkularisierung wollen weite Teile des Protestantismus allerdings nicht wahrhaben. Und genau das sorgt dafür, dass immer noch mehr Säkularisierung für nötig gehalten wird. Die römisch-katholische Kirche ist vor dieser selbstzerstörerischen Versuchung von je her gefeiter als die evangelische Kirche. Eigentlich müsste man der evangelischen Christenheit also raten, aus den säkularisierungsresistenteren Genen des Katholizismus einen Impfstoff zur Stärkung der eigenen Immunabwehr zu entwickeln, ehe es zu spät ist und die letzten Advents- und Weihnachtskerzen ausgehen.Aber vielleicht braucht man evangelischerseits gar nicht den Weg nach Rom einzuschlagen. Womöglich genügt ein Blick in die Weihnachtsempirie der säkularen Welt, um zur Besinnung zu kommen und theologisch klug zu werden. Ja, es gibt diejenigen, für die Weihnachten noch nie ein christliches oder humanistisches Fest, sondern immer schon eine neuheidnische Feier des intensiven Lebens, also eine genussexzessive Ausnahme von der Alltagsnüchternheitsregel war.Tief in ihren säkularen Herzen Aber es gibt eben auch diejenigen, denen an Weihnachten etwas dämmert. Die große Sehnsucht nämlich, dass dieser säkulare Alltag doch nicht alles sein kann und dass es um Gottes willen mehr als das alles geben muss, weil sonst alles nichts wäre. Es gibt diejenigen, für die Weihnachten das antisäkulare Fest schlechthin ist, weil sie den unstillbaren Wunsch nach einer Wiederverzauberung der Welt durch den Glanz des Heilands tief in ihren säkularen Herzen tragen. Es gibt diejenigen, die Alltag für Alltag mitten in der Welt leben, aber an Weihnachten von einer befremdlichen Weltfremdheit heimgesucht werden.Es gibt diejenigen, die merkwürdigerweise merken, dass ihnen doch etwas fehlt, wenn Gott fehlt. Es gibt einen Weihnachtskern, an dem sich die Säkularisierung bisher noch immer die Zähne ausgebissen hat und hoffentlich noch lange ausbeißen wird. Denn der transzendenz- und heilandsvergessene säkularistische Weihnachtsdämon kann dem nachchristlichen Abendland nichts bieten außer einer sehr trostlosen, von keinerlei Licht der Erlösung beglänzten Überlastungs- und Erschöpfungsdepression, auf deren Grund ein tiefer Nihilismus lauert.Unsere heillose Welt hätte dieses Licht der Erlösung bitter nötig. Sie hätte bitter nötig, dass ihr bis auf Weiteres, vielleicht sogar bis zum Jüngsten Tag zugesagt wird, was sie sich selbst nicht sagen kann, was sie in die erlösende Anderswelt versetzt und wofür es kein säkulares Äquivalent gibt: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren.“Ralf Frisch ist Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Zuletzt erschien von ihm „Gott. Ein wenig Theologie für das Anthropozän“ (Theologischer Verlag Zürich).
Religion: Weihnachten, das antisäkulare Fest - WELT
Der Zeitgeist versucht, christliche Feste zu verweltlichen. Aber es gibt kein säkulares Äquivalent für die erlösende Botschaft von Weihnachten: „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Ein Gastbeitrag des Theologen Ralf Frisch.













