PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1962„Ich bin bereit, auf meine Antwort zu warten, bis die Hölle gefriert“Veröffentlicht am 29.04.2026Lesedauer: 5 MinutenJohn F. Kennedy während seiner TV-Ansprache am 22. Oktober 1962Quelle: picture alliance/United Archives/91050/United_Archives/TopFotoNie stand die Welt näher am atomaren Abgrund als im Oktober 1962. Die Sowjetunion hatte insgeheim Kernwaffen auf Kuba stationiert. John F. Kennedy entschärfte die Krise in ruhigen, genau kalkulierten Manövern. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Selbst den liebevollsten Vater stören die eigenen Kinder manchmal. Zum Beispiel die knapp fünfjährige Caroline Kennedy am 16. Oktober 1962. An diesem Montag marschierte sie wie so oft einfach ins Büro ihres Vaters, des Präsidenten der USA. Es war etwa zehn Minuten vor neun. Doch ausnahmsweise hatte John F. Kennedy einmal gar keine Zeit für das kleine Mädchen: „Wir sehen uns später, Caroline. Wir sehen uns später“, versuchte er, seine Tochter zu vertrösten. Doch das Kind gab schlagfertig zurück: „Weißt du was? Ich will nicht, dass du so viel tust!“Die sechs Männer im Oval Office quittierten diese klare Weisung an ihren Obersten Befehlshaber mit kurzem Gelächter, und selbst der Präsident konnte dem Mädchen nur zustimmen: „Okay.“ Zufrieden verließ Caroline das Arbeitszimmer des mächtigsten Mannes der Welt. Kennedy konnte sich nun wieder seiner eigentlichen Aufgabe zuwenden: einen Atomkrieg zu verhindern.Denn just an diesem Morgen hatte der US-Präsident erfahren, dass sich in unmittelbarer Nähe zu Florida eine erhebliche Gefahr zusammenballte: Zum ersten Mal hatten ihn sein Sicherheitsberater McGeorge Bundy, Verteidigungsminister Robert McNamara und sein höchster Offizier General Maxwell Taylor informiert, dass auf Kuba sowjetische Atomraketen aufgestellt wurden. Nie zuvor und nie danach war die Welt so nahe am nuklearen Untergang wie während der folgenden 13 Tage. Zwei Höhenaufklärer vom Typ Lockheed U-2 hatten am Sonntag die kommunistisch beherrschte Insel überflogen und fotografiert. Auf einem ihrer Bilder aus der weiteren Umgebung der Stadt San Cristobal waren acht sowjetische Raketentransporter zu erkennen, alle offenkundig beladen. Außerdem mindestens vier Aufricht- und Startgeräte, für die gerade Stellungen aufgeschüttet wurden. Auf einem anderen Foto sah man sechs weitere Raketen.CIA-Spezialisten hatten die Nacht damit verbracht, anhand von Bildern der vergangenen Militärparaden auf dem Roten Platz in Moskau den Typ der mit Planen verdeckten Raketen zu ermitteln. Jetzt waren sie sich sicher: Es handelte sich um atomar bestückte Mittelstreckenraketen vom Typ R-12, nach dem Nato-Code SS-4 genannt. Mit einer Reichweite von etwa 2000 Kilometern konnte diese Rakete von Kuba aus den gesamten Südosten der USA bis hinauf nach Washington D. C. treffen – und zerstören.Lesen Sie auchDer Kreml stationierte also tatsächlich insgeheim Atomwaffen auf der Karibikinsel, wie die CIA schon seit Wochen gewarnt hatte. Wobei die Geheimhaltung entscheidend war – ähnliche Raketen des Typs Jupiter hatten die USA ganz offen auf Stützpunkte in Italien und der Türkei in Stellung gebracht.Kennedy setzte sofort einen Ausschuss aus Strategie- und Militärexperten ein, der den Fantasienamen Executive Committee of the National Security Council oder „ExComm“ bekam. Solange man über mögliche Reaktionen beriet, sollten die beunruhigenden Informationen der Weltöffentlichkeit vorenthalten bleiben. Lesen Sie auchIn den kommenden Tagen diskutierte das ExComm alle möglichen Optionen. Die aus militärischer Sicht naheliegende war ein Überraschungsangriff auf die Raketenstellungen, bevor sie einsatzbereit waren, und eine anschließende Invasion Kubas. Dabei allerdings würden Hunderte, wenn nicht Tausende Sowjets umkommen, was unabsehbare außenpolitische Folgen haben dürfte. Das andere Extrem hieß: ignorieren. Das allerdings musste die Hardliner im US-Staatsapparat, die ohnehin mit den liberalen Kennedys wenig bis nichts anfangen konnten, in Rage versetzen – mit fatalen innenpolitischen Konsequenzen.Vor diese Alternative gestellt, entschied sich Kennedy für eine komplexe Kombination: öffentlichen Protest, militärischen Druck, diplomatische Attacke und Geheimverhandlungen. Am 22. Oktober 1962 kündigte der Präsident per TV-Ansprache eine „Quarantäne“ Kubas an. Von der (seinerzeit) US-dominierten Organisation Amerikanischer Staaten erhielt das Weiße Haus dafür die formale, völkerrechtlich allerdings wertlose Genehmigung.„Der kühle Rechner Kennedy“, urteilte WELT-Politikchef Ernst-Ulrich Fromm, „könnte sehr wohl der Mann sein, der in einem unerwarteten Augenblick das ,Bis hierher und nicht weiter‘ verkündet.“ Die Amerikaner seien „nicht mehr willens“, sich täuschen und herumstoßen zu lassen. Als entscheidend erwies sich das Wortgefecht, das sich Kennedys ehemaliger Konkurrent in der Demokratischen Partei, Adlai Stevenson, im Weltsicherheitsrat mit dem sowjetischen UN-Botschafter Walerian Sorin lieferte. Der als US-Botschafter zu den Vereinten Nationen abgeschobene zweimalige Präsidentschaftskandidat fragte: „Leugnen Sie, Herr Botschafter, dass die UdSSR Mittelstreckenraketen auf Kuba installiert? Ja oder Nein? Warten Sie nicht auf die Übersetzung! Ja oder Nein?“ Lesen Sie auchDerart in die Defensive gedrängt, konnte Sorin nur antworten: „Ich bin nicht in einem amerikanischen Gerichtssaal, Sir, und deshalb habe ich keine Lust, eine Frage zu beantworten, die mir gestellt wird, als stünde ich vor dem Staatsanwalt.“Stevenson gab zurück: „Sie stehen hier vor dem Gerichtshof der Weltmeinung, und Sie können antworten. Ja oder Nein? Ich bin bereit, auf meine Antwort zu warten, bis die Hölle gefriert.“ Anschließend ließ er dem Sicherheitsrat und damit der Weltöffentlichkeit Aufnahmen der Raketenstellungen zeigen. Das war der Wendepunkt der Kubakrise.Nach einigem Hin und Her signalisierte Kennedy, die USA seien bereit, ihre Jupiter im April 1963 außer Dienst zu nehmen, wenn die Sowjetunion die SS-4 sofort zurücktransportierte – und der Deal geheim blieb. Das war brillante Staatskunst, denn die veraltete Jupiter sollte sowieso ausgemustert werden. Geschickt hatte er die gefährlichste Situation des Kalten Krieges entschärft.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.